Weil am Rhein Stets nah am Menschen

Elf Jahre lang hat Renate Krüger in der St. Georgskirche in Haltingen gewirkt.Fotos: Adrian Steineck Foto: Weiler Zeitung

Die Sonne scheint auf die evangelische Kirche St. Georg in Haltingen. Die Kirchturmglocke markiert mit ihrem Glockenschlag jede Viertelstunde. Auf einer Sitzbank neben der Kirche treffen wir uns mit Renate Krüger. Nach elf Jahren in Haltingen wird die engagierte Pfarrerin am morgigen Sonntag in den Ruhestand verabschiedet.

Von Adrian Steineck

Weil am Rhein-Haltingen. Wie ihr Lebensweg sie von Ostberlin ins Markgräflerland führte, wie sie trotz ihrer atheistisch geprägten Erziehung Pfarrerin wurde und was sie in ihrer Zeit in Haltingen an berührenden Begegnungen erlebte, darüber hat unsere Zeitung mit Renate Krüger gesprochen.

Frage: Frau Krüger, morgen werden Sie als Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde Haltingen verabschiedet. Kann das in der derzeitigen Corona-Situation überhaupt gebührend gefeiert werden?

Natürlich nicht so frei wie früher, aber unter den entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen wird durchaus gefeiert. Wir sind von der St. Georgskirche in die Haltinger Festhalle ausgewichen, und auch dort dürfen statt 700 Besuchern nur 160 hinein. Diese Zahl haben wir bereits erreicht. Es wird aber auch eine Warteliste geben, denn es kann immer sein, dass jemand nicht kommt. Ich habe auch zu meinen Freunden gesagt: Ihr seid eingeladen, aber bitte kommt nicht, wir feiern dann mal gemeinsam in einem anderen Rahmen.

Frage: Wie hat sich die Corona-Pandemie auf Ihr letztes Dienstjahr in Haltingen ausgewirkt?

Im letzten Arbeitsjahr will man natürlich alles noch einmal ganz bewusst und intensiv erleben: zum letzten Mal Ostern, das letzte Gemeindefest. Das war in der gewohnten Form dieses Jahr nicht möglich.

Frage: Wie haben Sie diese Zwangspause erlebt?

Es kommt auf einmal eine Stille oder Leere, aber man kommt auch zur Besinnung. Wir sind ja in meinem Beruf immer am Rennen. Als dann unter den entsprechenden Hygiene-Auflagen wieder Gottesdienste stattfinden konnten, waren wir eine der ersten Gemeinden in der Region, die das umgesetzt hat.

(Renate Krüger schaut auf einmal an einem vorbei. Sanft lächelnd sagt sie: „Jetzt kommt die Katze.“ Eine braune Katze läuft langsam auf sie zu, dann springt sie auf die Bank und lässt sich von der Pfarrerin kraulen. Nach einer Weile ist ihr leises, wohliges Schnurren zu hören.)

Die Katze gehört nicht mir, sondern einem Bauern aus Haltingen. Aber ich glaube, sie hat sich mich ausgesucht. Ich habe auch selbst Katzen (sie denkt kurz nach, wobei ihr Gesicht wieder ernst wird). Natürlich macht man sich Sorgen um die Menschen, die bisher nicht wieder in der Kirche aufgetaucht sind. Es gibt auch noch einige, die derzeit Angst haben, unter Menschen zu gehen. Gerade Ältere.

Frage: Wenn wir gerade bei den persönlichen Begegnungen mit den Menschen sind: Gab es da in Ihrer Arbeit als Seelsorgerin auch Begegnungen, die Sie besonders berührt haben?

Mein Anliegen war es immer, dass ich mit allen Altersgruppen in Kontakt komme, vom jährlichen Jugendzeltlager bis zur Seniorenarbeit. Die Kinder im Dorf winken mir zu, wenn sie mich sehen. Am schwierigsten zu erreichen sind die Berufstätigen, die stark eingespannt sind. Für diese bieten wir unter anderem unseren „Kirchenkaffee“ an. In meiner Arbeit als Seelsorgerin waren Beerdigungen, Taufen und Trauungen oft sehr berührend. Es kann auch zu Familienstreitigkeiten kommen und dazu, dass sich Eltern Sorgen um ihr Kind machen. Manchmal sagen mir Menschen etwas, einfach damit ich es weiß.

Frage: Ihr eigenes Schicksal führte Sie ja auch auf Umwegen zu Ihrem Beruf. Von Ihrer Erziehung her war der Weg zu Gott nicht unbedingt vorgezeichnet.

Das stimmt. Meine Familie war atheistisch, aber dennoch hat meine Mutter damals in der DDR mich aus Protest in einen evangelischen Kindergarten geschickt. Im Konfirmandenunterricht habe ich dann erstmals eine Bibel in der Hand gehabt. Meine Mutter hat mich insofern geprägt, als sie immer gesagt hat: Ich selber glaube nicht an Gott, aber hört euch doch mal an, was Andere dazu sagen. Dadurch begleitet einen die Frage, ob da eventuell etwas dran ist, durch die Kindheit und Jugend.

Frage: Wie hat sich diese Prägung auf Ihre Tätigkeit als Pfarrerin ausgewirkt?

Sicherlich insofern, als dass ich die Menschen gut verstehe, die in ihrem Leben ohne Gott auskommen. Auch spreche ich in meinen Predigten nicht unbedingt eine fromme, sondern eine allgemein verständliche Sprache. Ich bin froh, dass ich gewissermaßen von außen zum Thema Glaube gekommen bin, da habe ich sicherlich manchmal eine offenere Herangehensweise gehabt als jemand, der von Kindesbeinen an religiös geprägt ist.

(Das Gespräch wird kurz unterbrochen. Eine Seniorin winkt Krüger lächelnd zu und wünscht ihr alles Gute für den Ruhestand. Die Pfarrerin steht auf und hört sich mehrere Minuten an, wie es der Frau geht, wobei sie ganz ihr zugewandt ist.)

Frage: Sie sind als Kind mit Ihrer Familie aus Ost-Berlin in den Westen geflohen. Wie haben Sie das damals erlebt?

Als Kind war das ein Abenteuer (sie schaut nachdenklich). Eigentlich erstaunlich, wie die Eltern es geschafft haben, dass wir Kinder keine Angst hatten. Man musste sich nicht fürchten, denn die maßgeblichen Bezugspersonen waren ja da. Bei der Flüchtlingskrise ab dem Jahr 2015 konnte ich mich gut in die geflüchteten Menschen hineinversetzen, auch wenn meine eigene Fluchtgeschichte natürlich weit weniger dramatisch war als das, was die meisten dieser Menschen erlebt haben. Ich habe selbst auch länger als ein Jahr drei Iraner, die sich christlich taufen lassen wollten und dadurch in der Gemeinschaftsunterkunft für Unruhe sorgten, im Pfarrhaus beherbergt.

Frage: Neben den persönlichen Begegnungen: Was haben Sie an Ihrer Pfarrerstätigkeit in Haltingen besonders geschätzt?

Dass ich absolut vielfältig arbeiten konnte. Die Ökumene war mir immer ein großes Anliegen, auch die Zusammenarbeit mit der Regio-Gemeinde.

Frage: Gibt es bereits einen Nachfolger für Sie?

Die Stelle ist bis Ende September ausgeschrieben. Es gibt auch bereits einen Interessenten. Aber bis dann die Entscheidung getroffen wurde und alle Vorstellungsgottesdienste stattgefunden haben, wird die Stelle wohl ein halbes bis ein ganzes Jahr vakant bleiben. In der Zwischenzeit werde ich durch Pfarrer Dirk Fiedler sowie durch Norbert Höllstin und Maria Siegmund vertreten.

Frage: Wo werden Sie im Ruhestand wohnen? Bleiben Sie der Region verbunden?

Ja. Ich habe ein Häuschen in Binzen gemietet, wo ich Anfang Oktober hinziehe. Ich bleibe der Gemeinde noch etwas verbunden und halte im Oktober noch die Konfirmationen ab, die unter Corona-Auflagen in der Haltinger Festhalle stattfinden. Ansonsten freue ich mich darauf, Zeit für meine Familie zu haben und alte Freunde besuchen zu können. Da werde ich ganz schön umherreisen müssen (lacht).

Weitere Informationen: Der Abschiedsgottesdienst für Renate Krüger findet morgen ab 15 Uhr in der Festhalle Haltingen statt (bei gutem Wetter vor der Festhalle). Die Besucherzahl in der Festhalle ist auf 160 begrenzt.

Sie ist im Jahr 1953 in Berlin-Lichtenberg (DDR) geboren. Nach dem Studium der Theologie in Tübingen und Heidelberg war sie unter anderem als Pfarrerin in Badenweiler und mit einer halben Pfarrstelle in Müllheim tätig. Seit September 2009 war sie in Haltingen Pfarrerin, zunächst als Vakanzvertretung, ab April 2010 dann mit einer regulären Stelle. Sie hat zwei Töchter und einen Sohn sowie zwei Enkelkinder, für die sie im Ruhestand mehr Zeit haben will als bisher.

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