Weil am Rhein Von der Blindheit nicht klein kriegen lassen

Elisabeth Müller musste das Vortasten lernen. Fotos: Marco Fraune Foto: Weiler Zeitung

Die Buchstaben auf der Seite werden plötzlich zu einem schwarzen Strich. Ein immer dunkelgrauerer Schleier legt sich in den nächsten Jahren über die Augen von Elisabeth Müller. Irgendwann ist es so weit, dass sich die Weilerin sogar auf dem Rathausplatz verläuft. „Es ist nicht so schlimm“, hadert die 61-Jährige aber keineswegs mit ihrem Schicksal, der völligen Blindheit. Sie meistert den Alltag – seit langem.

Von Marco Fraune

Weil am Rhein. Mehrere Jahrzehnte sind seit der nicht mehr möglichen Lektüre des Buches über Parapsychologie vergangen. Elisabeth Müller hat erst vor einigen Monaten, Anfang 2019, ihre eigene Physiotherapie-Praxis an eine Mitarbeiterin übergeben. Diese beschäftigt sie nun in Teilzeit weiter – wie bei der Firmenübergabe vereinbart und für den gleitenden Übergang in die Rente gewünscht. Die gebürtige Weilerin wirkt im Gespräch mit unserer Zeitung mit ihrem Leben zufrieden.

+ + +

Im Jahr 1958 kommt Elisabeth Müller zur Welt. Es geht in den Kindergarten, bis zur neunten Klasse in die Hauptschule, nur im Alter von zehn Jahren muss sie ins Krankenhaus. Der Augenarzt vermutet einen Tumor, doch auf eine Operation wird dann doch verzichtet: Drei Ärzte sind dagegen, nur zwei dafür. Erst im Alter von 15 Jahren liegt das Buch mit den sich vor den Augen verändernden Buchstaben vor ihr. Angst kommt auf.

+ + +

Die aktuelle Wohnung der 61-jährigen Elisabeth Müller unterscheidet sich nur bei genauestem Hinsehen. Beim Besuch geben sich der Autor dieser Zeilen und die Protagonisten dieses Portraits zielsicher die Hand. Ein Blick in die Augen lässt nicht direkt eine Blindheit erkennen. Die Küche, das Esszimmer, das Wohnzimmer und rundherum: keine Besonderheit. Nur an der Wand hängt eine Vogelstimmen-Uhr, bei der das Gezwitscher auf die Stunde Rückschlüsse ermöglicht. Erst später zeigt die Bewohnerin einige kleine Tricks, die ihr den Alltag erleichtern.

+ + +

In der Pubertät spielen bei Elisabeth Müller nicht die Hormone verrückt, sondern die Bilder vor den Augen: Nase und Mund verschieben sich zu einem seltsamen Ganzen. Die obere Hälfte fehlt, ist einfach weg. Es fällt schwer, die fehlenden Elemente noch zu komplettieren. Mit 18 Jahren ist es dann soweit, es geht in eine Heidelberger Spezialklinik für Erbkrankheiten. „Retinitis Pigmentosa“: die Netzhaut stirbt ab, lautet die Diagnose. Auch der Bruder sowie die Schwester leiden im Laufe ihres Lebens darunter.

+ + +

An der Garderobe der Wohnung von Elisabeth Müller hängen zwei Blindenstöcke. Die 61-Jährige zeigt, wie sie sich mit diesem wichtigen Hilfsmittel in der Stadt vortastet. „Wandern und Radfahren ist schwierig.“ In der Portion Galgenhumor steckt zugleich ein wenig Sehnsucht nach dem, was ihr fehlt. Zum Landesgartenschau-Gelände weist der Weg Barrieren auf. Aber auch das wenige Meter entfernt liegende Laguna Badeland meidet die 61-Jährige. „Ich würde gerne schwimmen gehen, doch dort komme ich wegen der Geräuschkulisse nicht zurecht.“

+ + +

Im Alter von 15 bis 18 Jahren geht die immer mehr unter ihrer Sehschwäche leidende Elisabeth Müller zur Wirtschaftsschule Lörrach. „Ein Horror.“ Rücksichtnahme erfährt sie hier kaum. Der Steno- und Schreibmaschinenlehrer verpasst ihr sogar ein „ungenügend“, ein Jahr extra muss sie absolvieren, bis es zum Abschluss reicht. Der Preis für die Mittlere Reife ist hoch, da sich die Weilerin mittlerweile auf dem Weg zur Schule an der hellen Jacke eines vorauslaufenden Schülers orientieren muss und ihr auch sonst nichts geschenkt wird.

+ + +

„Ich höre durch den Schall größere Gebäude oder auch parkende Laster“, schildert Müller ihren Orientierungssinn. Dennoch kommt es vor, dass sie gegen am Straßenrand abgestellte Autos läuft. Selbst später verirrt sich die Blinde auf dem Rathausplatz, wenn ein Orientierungspunkt verpasst wird. Im Alltag kommt sie dennoch klar.

+ + +

Auf die Mittlere Reife folgt die Fahrt nach Stuttgart – der Besuch der Blindenschule. Während des einen Jahres lernt die junge Frau, sich besser als Blinde zurecht zu finden. Zwar kann sie noch etwas sehen, doch nicht mehr lange, daher wird sie mit verbundenen Augen vorbereitet. Die Blindenschrift lesen und schreiben, das ist ein anderes Thema. Das Gehör will zudem trainiert werden, zum Beispiel um Räder und Autos zu hören. Es gilt, sich mit dem Stock vorzutasten.

Auch an der Berufswahl wird gearbeitet. Telefonistin, Bürokauffrau oder Korbflechterin: Allzu viele Berufsbilder für Blinde gibt es Mitte der 1970er-Jahre nicht. Die Eltern sorgen mit dafür, dass ihre Tochter eine gute Ausbildung erhält.

+ + +

„Ich musste mich viel stärker konzentrieren“, blickt die 61-Jährige auf ihre Tätigkeit als Chefin in der Physiotherapie-Praxis. Die sichere Fortbewegung im Raum ist nicht immer einfach, der Terminplan mit den Kunden muss gleichzeitig im Kopf sein und dann auch noch solche Dinge, ob die Patienten denn schon bezahlt haben. „Das ist sehr anstrengend.“ Ablehnung erfährt sie im Laufe ihrer Tätigkeit nur vereinzelt. „Von einer Blinden lasse ich mich nicht behandeln“, heißt es in Einzelfällen. Andere Personen wiederum merken es erst während der Anwendung, also im Laufe des Gesprächs. Insgesamt überwiegen deutlich die positiven Rückmeldungen.

+ + +

Im Alter von 19 Jahren fällt die Entscheidung, den Beruf der Masseurin zu ergreifen. In Würzburg beim Berufsförderungswerk für Erblindete lernt Elisabeth Müller die Themenbereiche Anatomie und Physionomie, mit 20 Jahren bekommt sie einen Platz in Bad Säckingen. Dort hat zuvor noch keine komplett Blinde die Schulbank gedrückt. Sie tippt den von ihr mit einem Aufnahmegerät erfassten Unterricht einfach in Blindenschrift ab – für die eigenen Unterlagen, zum Lernen. Es stellt sich im Laufe der Zeit dennoch als Kampf heraus, Im Jahr 1981 hat Elisabeth Müller den Abschluss aber in der Tasche.

Es folgt ein Praktikum in einer bayerischen Kurklinik, doch nach der befristeten Anstellung ist angesichts von Gesundheitsreform-Kürzungen Schluss. Ein Jahr Arbeitslosigkeit folgt, bis in Weil am Rhein im früheren Kaufhaus gegenüber vom Kaufring eine Praxis eröffnet, die gute Erfahrungen am anderen Standort mit Blinden gemacht haben. Als der Chef dann in die neuen Bundesländer geht, übernimmt Elisabeth Müller die Praxis für die nächsten Jahrzehnte bis Ende 2018.

+ + +

„Ich entscheide viel aus dem Gefühl heraus“, erzählt die Weilerin am Esszimmertisch sitzend, bei dem für den Besucher das Licht angeknipst wurde. „Ich höre zwischen den Zeilen.“ In die Augen blicken, die Mimik erkennen, das entfalle schließlich. Der Tonfall sei entscheidend für das Gespräch. Beim Spaziergang ist es die Vorstellungskraft, wie etwas aussieht. Grenzen gibt es dennoch: Einkaufen ist nicht möglich, wofür es Unterstützung benötigt. Verreisen geht nur in Begleitung und auch für den Schriftverkehr hat Elisabeth Müller einen anderen Menschen, der mitwirkt. Den Rest erledigt sie mit ihren Ohren, dem Blindenstock oder mit dem iPhone, mit dem sie sogar via WhatsApp kommuniziert. Für andere alltägliche Dinge helfen kleine Aufkleber am Herd, eine Sprachsteuerung an der Küchenwaage oder eben das Gezwitscher der Uhr. Geruch und Geräusch des gebratenen Fleischs, die kleinen Dreckkrümel, die durch den Staubsaugerschlauch rasen, das sind alltägliche Dinge für die 61-Jährige. Und einige Tricks hat sie auch, um nicht mit möglichen Flecken auf der Kleidung aufzufallen. „Ich ziehe mich einfach öfters um.“

Insgesamt ist Elisabeth Müller nach eigenem Bekunden in den zurückliegenden Jahren gelassener geworden. Mit ihrem nicht erfüllten früheren Kinderwunsch kann sie leben. „Wir haben uns gegen Kinder entschieden“, lag die Chance doch hoch, dass der Nachwuchs erblindet. „Ich wollte es nicht weitervererben.“

Sie selbst wirkt zufrieden. Die 61-Jährige stellt sich manchmal die duftenden Blumen vor, lässt sich die Farbe von anderen beschreiben. Das Kopfkino funktioniert dann. Sie nimmt ihre Behinderung hin, verweist auf andere Menschen, die es deutlich härter getroffen hat.

Sie möchten alle Nachrichten aus Ihrer Gemeinde lesen?
Dann testen Sie unser ePaper – 3 Wochen völlig gratis und unverbindlich! Klicken Sie HIER.

  • Bewertung
    0

Newsticker

blank

Umfrage

Weihnachtsbäume

Achten Sie beim Kauf des Weihnachtsbaums darauf, ober dieser unter kontrolliert ökologischen Bedingungen kultiviert wurde?

Ergebnis anzeigen
loading