Weil am Rhein „Wie ein geschenktes zweites Leben“

Karl-Heinz Niechoj aus Haltingen war ein Lehrer aus Passion: 28 Jahre von 1968 bis 1996 unterrichtete er als Studienrat, Oberstudienrat und Studiendirektor am Weiler Kant-Gymnasium die Fächer Englisch, Geschichte und Politik, danach leitete er sechs Jahre die Deutsche Auslandsschule in Namibia. Mit Beginn des Ruhestands lebte er dann von 2002 bis 2016 jeweils im Wechsel ein halbes Jahr in Haltingen und in Südafrika, wo er sich in einem Dorf engagierte.

Weil am Rhein. Niechoj, der von 1980 bis 1996 dem Weiler Gemeinderat als Stadtrat angehörte und für ein paar Jahre auch den Vorsitz des FDP-Stadtverbands inne hatte, ist ein ausgezeichneter Afrikakenner. Die Anthropologie, die Wissenschaft vom Menschen, und die Lust an anderen Lebensformen beschäftigen den 79-Jährigen schon ein Leben lang. Neuerdings setzt er sich auch intensiv mit der Ötlinger Inka-Tapete auseinander und wird demnächst einen Vortrag über deren Geschichte halten. Er malt auch und ist ein Pflanzenliebhaber und -kenner. Der gebürtige Schlesier, der einen Teil seiner Jugend in Bochum zubrachte, hat zudem handwerkliches Geschick. Unsere Zeitung unterhielt sich mit ihm über sein bewegtes Leben.

Frage: Sie haben viele Jahre in Namibia und Südafrika zugebracht. Wie kam es zur Faszination für diesen Kontinent?

Nicht nur Afrika interessiert mich. Das Interesse an anderen Kulturen begann mit Missionsgeschichten in der Kindheit, dann mit Büchern wie Robinson Crusoe. Vielleicht auch hatten die „Ambonesen“ aus den fernen Molukken daran ihren Anteil. Das war Anfang der 50er-Jahre in Enschede, unserer holländischen Nachbarstadt. Mit den Fächern Erdkunde, Archäologie, Kunstgeschichte und Geschichte begann ich mein Studium. Das Fach, das ich eigentlich suchte, gab es damals noch nicht. Es gab nur Völkerkunde. Erst am Ende meines Studiums 1967 wurde die Fakultät Kulturanthropologie in Freiburg gegründet. Die Ausschreibung der Stelle in Namibia war dann für mich nach 28 Jahren am Kant-Gymnasium das Glück der späten Chance.

Frage: Sechs Jahre, von 1996 bis 2002, leiteten Sie die Deutsche Auslandsschule in Windhoek, der Hauptstadt von Namibia. Welche Erfahrungen nahmen Sie von Ihrem beruflichen Engagement dort mit?

Ich bedauere heute, nicht früher die Unterrichtskultur der Auslandsschulen kennengelernt zu haben. Die Schule ist eine ethnische Begegnungsschule, englisch- und deutschsprachig. Es unterrichten Grundschul-, Hauptschul-, Realschul- und Gymnasiallehrkräfte. Zusätzlich zum Mutter- und Fremdsprachenunterricht hatten wir Lehrpläne für den Zweitsprachenunterricht. Abschlüsse waren das englische Cambridge Certificate und das deutsche Abitur. Dessen Durchschnitt lag immer ein wenig über dem deutschen.

Frage: Nennen Sie doch bitte stichwortartig einige besondere Merkmale dieser Auslandsschule.

Die starke Identifizierung mit der Schule, das Engagement der Eltern, die hohe Eigenverantwortung von Schülern und Lehrern bei großer Gestaltungsfreiheit, mehr als 40 Arbeitsgemeinschaften, die sehr gute Schulausstattung. Damals gab es schon zwei Computerräume, Werkstätten für Holz-, Metall- und Textilarbeit, ein Schwimmbad und großzügige Sportanlagen. Eine Schule ist immer im Wandel. Heute ist es der Schritt von der Integration zur Inklusion. Da es auch eine Schule mit sehr großem Konfliktpotenzial ist, gehörte Moderieren zum täglichen Brot. Meine Stadtratserfahrung war dafür die beste Vorbereitung.

Frage: Welche Aufgabenschwerpunkte hat der Leiter einer Auslandsschule?

Er ist Gesamtmanager und dem Vorstand der Schule, dem Auswärtigen Amt, der Kutusministerkonferenz, den Cambridge Authorities und dem namibischen Erziehungsministerium gegenüber verantwortlich für die Auswahl der Lehrer, für die Lehrpläne, den Haushalt, das gesamte Schulleben mit Internat, Kindergarten und Vorschule.

Frage: Haben Sie noch Kontakte zur Schule in Windhoek?

Ich bin froh, im vergangenen März die Schule besucht zu haben. Nach 17 Jahren war es ein „walk down memory lane“: die Schule, Einladungen, unverhoffte Begegnungen mit ehemaligen Schülern, mit noch vielen der Lehrkräfte, Vorstandsmitgliedern, Freunden und Bekannten. Auch mit Deo und Andreas, zwei der rund 430 meist Ovambos, die als Vierjährige 1982 in die DDR zur sozialistischen Erziehung geschickt worden waren. Nach Ende des revolutionären Freiheitskampfes wurden sie 1990 in ihr Heimatland zurückgebracht. Sie sind mehr als 40 Jahre alt, sprechen fließend und akzentfrei deutsch und nennen sich „Ossis“. Auch sie als „Heimkehrer in ein fremdes Land“ (Constance Kenna) sind Schicksale der von beiden Ländern geteilten Geschichte.

Frage: Nach Ihrem schulischen Engagement in Namibia wurden Sie Pendler zwischen zwei Welten: Ein halbes Jahr lebten Sie zusammen mit ihrer Frau in Südafrika, das andere halbe Jahr war Ihr Lebensmittelpunkt Haltingen. Waren das spannende, erlebnisreiche Erfahrungen?

Es war wie ein geschenktes zweites Leben: Der Neubeginn als „nobody“ in dem Dorf Kommetjie am Atlantik. Übersetzt heißt der Name „Häfele“. Die Postleitzahl - ohne die 5 in der Mitte – war genau wie die von Weil. Auch dort war ich vergangenen März. Ich traf Nachbarn und Freunde, auch Aubre Motaung aus Masiphumelele, dem nahen Township.

Frage: 2016 brachen Sie Ihre Zelte in Südafrika ab und kehrten vollends nach Haltingen zurück. Was waren die Beweggründe?

In Windhoek wurden wir uns bewusst, wie verwurzelt wir hier im Markgräflerland sind. Wir fühlen uns dort zu Hause. Aber hier sind wir daheim. Die Ferne half uns zu definieren, was uns Heimat ist: das Markgräflerland, schön wie an einem Sonntag geschaffen.

Frage: Werden Sie als profunder Kenner von Afrika weiterhin Vorträge halten? Ober haben Sie schon einmal daran gedacht, ein Buch über Ihre Erlebnisse und Erfahrungen zu schreiben?

Kein Buch. Aber ich schreibe manchmal Erinnerungswertes auf. Zum Beispiel, wie ein Gärtner mich an das Bezahlen, das ich vergessen hatte, erinnerte: „Karl, I think my pockets are empty.“ (Ich glaube, meine Hosentaschen sind leer.) Afrikaner drücken sich gern bildhaft andeutend, nicht direkt aus.

Frage: Sie waren einige Jahre FDP-Vorsitzender, außerdem gehörten Sie mehr als 15 Jahre von 1980 bis 1996 dem Weiler Gemeinderat als kritischer Stadtrat an. Wenn Sie von etwas überzeugt waren, vertraten Sie Ihren Standpunkt hartnäckig und scheuten auch keine Konflikte. Wie beurteilen Sie heute Ihr kommunalpolitisches Engagement?

Ich will die Kenntnisse und Erfahrungen aus dieser Zeit nicht missen: die Sachgebiete und die Geschichte der Gemeinde, die Möglichkeiten und Grenzen kommunalpolitischer Beteiligung der Bürger, die schwierige Durchsetzung von Zielen in einer pluralistischen Gesellschaft. Hinzu kommt auch die Einsicht, dass wir Menschen so unterschiedlich ticken. Das kann wunderbar, aber auch schrecklich sein. Nur muss dem Rechnung getragen werden. Heute frage ich mich schmunzelnd, ob ich wirklich einmal der war, der damals vor 24 Jahren bei der Verabschiedung so beschrieben wurde: „kämpferisch, aber nicht militant, kantig, versiert und durchaus streitbar“, „oft nicht bequem, was er auch nicht sein wollte“, „übte als Anwalt der Bürger Kontrolle aus“ , „Schwergewicht unter den Stadträten“.

Frage: Erinnerungen an manche kontroverse Gemeinderatssitzungen können Sie beim monatlichen Altstadträte-Stammtisch auffrischen. Was bedeuten Ihnen diese Treffen?

Als „Neigschmeckter“ sind diese Abende auch ein Teil der Verwurzelung, von der ich oben sprach. Da treffen sich Ur-Altweiler, Ur-Haltinger, Ur-Ötlinger und Ur-Friedlinger – und ich gehöre dazu.

Frage: Neuerdings hat es Ihnen die Ötlinger Inka-Tapete angetan, deren Geschichte Sie erforschen. Ein neues Hobby?

Das ist nicht neu und auch kein Hobby. Vielmehr komme ich zurück zur Kulturanthropologie. Hinter der Inka-Tapete finden wir die spanische Conquista, die Kolonisierung der indigenen Völker Perus, die Aufklärung des Ancien Regime, den Klassizismus und die Romantik der Restaurationszeit. Die Tapete wurde in Paris angefertigt und landete im Inka-Café in Ötlingen. Das ist Begegnung von Menschen und Kulturen. Es ist zudem eine Facette der Globalisierungsgeschichte und damit auch höchst aktuell. Und da Ötlingen ein Teilort von Weil ist, ist es auch Teil unserer Stadtgeschichte.

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