Weil am Rhein Wie wir wohnen, wie wir leben

Von Gabriele Hauger

Weil am Rhein. Hohe Mieten, knapper Wohnraum, Reduktion: Wohnen ist derzeit das Thema, bestimmt die – auch politische – Diskussion. Über unsere Wohnumwelt definieren wir uns. Wie wir wohnen, ist Symbol für unseren Lebensstil, prägt uns, unseren Alltag, in dem zusehends die Grenzen zwischen Wohn- und Arbeitsraum verwischen.

Die Rolle der privaten Interieurs bestimmt indes gegenwärtig kaum die Debatte. Dies will das Vitra Design Museum mit seiner aktuellen Ausstellung „Home Stories“ ändern. Zu sehen sind ab Samstag 20 stilbildende Interieurs, die Kurator Jochen Eisenbrand sozusagen rückwärts chronologisch angeordnet hat. „Wir möchten die Ideengeschichte des Wohnens zeigen.“

Von Ikea bis Mies van der Rohe

Den Auftakt macht die Gegenwart. Was nicht fehlen darf: Ikea. Eines der berühmten Regale präsentiert sich schwebend auseinandergenommen. Daneben die Titelbilder vieler Kataloge des wohl größten Players in der Wohnmöbelproduktion. Ein System, das Möbel zwar für die Masse erschwinglich macht, andererseits aber auch als Massenkonsumprodukt anpreist, das auch schnell wieder ausgetauscht wird.

Daneben finden sich Entwurf und Fotos eines praktischen, variablen, je nach Bedürfnis umbaubaren Wohnraums des spanischen Architektenbüros Yoijgen Poketto. Im Zeitraffer wird filmisch die Bausteine-gleiche, praktische Anwendungsvariabilität deutlich.

Die Wohlfühlaspekte des Wohnens stellt der britische Designer Jasper Morrison ins Zentrum einer eigens zusammengestellten Bilderschau: Fast meditativ bekommt der Zuschauer Eindrücke davon, was einen Raum ausmacht. Ob stylischer Altbau, ob rustikal-moderne Küche, ob lichtdurchflutetes Haus: Details wie Teppiche, Anordnungen, Lampen oder Dekors machen aus, ob ein Raum als stimmig empfunden wird – oder nicht.

Faszinierend auch das Projekt des Baukollektivs Assemble, das in Liverpool eine viktorianische Reihenhaussiedlung vor dem Abriss bewahrte. Völlig entkernt wurden diese Häuser nach modernen Ansprüchen umgebaut. Aus dem Bauschutt wurden Objekte, die wiederum in die Häuser reintegriert wurden: Die beste Form trendigen Recycelns.

Der nächste Raum führt zu den Interieurs der 60er bis 80 er Jahre. Poppig und in schreienden Farben sind die aus Laminat geformten 80er Jahre Möbel der Designergruppe Memphis, für die sich Karl Lagerfeld begeisterte. Möbel werden in dieser Zeit als eine Art Trophäe wahrgenommen, die sich in den Vordergrund drängen und ihren Benutzer charakterisieren.

Der gesellschaftspolitische Umbruch der 60er Jahre spiegelt sich indes bei den Fotos und Modellen der ersten Lofts wieder, die Andy Warhol als Atelier und Kommunenwohnraum nutzte. Amüsiert sieht man daneben Fotos eines Wohnentwurfs des französischen Architekten Claude Parent, der in den 70er Jahren seine Wohnung mit durchweg schrägen Ebenen ausstattete – was in der Praxis nicht ganz einfach gewesen sein dürfte.

Experimentierfreude verschaffen die beiden begehbaren Installationen außerhalb des Museums: das Mikro-Haus von George Candilis (1971) sowie Verner Pantons höhlenartiger Wohntunnel „Phantasy Landscape“ (1970).

Im nächsten Raum steigt man in Konzeptionen der 40er bis 60 er Jahre ein. Dabei stehen sich Positionen durchaus konträr gegenüber: Da ist der technikgläubige Entwurf des „House of the Future“ von Peter und Alison Smithson aus dem Jahr 1956 mit futuristischen Geräten und einem – wie wunderbar – selbstreinigenden Bad. Und da zeigt andererseits ein Filmausschnitt von Tatis „Mon Oncle“ (1958) die Skurrilität moderner Haustechnik, wo Steaks per Knopfdruck in die Pfanne hüpfen und sich das ganze Haus zu verselbstständigen scheint.

Es finden sich auch Beispiele des für Gemütlichkeit und schöne Formen bekannten skandinavischen Möbeldesigns, das bis heute Trend ist.

Die Hinwendung zur Natur dieser Zeit wird durch die Entwürfe von Panorama-Glasfenstern deutlich oder in einem Film, der die Bauweise eines Hauses mit Naturmaterialien erklärt.

Im Obergeschoss blicken wir auf die Anfänge der moderneren Interieurs seit den 20er Jahren. Die Frankfurter Küche von 1926 von Margarete Schütte-Lihotzky ist hier exklusives Beispiel. Sie war Teil eines 10000 Wohnungen umfassenden Wohnbauprojekts in Frankfurt. Einrichtung war damals großes Thema, erläutert Kurator Eisenbrand. Man wollte ökonomisch mit Raum umgehen. Die Küche gilt als Ursprung aller heutigen Einbauküchen mit ihren flexiblen Modulen. Darin wurden auch die Ideen der Fließbandarbeit übernommen, die die Arbeitsprozesse der Hausfrau effizienter, die Wege kürzer machen sollten.

Krasses Gegenbeispiel zu dieser kühlen Effizienz ist das schwülstige Baldachin-Bett aus dem „Ashcombe House“ (1930-45) des britischen Modemanns und Fotografen Cecil Beaton. Bei ihm dient das Interieur vor allem dazu, die Individualität des darin lebenden Menschen darzustellen. Ganz gegensätzlich dazu wiederum steht die offene Bauweise eines Mies van der Rohe mit seiner „Villa Tugendhat“.

Formen des Interieurs wurden über Jahrzehnte heiß diskutiert, waren Zentrum politischer Debatten. Eine Diskussion, die nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat.  „Home Stories. 100 Jahre, 20 visionäre Interieurs“: 8. Februar bis 23. August; täglich 10 bis 18 Uhr; Opening Talk „How to Live?“: Gespräch mit Kurator Jochen Eisenbrand: heute, 7. Februar, 18 Uhr, Feuerwehrhaus. Der Talk findet auf Englisch statt, der ist Eintritt frei. Anmeldung: events@design-museum.de

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