Weil am Rhein Wieder ins Bewusstsein läuten

Mehrmals am Tag läuten die Kirchenglocken unterschiedlich lange, doch viele hören die Zeiterinnerungen im Alltag nicht mehr – das weiß auch Stadtführerin Susanne Engler aus Haltinger. Darum will sie die Glocken mit ihrer Führung „Hörst du nicht die Glocken?!“ wieder ins Bewusstsein rufen. Doch wegen des Coronavirus wird diese auf nächstes Jahr verschoben. Engler berichtet im Gespräch mit unserer Zeitung von ihrer Idee.

Von Alisa Eßlinger

Weil am Rhein-Haltingen. „Glocken begegnen uns jeden Tag, und früher dienten sie zur Orientierung, denn nicht jeder hatte eine Uhr in der Hand. Auch heute noch, wenn ich in den Reben bin, höre ich auf sie und überlege mir, was ich zu Mittag koche“, erzählt die Winzerin. Dabei habe jedes Dorf einen anderen Klang.

Bei der Führung werden verschiedene Gebäude in Haltingen angesteuert, wie zum Bespiel das Rathaus mit seiner Amtsglocke oder der „Rebstock“, die älteste Wirtschaft im Dorf. „Bei einem Brand ist auch der Turm vom ,Rebstock’ und somit die Glocke in Mitleidenschaft geraten, aber die Geschichte dazu gibt es dann bei meiner Führung im nächsten Jahr“, kündigt Engler augenzwinkernd an. Während der Führung werde zudem ein Gedicht zitiert, aber es darf auch „Bruder Jakob“ passend zum Thema gesungen werden.

Glocken eingeschmolzen

Bei der St. Georgs-Kirche wird Engler eine kleine Anekdote ihrer Vermieterin erzählen, die beim Schmücken der Glocken nach dem Zweiten Weltkrieg dabei war. Während des Krieges wurden die Haltinger Glocken eingeschmolzen, um als Munition zu dienen. Nach dem Krieg erhielt Haltingen neue Glocken – und an der Scheune, wo sie geschmückt wurden, wird die Führung auch Halt machen.

„Allerdings waren die neuen Glocken von einer minderen Qualität. Jetzt wollen wir einen hochwertigeren Ersatz“, berichtet Engler. Darum gibt es nach der Führung auch einen Umtrunk, wo die Glockenweine verköstigt werden können. Beim Kauf gehen zwei Euro an die Gemeinde. Denn die Glocken gehören zum Inventar, daher muss die Gemeinde diese selbst bezahlen. „Es gab schon mehrere Aktionen, um den Kauf zu finanzieren“, erklärt Engler. So wurde auch schon Marmelade gekocht oder eine Masken-Näh-Aktion gestartet.

Engler ist Mitglied in der evangelischen Kirchengemeinde. „Ein kleiner Kreis, in dem ich auch tätig bin, hat sich den Glocken verschrieben. Wir machen uns Gedanken, wie wir die Finanzierung stemmen können“, berichtet die 46-Jährige. Ihr sei es nämlich ein besonderes Anliegen, die Glocken wieder ins Bewusstsein der Menschen zurück zu bringen.

Geschichte weitertragen

Aber die Winzerin hat auch sonst ein Interesse an Geschichte. „Als Kind bin ich mit meinen Großeltern und mit Großtanten aufgewachsen, da gab es immer Geschichten von früher“, erzählt sie. Aber auch heute, wenn die Pachtgebühr ansteht, bringen die Menschen Zeit und eigene Anekdoten von früher mit. Gerade die Geschichte des Weinorts sei älter als Haltingen selbst. „Es macht mir sehr viel Spaß, mehr von vor Ort zu erforschen und zu hören. Das ist wie ein Puzzle, dass man zusammensetzt“, schildert die Stadtführerin.

Die Führung ist von der VHS Weil am Rhein organisiert, aber in ihrem Thema war Engler frei. Daher konnte sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und nebenbei noch etwas für die Geldsammelaktion beitragen. „Die Führung wird hoffentlich sehr viel Spaß machen, denn ich hatte beim Zusammenstellen viel Gestaltungsfreiraum“, erzählt Engler. Schließlich brauche eine solcher Rundgang sehr viel Zeit und Energie.

Bereits seit fünf Jahren trägt die Winzerin Beiträge für Stadtführungen bei. „Die Führungen finden seit 1998 statt, und ich bin sozusagen in dritter Generation dabei“, berichtet Engler. Fast jedes Jahr stellt sie Führungen zusammen. „Dabei ist es egal, ob viele oder wenige Interessierte kommen, natürlich trifft nicht jedes Thema jeden Geschmack, aber dennoch ist es wichtig, dass zumindest ein paar Menschen die Geschichte weitertragen“, erklärt sie. Es sei auf jeden Fall für die Winzerin immer wieder spannend, wer teilnimmt.

Flair würde fehlen

Dennoch ist Engler froh, dass die Führungen auf nächstes Jahr verschoben wurden. „Mit Abstand und Mund-Nasenschutz fehlt einfach das Flair“, sagt sie. Auch die Fotografien, die sie bei ihren Führungen mitbringt, könne sie nicht ohne weiteres zeigen. „Zwar wären die Menschen froh, auch etwas anderes außer Corona zu hören, aber die Rahmenbedingungen müssen einfach auch passen.“ Außerdem habe Engler nun mehr Zeit, noch einmal den Rundgang abzulaufen. „Bei solchen Führungen spielen viele Faktoren mit,“ erklärt sie. So schaut die Stadtführerin etwa, dass es bei den einzelnen Stationen an heißen Tage auch ein Schattenplätzchen gibt.

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