Weil am Rhein „Zerredet“: Arzt wollte 5000 Dosen in Weil verimpfen

 Foto: sba/Sebastian Gollnow

Weil am Rhein - Der Friedlinger Hausarzt Mario Steffens hat 5000 Impfdosen erhalten und wollte diese am vergangenen Freitag bei einem großen Impftag in Weil am Rhein unters Volk bringen. Dieser Termin sei bei einem Gespräch mit der Leitung des Kreisimpfzentrums (KIZ) „zerredet“ worden. Sollte eine dabei zur Sprache gekommene Aktion des Mobilen Impfteams in der Turnhalle der Rheinschule noch stattfinden, droht der Arzt zugleich mit der Praxis-Schließung.

Die KIZ-Spitze verweist auf Optionen, in Weil mobil zu impfen, weist zudem erhobene Vorwürfe zurück – auch die des Apothekers Thomas Harms.

Die 5000 Impfdosen bringt Steffens in diesen Tagen anders als eigentlich von ihm erhofft in die Arme. Am Samstag impfte er auf die Schnelle 300 Hieber-Mitarbeiter in Binzen, wobei er die sehr gute Vorbereitung und schnelle Umsetzung des Termins durch die Firmenspitze mit den Geschäftsführern Dieter Hieber und Karsten Pabst lobt.   Am heutigen Dienstag sollen Mitarbeiter der Haufe Group in Freiburg vom eigentlich für die Weiler Bevölkerung gedachten Impfstoff profitieren.

Am gestrigen Montagmorgen pilgerten 200 Impfwillige aus der Stadt und dem Umland nach Friedlingen, um sich hier piksen zu lassen – eine ähnliche Zahl stand am Nachmittag an. Bis zum Ende der Woche wollen Steffens und seine Praxis-Kollegin Dr. Meike Terhorst weitermachen. Alle Termine sind vergeben.

Ein „Impftag“ scheitert

Die Idee von Steffens war allerdings eine andere. Am vergangenen Dienstag stand auf Initiative von Oberbürgermeister Wolfgang Dietz ein Gespräch mit Steffens und der KIZ-Spitze an, wie dessen Leiter Daniel Dröschel erklärt. Denn beide hätten schließlich das gemeinsame Ziel, die Menschen zu impfen. Dieser Austausch sei konstruktiv verlaufen und das KIZ wolle Steffens gerne unterstützen. Doch seitdem habe man nichts mehr von dem Friedlinger Arzt gehört.

Und das hat auch einen Grund, wie Steffens gegenüber unserer Zeitung erklärt. Seine Idee, am Freitag einen Impftag auf die Beine zu stellen, sei „zerredet und kleingeredet“ worden. Dass eine Terminvergabe innerhalb von so wenigen Tagen nicht ausreichend gut erfolgen kann und womöglich sehr kritikwürdige Zustände – wie in Freiburg jüngst der Fall – vorkommen könnten, hält Steffens für unpassend. Schließlich würden sich auch beim Lörracher KIZ lange Schlangen bilden, während an seiner Praxis angesichts von zehn Minuten die dann zufriedenen Patienten trotz der Vielzahl der Impfungen kaum warten müssten.

Seine Konsequenz: „Ich habe keine Lust mehr auf Diskutieren.“ Seine Idee der Aktion „Weil impft“ mit Ständen an einer für einen Tag abgesperrten Hauptstraße sei nur von wenn und aber begleitet gewesen. „Das ärgert mich.“

Große Verärgerung

Kreisimpfzentrums-Leiter Dröschel verweist rückblickend hingegen darauf, dass das KIZ auch die eigene Einrichtung zur Verfügung stellen könnte, die wegen nicht ausreichenden Impfdosen nicht an jedem Tag geöffnet hat. So schnell schon am vergangenen Wochenende zu agieren, sei aber nicht möglich gewesen.

Auf die Palme bringt den Friedlinger Arzt, dass womöglich das Mobile Impfteam des Kreises bald unweit seiner Hausarztpraxis impfen könnte. Denn Friedlingen ist laut Dröschel aufgrund der sozioökonomischen Struktur prädestiniert. Die Impfungen sollen zu den Menschen kommen – und mit Johnson & Johnson direkt als Vollimpfschutz einmalig.

Sollte in der Turnhalle der Rheinschule tatsächlich vom Kreis geimpft werden, droht Steffens schon jetzt mit Konsequenzen. „Wenn die vor meine Praxis das Mobile Impfteam stellen, dann schraube ich das Schild meiner Praxis ab.“ Er bezeichnet es angesichts der Konkurrenz als „Unverschämtheit“, hier impfen zu wollen. Sein Wegzug sei die Konsequenz, die er womöglich ziehe.

Geht es ums Geld?

Den finanziellen Aspekt der Impfungen führen Steffens und auch der Weiler Apotheker Thomas Harms an, der 2000 der 5000 Impfdosen für den Friedlinger auftreiben konnte. 20 Euro erhält Steffens pro Impfung, zugleich bekomme aber ein Arzt im Kreisimpfzentrum 150 Euro pro Stunde, hinzu kämen noch weitere Kosten, womit etwa 200 Euro fällig würden. „Das ist ein Politikum.“

Einen Zusammenhang zwischen der Ermöglichung von groß angelegten Impfaktionen von Hausärzten und möglichen finanziellen Interessen des KIZ weist dessen Leiter weit von sich und seiner Einrichtung. „Es entspricht nicht irgendeiner Realität. Wir wollen alle impfen.“ Dem KIZ würden dadurch keine Einnahmen fehlen. Vielmehr sei Steffens auch Unterstützung angeboten worden.

Eine Idee von Steffens, auf dem LGS-Parkplatz zu impfen, sei von ihm selbst wieder zurückgenommen worden, da dies alleine schon an den freien Feuerwehrzufahrten gescheitert wäre, ergänzt KIZ-Co-Chefin Susann Franke. Die Administration, die ärztliche Aufklärung samt Unterschrift des Impfwilligen sowie dessen Nachbeobachtung wären aufgrund der verkehrlichen Rahmenbedingungen nicht möglich, unterstreicht das KIZ.

Dass nur Weiler bei solch einer Aktion oder eben in der Innenstadt zum Zug kommen würden, bezweifelt Dröschel. „Das ist nicht konsequent durchhaltbar.“

Mit dem OB werde das KIZ losgelöst vom Engagement des Friedlinger Mediziners hinsichtlich eines Vor-Ort- Impftermins im Gespräch bleiben. Speziell Friedlingen ist hier im Fokus. Als Termin ist bereits der erste oder/und zweite Montag im Juni ausgeguckt. Dietz wolle geplant agieren und eine sinnvolle Aktion daraus machen.

Harms: die Bürokratie

Apotheker Harms bedauert hingegen, dass es mit einer Impfaktion in der Stadt, entweder an seiner Apotheker oder auch im Rathaus, vorerst nichts geworden ist. „Da hat sich die Bürokratie dazwischengeschaltet.“

Außerdem steht für ihn angesichts der Honorierung fest: „Es geht ums Geld.“ Denn damit werde dem Impfzentrum ja Geld weggenommen. Mit den Impfdosen hätten auch seiner Hoffnung nach mehr Weiler geimpft werden können. „Warum machen wir den Ärzten das Leben so schwer?“ Immerhin opfere sich Steffens von morgens bis abends auf. „Wenn sich einer so engagiert, sollte man das unterstützen.“ Denn dieser sei angesichts der Honorierung im Verhältnis zum (bürokratischen) Aufwand unterm Strich altruistisch unterwegs, schließlich sei eine Menge an Dokumentationen mit jeder Impfung verbunden.

Steffens kündigte gestern aber auch an, dass solch ein Volumen an Impfungen nicht noch einmal für sein Team zu stemmen sei. „Wir laufen mit der Impfung am Anschlag.“ Daher rief er auch die anderen Ärzte in Weil am Rhein auf, aktiv zu sein.

Fest steht für ihn hingegen, nicht mit dem KIZ zusammenarbeiten zu wollen. Der ausgebliebene Impftag sei eine „vertane Chance“ gewesen. Doch Befürchtungen und Bedenken seien hier von KIZ-Seite zu groß gewesen.

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