Weil am Rhein Zeitgeistig und multimedial

Jürgen Scharf
Blick auf den Videoloop von Hannah Kindler und das Bild „I Have Been There“ von Christina Huber. Foto: Jürgen Scharf

Von Jürgen Scharf

Weil am Rhein. Beim Betreten des Stapflehuses bleibt man unweigerlich stehen. Es tönt einem Kindergeschrei entgegen, aber kein reales: Der Sound gehört zu einer Videoarbeit von Hannah Kindler. Das Video flimmert im Erdgeschoss über ein großes Tuch, das mit Steinen beschwert ist und daher an sich schon wie eine Installation wirkt. Man sollte sich die Zeit für den fünfminütigen Videoloop nehmen.

Auf dieser Stoffleinwand begegnen sich menschliche und tierische Wesen, antike Statuen, japanische Motive, Natur, kombiniert mit surrealistischen Träumen und einem märchenhaften Fantasyland, einer Traumwelt mit Reiter, fliegenden Fischen und einer Figur, die sich an einen vogelartigen Kopf klammert. Diese raumbeherrschende, bewegte, fantastische Collage ist eine fiktive Welt, aber auch mit aktueller Umweltthematik.

Die Kollektivausstellung „Here To Stay“ im Kunstverein Weil am Rhein präsentiert sich sehr zeitgeistig und multimedial. Hinter dem Kollektiv „Somebody*ies“ stecken fünf Künstlerinnen aus dem Dreiländereck und Berlin, die interdisziplinär arbeiten, in ganz verschiedenen Medien wie Video, Malerei, Objekt, Skulptur, Installation, Fotografie, Textil und Performances und mannigfaltig in den unterschiedlichen Techniken sind, von Zeichnung über Stickerei bis zu Digitaldruck.

Die Ausstellung ist sehr professionell aufgemacht. Man bekommt auch einen guten Erklärtext in die Hand. Denn die Schau ist nicht so einfach zugänglich, manche Interpretationen der Werke gar schwierig. Und man muss schon die Beschreibungen lesen, um etwas über die Hintergründe zu erfahren.

Etwa von dem großen Banner von Nika Timashkova, das im Treppenaufgang über zwei Stockwerke hängt und sich mit der regionalen Textilgeschichte befasst. Abgedruckt auf dem Stoff sind Postkarten, alte Fotografien, Zeitungsartikel. Die Arbeit von 2022 trägt den Titel „Not Russia“, was Assoziationen zum Krieg in der Ukraine herstellt. Von Timashkova stammt auch ein anderes textiles Banner („From Basel With...“), auf dem internationale Städtenamen gestickt sind: neben Basel und Mulhouse auch Bogota, Los Angeles und Kiew. Die Orte haben biografische Bedeutung zum einen für die Künstlerin und das Kollektiv, zum anderen historische Bezüge zur Textilgeschichte.

Figuren aus Keramik

Wandbeherrschend im ersten Stock sind die „Puppets“, 21 puppenähnliche Figuren aus Keramik von Anna Byskov, die an Kordeln hängen und etwas Marionettenhaftes haben. Die Installation füllt die ganze große Stirnwand des Ausstellungsraums. Wie man im Beiblatt liest, ist die Arbeit von Heinrich von Kleists Essay „Über das Marionettentheater“ (1810) inspiriert, in dem er über die Grazie in den Bewegungen der Puppen reflektiert.

Diese Etage ist großzügig mit Arbeiten beschickt und sparsam gehängt, unter anderem mit den im Raum installierten, an Ketten hängenden und trotzdem schwebend leicht wirkenden Leinwänden mit abstrakter, großflächiger Farbmalerei von Christina Huber.

Der für manche Besucher interessanteste und farbigste Raum ist im obersten Stock, wo von der Decke beidseitig bemalte, sehr bunte Banner aus Papier von Stella Meris hängen. Auf der einen Seite sieht man meist Räumliches, Fenster, Landschaftsassoziationen, auf der anderen sind es überlebensgroße Körpersilhouetten, Umrisse von Figuren, die ihre Arme nach oben recken und eine sehr dynamische Haltung einnehmen. Es könnten Selbstbildnisse sein.

Mit diesen Bildfahnen kontrastieren und dialogisieren die auf dem Boden liegenden Gestalten von Anna Byskov („Floating Gladiators“). Die neonfarbenen Bekleidungen liegen da wie Körperhüllen, unbeweglich, und waren wohl einmal Teil einer Performance. Jetzt sind sie allerdings deaktiviert und ausgestreckt auf dem Boden.  Bis 9. Oktober, Sa. 15-18, So. und Feiertag 14-18 Uhr

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