Wiesental Ein Siegertyp auch neben der Judomatte

Werner Müller
Judoka Oliver Bahr Foto: zVg

Der Judoka Oliver Bahr aus Maulburg ist bei der größten inklusiven Sportveranstaltung der Welt an den Start gegangen.

Bei Olympia ist das Dabeisein bekanntlich alles. Nur: Wer kann bei der Sportveranstaltung schlechthin denn schon mal dabei sein? Eben. Oliver Bahr allerdings ist die große Ausnahme: Der 30-Jährige war bei olympischen Spielen nicht einfach nur dabei – er schaffte sogar den Sprung aufs Siegertreppchen.

Der Judoka ging nämlich bei den „Special Olympics World Games“ in Berlin an den Start, der größten inklusiven Sportveranstaltung der Welt, an der 7000 Athletinnen und Athleten mit geistiger und mehrfacher Behinderung teilnahmen – und er kehrte nicht nur mit unvergesslichen Eindrücken, sondern auch mit einer Silbermedaille in der Sporttasche nach Hause zurück.

Noch jetzt bekommt der junge Mann Gänsehaut, wenn er an die Eröffnungsfeier und an den Einmarsch ins rappelvolle Olympiastadion zurückdenkt. „Als Sportler mit Beeinträchtigung gibt es so etwas nur einmal im Leben“, so beschreibt Oliver Bahr den für ihn „emotionalsten Moment“ in der Bundeshauptstadt. Und erwähnt eher beiläufig, dass er bei einem Empfang sogar Bundeskanzler Olaf Scholz die Hand schütteln durfte.

Jubeltanz auf der Matte

Auch rein sportlich lief es für den Judoka glänzend. Zwar verlor er seinen ersten Kampf, weil da der Gegner „ein bisschen stärker und flinker“ war, doch beim zweiten Auftritt auf der Matte legte er sein Gegenüber aufs Kreuz und sicherte sich in seiner Wettkampfklasse den zweiten Platz auf dem Podium. „Silber ist auch ganz gut“, stellt er zufrieden fest und räumt ein, dass er ganz schön unter Druck stand, weil er als Letzter der insgesamt acht deutschen Judokas an der Reihe war. Am Ende entlud sich seine Freude über den Sieg und die Silbermedaille denn auch in einem wahren Jubeltanz auf der Matte.

Das olympische Edelmetall schmückt fortan nicht nur die stolze Medaillen- und Pokalsammlung des Judokämpfers, es ist auch der verdiente Lohn für jahrzehntelanges Training und sportlichen Ehrgeiz. Oliver Bahr betreibt seit seiner Schulzeit Judo, seit etwa zehn Jahren als Wettkampfsport in einer Trainingsgruppe für Menschen mit geistiger und körperlicher Beeinträchtigung beim Judoclub Grenzach-Wyhlen.

Auf den Start in Berlin bereitete er sich ein halbes Jahr lang mit zusätzlichem Krafttraining vor.

Siege und Pokale sind für Oliver Bahr indes nicht alles. Mindestens ebenso viel zählen für ihn die damit verbundenen Erfolgserlebnisse ganz anderer Art: „Der Sport gibt mir Selbstvertrauen“, sagt er. Außerdem bestärke er ihn darin, sich „nichts gefallen zu lassen“. Und natürlich sei Sport wichtig, um „fit zu bleiben fürs Alter“.

Weitgehend selbstständig

Wen wundert es da, dass Oliver Bahr auch abseits der Judomatte ein Siegertyp ist. Trotz seiner Beeinträchtigung gestaltet der 30-Jährige sein Leben (mit Rückendeckung seiner Eltern Conny und Thomas Bahr) weitgehend selbstständig – er hat einen festen Job und verdient sein eigenes Geld bei Euronics Bühler in Schopfheim, und er lebt seit fünf Jahren mit seiner Partnerin Viktoriya Shkolnikova, die ebenfalls aktiv Judo betreibt und jetzt in Berlin sogar eine Goldmedaille gewann, in der eigenen Wohnung zusammen.

Die Zwei sind begeisterte Fans des SC Freiburg und fahren, wann immer es geht, auf eigene Faust und ohne Begleitung mit der Bahn zu den Heimspielen ins Badenova-Stadion. Auch zur Arbeit oder zum Training in Grenzach-Wyhlen kommen sie ohne fremde Hilfe mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Oder in den Worten von Oliver Bahr: „Wie ganz normale Menschen halt“.

Für ihre Trainerin Cornelia Claßen vom Judoclub Grenzach-Wyhlen kommt das nicht von ungefähr. „Selbstvertrauen“, erklärt sie, „ist eines der wichtigsten Ergebnisse“, das Menschen mit Beeinträchtigung durch den Sport gewinnen können. Vor allem Judo mit seiner komplexen Mischung aus körperlichen (Kraft, Schnelligkeit) und geistigen Anforderungen (Technik) trage einen erheblichen Teil dazu bei.

Geschenkkorb von Kollegen

Mächtig stolz auf den Silbermedaillengewinner sind auch seine Arbeitskollegen: Sie überraschten Oliver Bahr an seinem ersten Arbeitstag nach der Rückkehr aus Berlin mit einem Geschenkkorb, über den er sich sehr freute.

„Wir freuen uns sehr mit ihm“, bestätigt sein Chef Martin Bühler, der den jungen Mann vor zehn Jahren nach einem Praktikum in eine feste Anstellung übernahm. Im Elektronikfachmarkt obliegt Oliver Bahr unter anderem die Kontrolle und die Lagerung des Wareneingangs. Außerdem hilft er im Außendienst mit. Im Kollegenkreis sei er beliebt und „voll anerkannt“, berichtet Martin Bühler und betont: „Er tut uns allen gut“.

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