Zell im Wiesental Aufarbeitung der NS-Zeit wichtig

Christoph Schennen

Die Präsentation des neuen Buchs von Uli Merkle am Freitagabend ist auf großes Interesse gestoßen. „Der Besucheransturm war weit größer als erwartet“, sagte der Autor nach der Veranstaltung im Textilmuseum.

Von Christoph Schennen

Zell. Merkle erklärte zunächst, warum er das Buch „Ein schwarzes Loch in brauner Zeit“ geschrieben habe. Die Zeit des Nationalsozialismus in Zell sei anders als in anderen Städten der Umgebung bisher nicht aufgearbeitet worden. Angesichts der „politischen Entwicklung der letzten Jahre“ sei das aber unerlässlich. „Denn, wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Zukunft nicht gestalten“, so Merkle. Von seinen drei Büchern sei das Jüngste das Erste mit einem brisanten Thema, wie er betont. Die Bezeichnung „schwarzes Loch“ im Titel spielt an auf die Zentrumspartei, die Partei der Katholiken, die bis 1933 die meisten Stimmen in Zell erhalten hat. Ihre Parteifarbe war damals schwarz – wie die Gewänder der katholischen Priester. Das Zentrum war mit drei Vertretern auch die größte Fraktion im Gemeinderat, ehe die NSDAP sie aus dem Gremium verdrängte.

Fanatische NS-Anhänger

Merkle stellte zwei Personen vor, die Anhänger der Nazis waren: Bürgermeister Reinhold Lohrmann war ein fanatischer und sadistisch veranlagter Nazi, der die Zeller, die bei der Volksabstimmung 1938 gegen den Führer stimmten, öffentlich nannte und sie als „Volksverräter“ diffamierte. Dr. Hermann Montfort war Freikorpskämpfer und Gründer der „Treudeutschen Vereinigung Oberrhein“. Er praktizierte bis 1928 als Arzt in Zell. Zu seinen Bekannten zählte der Gauleiter von Baden, Robert Wagner, der 30 000 Juden in Konzentrationslager deportieren ließ und Hanns Ludin, der ab 1941 Reichsstatthalter in der Slowakei war. Obwohl Montfort bis zum Lebensende ein überzeugter Nationalist war, war er bei den meisten Zellern hoch angesehen.

Großes Leid erfuhren die Opfer von Zwangssterilisationen. Akten aus dem Kellerraum des Lörracher Krankenhauses ergaben, dass es „in Zell offiziell 21 Opfer der Zwangssterilisation gab, wobei die Dunkelziffer vermutlich höher ist“, sagte Merkle.

Auf den Spuren Lili Meyers

Gegenstand des Buchs ist auch Lili Meyer, das „nette Fräulein von der Drangsalieranstalt“, einer Privatmädchenrealschule in Zell. Sie wurde 1940 in das südfranzösische Konzentrationslager Gurs deportiert. Die Recherche des Schicksals von ihr war aufwändig. Merkle fand heraus, dass sie 1942 von einer französischen evangelischen Organisation aus dem Konzentrationslager gerettet und in Le Chambon versteckt wurde. Kurz vor Kriegsende zog sie nach Basel und nach dem Krieg wieder nach Zell, wo sie 1958 starb und in Vergessenheit geriet.

Vorgestellt werden im Buch sieben politisch Verfolgte des Nazi-Regimes, darunter auch Rudolf Langendorf und Anna-Maria Denz, die wie ihr Mann im Konzentrationslager umgebracht wurde.

Nach der Buchvorstellung bildete sich vor dem Büchertisch eine lange Schlange. Merkle versah die Bücher mit seiner Signatur. Um die Bewirtung kümmerte sich der Bürgerverein.

Weitere Informationen:Das Buch „Ein schwarzes Loch in brauner Zeit - Nationalsozialismus in Zell im Wiesental“ hat 348 Seiten, 108 Abbildungen und kostet 27 Euro. Das Buch von Uli Merkle ist auch in der Geschäftsstelle des Markgräfler Tagblatts in der Hauptstraße in Schopfheim erhältlich.

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