Zell im Wiesental Elf Stunden am Tag wurde gearbeitet

Gerald Nill

Eine Reihe beinahe fotografisch originalgetreuer Landschafts- und Ortschaftsbilder eines Schwarzwaldmalers enthüllt die rasante industrielle Entwicklung des Wiesentals im 19. Jahrhundert. Zwei Doktoranden der Uni Freiburg hatten die Bilder aus Zell und Atzenbach im Gepäck, erfreuten mit den historischen Bildern den Vorstand des Wiesentäler Textilmuseums und konnten von Andreas Müller einiges Wissenswertes für eine Ausstellung im Augustinermuseum nach Freiburg mitnehmen. Jetzt sind zwei Publikationen dabei herausgekommen.

Von Gerald Nill

Zell. „Selbst die Anzahl der Fenster einer Fabrik hat der Maler Johann Martin Morat originalgetreu wiedergegeben“, ist Andreas Müller, zweiter Vorsitzender des Fördervereins Wiesentäler Textilmuseum, verblüfft.

Für die Wissenschaftler der Uni Freiburg sind die Bilder aus der Mitte des 19. Jahrhunderts von unschätzbarem Wert. In einer Zeit, in der es noch keine Kameras gab, zog der Stühlinger Morat mit dem Malkasten durch die Region, suchte sich erhöhte Punkte und skizzierte komplette Ortsansichten, fast wie ein Stadtplan. Das Schöne: Morat (1805 bis 1867) kehrte immer wieder zurück, nutzte möglicherweise seine früheren Vorlagen und hielt die Veränderungen seiner Motive in weiteren Bildern fest. Und gerade im Wiesental gab es vor 200 Jahren rasante Veränderungen.

Wissenschaftler als Detektive

Was Maler Morat leider nicht schaffte, war die Jahreszahl im Bild festzuhalten. Das machte die beiden Wissenschaftler Cornelia Korff und Bernhard Mohr zu Detektiven und ihre Spurensuche landete unter anderem beim Vorstand des Wiesentäler Textilmuseums in Zell, der gerne und mit viel Sachverstand weiterhelfen konnte. Aufschluss über den Zeitpunkt eines Bildes konnte zum Beispiel die Zahl der Kreuze auf dem Zeller Friedhof geben, die Morat authentisch gemalt hatte, schmunzelt Andreas Müller.

„Ich finde die Bilder Morats und die wissenschaftliche Arbeit geschichtlich unheimlich interessant“, urteilt Müller. Wie ein Puzzle wird die industrielle Geschichte des Tals sichtbar. So wird noch einmal visuell erlebbar, wie sich das Wiesental innerhalb weniger Jahre rasant entwickelte: von der bäuerlichen Kulturlandschaft zum Industriegebiet der Textilfabriken, die freilich schon wieder Geschichte sind.

Vor 200 Jahren wurden plötzlich die kleinbäuerlichen Familien der Region zu Fabrikarbeitern in Spinnereien und Webereien. Es rückten die Industriellen Montfort und Geigy, Merian und Koechlin aus der Schweiz an und erweckten das Wiesental aus dem Dornröschenschlaf. Es gab nicht nur billige Arbeitskräfte, die in ihrer Not für Hungerlöhne schufteten, sondern es gab auch weiches Wasser der Wiese, mit dem gewaschen, gebleicht und gefärbt wurde. Nicht zuletzt gab es die Wasserkraft.

Anhand der Morat`schen Bilder kann Textil-Experte Müller nachweisen, dass es im Jahr 1822, in dem ein Wiesentäler Heimatroman spielt, eben noch keinen Qualm aus Fabrikschloten gab.

Blütezeit nach dem Zweiten Weltkrieg

„Dampfkraft wurde im Wiesental vermutlich erst Mitte des 19. Jahrhunderts durch den Einsatz der Kohle genutzt“, beteiligt sich Müller gerne an dem wissenschaftlichen Detektivspiel. Als die Eisenbahn 1876 bis nach Zell gebaut wurde, stand der weiteren Expansion der Textilindustrie nichts mehr im Weg. Gearbeitet wurde damals an 307 Tagen im Jahr und zwar elf Stunden am Tag, zusätzlich kam der oft weite und beschwerliche Heimweg, dazu Lärm, Faserflug und Staub am Arbeitsplatz – alles absolut ungesund. Korff und Mohr fassen zusammen, dass es in den 1920er Jahren 80 Textilbetriebe mit rund 18 000 Beschäftigten an Wiese und Hochrhein gab.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die heimische Textilindustrie nochmals eine Blütezeit; die heimischen Arbeitskräfte reichten bei Weitem nicht aus und es mussten Gastarbeiter aus Italien und der Türkei angeworben werden. Das Ende einer 200-jährigen Textil-Geschichte, bedingt durch die Billigproduktion in Asien, ist in der Dokumentation ebenfalls enthalten. Es zeigt die Sprengung von „Spinni“ und „Webi“ im Jahr 1993 in Zell, ein Bild, das jeden Zeller rührt.

Aber zurück zum Maler Morat. Müller findet es faszinierend, dass man in den detailgetreue Bildern die alten Häuser wiederentdecken kann, die heute noch ortsbildprägend sind. Sei es das Schlössle, die ehemalige Fabrikanten-Villa oder die „Laborantenhäuser“, die in Atzenbach plötzlich neben Bauernhäusern auftauchen.

Die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen der Uni Freiburg und den lokalen Experten vor Ort ist in zwei Publikationen dokumentiert: „Blauer Himmel über Baden“, Ortsansichten des 19. Jahrhunderts von Johann Martin Morat, Jan Thorbecke Verlag, sowie Alemannisches Jahrbuch 2019/2020, Alemannisches Institut Freiburg.

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