Basel Sehnsucht, ein Teil der Natur zu sein

Die Oberbadische, 11.09.2015 23:01 Uhr

Basel. Urban Gardening, also die gärtnerische Nutzung städtischer Flächen, ist in vielen Ballungsräumen weltweit auf dem Vormarsch. Zahlreiche Initiativen setzen sich für die Bewegung ein und wollen in der Bevölkerung das Bewusstsein für den Umgang mit Nahrungsmitteln stärken und auf globale Probleme im Zusammenhang mit deren Herstellung hinweisen. In Basel ist es das „Urban Agriculture Netz“, das mit 50 Projekten Erlebnis- und Begegnungsräume schafft.

Michael Werndorff sprach mit Vorstandsmitglied Bastiaan Frich über die Herausforderungen im Umgang mit den Behörden und darüber, was die Menschen antreibt, ihr eigenes Gemüse anzubauen und nach Alternativen zu suchen.

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Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Wie bringen Sie die Basler dazu, mitten in der Stadt Gemüse und Kräuter anzubauen?

Der Schlüssel unseres Vereins ist das Tun und Machen, anstatt nur darüber zu reden. Natürlich sprechen wir auch über globale Herausforderungen, aber alles entsteht mehr aus einem Begegnungsraum heraus, in dem sich Menschen mit den drängenden Herausforderungen der Lebensmittelproduktion konkret in mehr als 50 Projekten auseinandersetzen und sich engagieren. Einfach aus dem Antrieb heraus, eine friedlichere Welt zu schaffen – lokal vor Ort durch regionale Projekte, aber auch global durch verändertes Konsumverhalten. Das treibt die Basler an.

Über den Basler Landhof wird immer mal wieder berichtet. Bestehen weitere Ansätze, um Menschen anzusprechen, die sich keine Gedanken über die Herkunft dessen machen, was auf den Tellern landet?

Wir erreichen nicht nur die Menschen, die bereits sensibilisiert sind – der Landhof ist eines von 50 Projekten, daneben haben wir noch andere Kategorien, zu denen unter anderem öffentlichkeitswirksame Kunstprojekte zählen: Wir haben beispielsweise Einkaufswagen – Symbol für den Konsum schlechthin – zu Keinkaufswagen recycelt. Wird dann noch eine Prozession durch die Stadt veranstaltet, lässt sich unser Anliegen nicht übersehen. In allen Schweizer Medien sind in den vergangenen fünf Jahren rund 400 Beiträge veröffentlicht worden, ein Sprachrohr, mit dem wir Haushalte erreichen, die wir ansonsten nicht direkt aus dem Trend heraus ansprechen können. Gleiches gilt für unsere Bildungsangebote, über die junge Menschen unsere Arbeit entdecken. Der Weltagrarbericht hält in eindrücklicher Weise fest, dass die heute dominierende Landwirtschaft in Strukturen gefangen ist, die der Biodiversität schaden und soziale Ungerechtigkeit verursachen. Die Hungerproblematik verschärft sich, anstatt gemildert zu werden. Um Böden, Luft, Gewässer und Menschen wieder gesunden zu lassen, müssen radikal andere Wege beschritten werden.

Findet mittlerweile ein Umdenken in der Gesellschaft statt?

Wir hatten von Anfang an den Impuls, einen Diskurs über die Lebensmittel-Thematik und Ernährungssouveränität zu führen, denn dies war in der Schweiz bisher kein Thema. Unser Verein hat aber sicher maßgeblich dazu beigetragen, dass es in der Region in den vergangenen sechs Jahren überhaupt erst zu einem Thema öffentlicher Tragweite wurde. Als Beispiel: Der Energiebericht der Stadt Basel bis 2075 verliert kein Wort über Ernährung, und heute weiß eigentlich jedes Schulkind, dass ein Großteil der Energie in der Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion verschwindet und viele globale Herausforderungen an das Thema Ernährung gekoppelt sind. Die Schweiz hat einen statistischen Selbstversorgungsgrad von etwa 50 Prozent. Energetisch betrachtet, ist unser Selbstversorgungsgrad mit Lebensmittel jedoch gleich Null. Jede Kalorie, die uns ernährt, wird erst durch den Import von nicht erneuerbaren Kalorien verfügbar.

Warum wird das Thema seitens der Entscheidungsträger ausgeblendet?

Das ist eine schwierige Frage, die sich nicht einfach beantworten lässt. Ich denke, es ist für viele Menschen ein unangenehmes Thema, aber mittlerweile kann man nicht mehr wegschauen. Will man etwas verändern, heißt es, die Komfort-Zone zu verlassen, was durchaus Gefühle wie Trauer auslösen kann. Ich kann auch nicht jeden Tag ein Steak essen, weil ich verstanden habe, dass ich das auf Kosten anderer mache. Insbesondere, wenn damit Leid oder sogar Krieg verbunden ist.

Ist Urban Agriculture die richtige Antwort auf die besagten Herausforderungen?

Es ist jedenfalls ein Bereich, sich zu engagieren, um einen soziokulturellen Begegnungsraum zu schaffen, der einen Kontrapunkt setzt beziehungsweise eine Alternative anbietet. Hier kommt auch eine Sehnsucht ins Spiel, sich als Teil der Natur zu erkennen. Denn, wenn wir stets globale Probleme sehen, kann das für den Einzelnen durchaus sehr frustrierend sein. Daher ist es wichtig, auch junge Menschen mit ins Boot zu holen, die selber Verantwortung übernehmen und Räume anders gestalten. Neue Ideen entstehen nicht aus alten Denkmustern heraus, vielmehr braucht es Menschen, die den Mut haben bei sich selbst anzufangen und nicht sofort wieder wegrennen, wenn es ungemütlich wird. Am Anfang steht ein wilder Haufen, aber aus dieser Kreativität der Akteure entwickeln sich neue Strukturen, wobei die Urban-Agriculture-Bewegung die Brücke von der städtischen Bevölkerung zur landwirtschaftlichen Umgebung schlägt.

Welche Herausforderungen begegnen Ihnen bei der Projektarbeit?

Wenn man in einem bestehenden System Pionierarbeit leistet, treffen Welten aufeinander. Hier geht es darum, keine schwammigen Kompromisse zu machen, aber Schritte zu verwirklichen im Sinne des Sprichworts „eine lange Reise beginnt mit dem ersten Schritt“.

Eine Herausforderung ist auch, in den Verwaltungen und Gemeinden jene Menschen zu finden, die etwas Neues probieren wollen. Hierbei spielen die zwischenmenschlichen Beziehungen eine wesentliche Rolle, denn es geht auch darum, einen inneren Wandel zu vollziehen. Deswegen haben wir von Anfang an viel Wert auf Transparenz und Weiterbildung im Bereich Kommunikation gelegt. Denn 90 Prozent aller Projekte scheitern nicht an irgendeinem Gesetz, sondern an zwischenmenschlichen Herausforderungen.

Sie sind mit Ihrem Verein auf der Expo vertreten. Wie wichtig ist Ihnen die Bestätigung durch die kantonalen Behörden?

Wir verfolgen ein anderes Erfolgskonzept, als man das gängigerweise in unserem neoliberalen wirtschaftlichen Denken kennt. Erfolgreich sein, heißt für uns, den Mut aufzubringen, genau hinzuschauen, hinzufühlen, etwas zu tun. Heißt Verantwortung zu übernehmen, aber auch keine Angst zu haben, öffentlich zu scheitern. Letzteres kann in unserem Sinne dann sehr erfolgreich sein. Was es aber wirklich braucht, ist die Anerkennung durch Wertschätzung, die über die Dankbarkeit der Projektteilnehmer und Besucher kommt. Ohne deren Anerkennung hätten wir schon längst wieder aufgehört. Nur auf die Wertschätzung der Verwaltung zu warten, wäre träge und frustrierend.

Begegnen Ihnen die Behörden mit offenen Armen? Schließlich hat Sie die Basler Stadtgärtnerei tatkräftig bei der Verwirklichung des Landhofs unterstützt.

Verwaltungen sind ja eher träge Apparate und wollen auch nicht jeden zweiten Tag, wenn ein wilder Haufen kommt, neue Wege beschreiten. Da braucht es zuerst viel Vertrauensarbeit. Wir sind interdisziplinär aufgestellt, Professoren sind dabei und Jugendbotschafter, die in Schulen gehen, was Behörden und Institutionen Vertrauen vermittelt. Während dieser Zeit haben die Verwaltungen ihre Erfahrungen mit uns gemacht: Aber erst kommt ein großer Berg Misstrauen und das Verharren im Ist-Zustand, was wir auch verstehen – aber wir bleiben dran. Der Paradigmenwechsel ist unumgänglich und passiert gerade jetzt.

Ein Blick in die Zukunft: Was wäre der nächste Schritt? Sollten Grün- und Erholungsflächen zu Anbauarealen werden?

Essen ist ein Grundbedürfnis, aber gerade in Basel ist jeder öffentliche Quadratmeter einer Nutzung zugeordnet, zugleich gibt es aber punktuell die Möglichkeit, Pflanzungskonzepte essbarer zu machen – in der Schweiz herrscht noch Unklarheit darüber. Die Angestellten der Stadtgärtnereien haben zudem meist nicht die Fachkenntnisse, sich um Gemüse-, Beeren- und Obstkulturen zu kümmern. Hinzu kommen besondere Anforderungen des Anbaus in der Stadt. Ein Blick in die Zukunft ist auch ein Blick in die Vernetzung der Region und eine Veränderung des Konsumverhaltens jedes Menschen. Neben der Allmende gibt es sehr viele private Flächen, Innenhöfe, Beton- und Kieswüsten, wo man ansetzen kann. Dort wäre auch die Verantwortung viel schneller und klarer geregelt.