Von Ursula König

Kreis Lörrach. Hat der Mensch das Recht, über seinen Tod zu bestimmen? Oder sollten Schwerkranke dabei unterstützt werden, loszulassen und den Kampf gegen die Krankheit einzustellen? „Autonomie in dem Sinn gibt es nicht“, stellt Pfarrer Thorsten Becker, Seelsorger der Kirchengemeinde Lörrach und Inzlingen, als Christ klar heraus. Marion Schafroth, Vorstandsmitglied der Organisation „EXIT“ in Baselland, vertritt hingegen die Position: „Der Staat sollte am Lebensende nicht bevormunden.“ Was aber, wenn die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt?, wie von Dr. Jan Gärtner, leitender Oberarzt im Klinikum für Palliativmedizin am Universitätsklinikum Freiburg, favorisiert.

Wie vielschichtig das Thema „Sterben in Würde – zwischen Schmerzlinderung und Sterbehilfe“ ist, zeigte am Donnerstagabend eine Podiumsdiskussion, zu welcher der CDU-Kreisverband und der Vorsitzende des Förderkreises Hospiz am Buck, Bernhard Späth, in die Stadtbibliothek Lörrach eingeladen hatte. Wie erwartet, wurde die Thematik mit starker Emotionalität diskutiert.

Ob es eine politisch geregelte Lösung geben kann, die gesellschaftlich im Ganzen akzeptiert wird, bleibt nach dieser Diskussion fraglich. In den kommenden Monaten soll in Berlin über ein Gesetz zur Sterbehilfe entschieden werden. Fünf fraktionsübergreifende Positionspapiere liegen vor, wie der heimische Bundestagsabgeordnete Armin Schuster (CDU) erläuterte. Einig sind sich Politiker darin, kommerziell organisierte Sterbehilfe abzulehnen und einen Ausbau der Hospize und der palliativmedizinischen Versorgung zu gewährleisten. Die Frage, welche Möglichkeiten Ärzten bei der Beihilfe zum Suizid zugestanden wird, ist umstritten.

Dem bekennenden Christ ist bewusst, dass es „furchtbare Ausnahmefälle“ von Menschen gibt, die Schreckliches durchleiden. In Deutschland ist weder Suizid noch die Beihilfe dazu strafbar; die aktive Sterbehilfe hingegen schon. Die Berechtigung in natürliche Prozesse einzugreifen, werfe philosophische Fragen auf; darin waren sich alle Teilnehmer mit Späth einig. Auch darin, dass es keine leichten Antworten auf die Frage geben kann: „Was ist lebenswert, und was ist eine irreversible tödliche Krankheit?“

Geben wir den großen Themen Sterben und Tod zu wenig Raum? Diese Meinung vertritt Pfarrer Becker. Er weiß, was es bedeutet, mit Menschen, die Schmerzen haben, auf den Tod zuzugehen. „Dafür gibt es keine Rezepte.“ Der Moraltheologe lernt im Prozess, als Mensch loszulassen und auf eine höhere Führung zu vertrauen.

Uniklinik-Oberarzt Gärtner kritisiert die mangelhafte palliativ medizinische Versorgung, die insbesondere hier im Südwesten zu wenig Unterstützung biete. Er glaubt nicht daran, dass der Tod ein Tabuthema ist, sondern dass es sinnvoll ist, der Angst von Patienten und Angehörigen einen Raum zu schaffen, um über ihre Bedürfnisse zu reden.

Und was hat es auf sich mit dem „Sterbetourismus“ in Länder wie die Schweiz? Schafroth zog als „Exit“-Verantwortliche Bilanz. Nach 32 Jahren praktischer Erfahrung lasse sich das Fazit ziehen: „Den großen Dammbruch gibt es nicht, denn der Mensch lebt gerne, auch wenn er leidet.“ Allerdings sei die Vorstellung für viele Menschen hilfreich, einen Notausgang zu haben, sollte der Leidensdruck zu groß werden.