Rheinfelden Grenzgänger zwischen Jazz und Klassik

Die Oberbadische, 18.07.2017 02:52 Uhr

Von Jürgen Scharf

Rheinfelden. Kann man auf einem über 100 Jahre alten Blüthner-Flügel Jazz machen? Man kann. Aber nur, wenn man einen solchen Kammerjazz spielt wie Lars Duppler und den Flügel nicht als Perkussionsinstrument benutzt wie viele Jazzpianisten. Das würde auf den zarten Filzhämmerchen des altehrwürdigen Instruments auch gar nicht gehen.

Der Rheinfelder Kantor Rainer Marbach konnte sicher sein, als er den aus Köln stammenden Pianistin zur Reihe „unerHÖRT – Klassik in Rheinfelden“ einlud, den kürzlich erworbenen, restaurierten, historischen Flügel einzuspielen, dass der das Instrument nicht malträtiert. Duppler erfreute in der Christuskirche mit einem sorgfältigen Anschlag, leisen Tönen und dezentem Spiel. Es wurde ein sehr intimer Jazz-Abend mit einer eigenen Raumeinteilung.

Das Publikum saß um den Flügel herum, hautnah dran am Klavier und den Pianisten, und der weiche, warme Klang des Flügels war auch bei aufgeklapptem Deckel eine klangliche Wohltat. Der Blüthner passt gut in diesen Raum, denn die Christuskirche hat keine Überakustik, keinen Hall, sondern eine klare Konzertsaal-Akustik. Und die machte sich Duppler zunutze, indem er von seiner CD „Naked“ – den Titel erklärte er sehr witzig von der einsamen Aufnahmesitzung her (nur das Klavier und er) – einige Eigenkompositionen und ein paar Coverstücke spielte. „Naked“ (nackt) kann man aber auch als Klavierklang pur interpretieren, ganz zurückgenommen auf den reinen Klavierklang.

Zwar fehlten im Konzert die Zwischenspiele von der CD mit Namen von Farben, dafür gab es Zwischenmoderationen des Pianisten, der Sinn für Farben hat und die rätselhaften Titel erklärte. Etwa „Proko-San“, ein Stück, das mit der Spätromantik, Erik Satie, Honegger und Kurt Weill kokettiert, die Duppler für den Jazz entdeckt hat und in seine eigene Tonsprache einfließen lässt. Man spürt die Vorliebe für Melodien.

Bei „The Sixth Sense“, ein Stück nach einem Horrorfilm, ist der Beginn recht Hitchcock-verdächtig, vom musikalischen „Suspence“ und der Stimmung her, mit dem Intervall der Sexte. „Rien na va plus“ empfiehlt sich als eine charmante Ballade und „Mezzanine“ als eines der jazzigsten Solopianostücke in diesem Programm mit ureigenem Sound zwischen Spätromantik und Jazz.

Dass sich der Flügel weich wie Butter spielt, merkte man spätestens in der sehr eigenen Interpretation des vorsichtig verfremdeten Jazzstandards „My Favourite Things“ aus der Feder des Musicalkomponisten Richard Rodgers, den Duppler sehr improvisativ angeht. Man merkt, dass er vom Jazz eines Paul Bley und John Tayler (sein Lehrer) inspiriert ist.

Lars Duppler ist ein Grenzgänger zwischen Jazz und klassischer Musik, aber er erwies sich nicht als pianistischer Leisetreter, sondern verlangte sich (und dem Flügel) einiges an Klangfarben, Akkordfolgen und virtuosem Zugriff ab.

Im nächsten Frühjahr und Sommer 2018 ist eine ganze Konzertreihe des Kulturamts Rheinfelden zur Einweihung dieses Flügels vorgesehen. Dann aber ganz klassisch.

 
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