Basel - BelleVue – diesen Titel trägt ein Forum in Basel, das sich als Ausstellungs-, Diskussions- und Impulsort für Fotografie versteht. Zum Auftakt einer dortigen Ausstellungsreihe unter dem Titel „Zeit für: junge Positionen der Fotografie“ präsentiert die Lörracher Fotografin Wilma Leskowitsch aktuelle, sehr persönlliche Arbeiten. Ihre Ausstellung, die am Samstag in der Breisacherstraße 50 in Basel, Nähe der Johanniterbrücke, eröffnet wird, trägt den Titel „Kristalle im Tau“. Darin macht sich Leskowitsch, Nachfahrin deutschstämmiger Russen aus dem Wolgagebiet, auf die Suche nach ihrer Herkunft, den Spuren ihrer Familie und ihrer Kultur.

Der Ausstellungstitel weckt bewusst Assoziationen zu dem einstigen Tauwetter zwischen Ost und West, das der Familie der Fotografin das Ausreisen ermöglichte sowie zum Prozess des Herauskristallisierens ihrer eigenen Identität. Er trägt aber auch Landschaftsbilder in sich, von tauglitzernden Wiesen, an die Leskowitsch, die bei der Ausreise fünf Jahre alt war, denkt. Es sind kleine, meist schöne Erinnerungsfetzen, erzählt die heute 30-Jährige. Lange habe sie ihre Herkunft eher verdrängt, wollte in Deutschland einfach dazugehören, nicht auffallen. Erst später als Erwachsene und über ihr Studium in Dänemark wurde in ihr der Wunsch geweckt, sich mit ihren Wurzeln auseinanderzusetzen. „Ich bin dann einfach hingereist, habe viel mit den Menschen dort geredet, fand schnell Zugang. Es gab viele berührende Begegnungen.“ Nur so konnten wohl die intimen Porträts entstehen.

In früheren fotografischen Arbeiten zeigte Leskowitsch mehrheitlich die Geschichten anderer Menschen und deren Identität. Ihre jetzige Spurensuche führte sie einerseits an die Wolga und andererseits nach Kasachstan. Dort musste sich die Familie nach der Rückkehr aus Sibirien, wohin sie unter Stalin während des Zweiten Weltkriegs deportiert worden war, eine neue Existenz aufbauen.

Die so entstandene Serie „Kristalle im Tau“ lässt sich formal dem Genre der Fotoreportage zuzuordnen. Sie ist ein präzises und emotionales Porträt einer abgelegenen, unbekannten Welt und der Menschen, die dort leben. Gezeigt werden rund 35 Arbeiten, teils Porträts, teils atmosphärische Bilder, die ein Gefühl für Landschaft, Stimmung und die Menschen im Osten vermitteln.

Die Reise hat die junge Fotografin emotional so stark bewegt, dass sie weiter daran arbeiten will, ein Buch ist in Planung.

Wilma Leskowitsch lebt seit einem Dreiviertel Jahr in Lörrach. Sie studierte Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover und an der Danish School of Media and Journalism in Aarhus, absolvierte ein Praktikum beim SPIEGEL und ist seither für verschiedene Medien und Unternehmen, vor allem im Bereich Reportage- und Porträtfotografie tätig. In ihren fotografischen Arbeiten setzt sich Leskowitsch mit dem Alltag von ethnischen Minderheiten, kulturellen Identitäten und den Konsequenzen kultureller Entwurzelung auseinander.

Die thematische Klammer der Ausstellung zum „Zeit für“-Projekt sei laut BelleVue die Frage nach Identität. Da sei zum einen der Umgang mit dem persönlichen Schicksal, zum anderen die Suche nach der eigenen Herkunft, die Frage nach der Zugehörigkeit, gerade auch angesichts der grassierenden Veräußerung des Privaten in den digitalen Medien.   „Kristalle im Tau“: Fotografien von Wilma Leskowitsch; Vernissage: Samstag, 2. Februar, 17 Uhr, Breisacherstraße 50 in Basel; bis, 24. Februar, Sa und So, 11 bis 17 Uhr; weitere Informationen: www.bellevue-fotografie.ch