Basel Die im Dunkeln sieht man nicht

Adrian Steineck
In den Anlaufstellen für Obdachlose und Bedürftige in Basel herrscht derzeit Hochbetrieb. Foto: dpa/Paul Zinken

Basel - Wenn es draußen kälter wird und das Thermometer immer häufiger unter den Gefrierpunkt fällt, beginnt für Bedürftige und Obdachlose eine harte Zeit. Auch bei den Anlaufstellen in Basel herrscht dann Hochbetrieb. Zugleich hat die Corona-Pandemie die Situation für Menschen, die am Existenzminimum leben, zusätzlich verschärft.

Claudia Adrario de Roche, Leiterin der Essensabgabe Soup & Chill im Basler Quartier Gundeli, wird im Gespräch mit unserer Zeitung deutlich: „So viele Gäste wie derzeit hatten wir noch nie.“ Auch das erste Corona-Jahr war mit insgesamt 50 000 Gästen schon sehr besucherstark. Aber diese Zahl würde nochmals übertroffen, sagt sie. Bis zum Jahr 2019 habe man im November täglich 70 bis 80 Personen bewirtet, im vergangenen Jahr lag diese Zahl dann bei mehr als 100. Momentan aber würden vor allem an den Wochenenden 150 Mahlzeiten täglich ausgegeben.

Armut hat zugenommen

Adrario de Roche, die seit dem Jahr 2002 in Basel in der Arbeit für Bedürftige aktiv ist, sagt, dass die Armut bereits vor der Covid-19-Pandemie zugenommen habe. Corona aber hat die Situation nochmals verschärft. „Wenn vorher jemand an der Armutsgrenze gelebt hat und dann etwa durch Kurzarbeit nochmals Einbußen verkraften muss, dann fliegt derjenige schnell aus der Kurve“, schildert sie ihre Erfahrungen aus den Gesprächen mit den Gästen.

Auch als während des ersten Lockdowns im vergangenen Jahr zeitweise die Grenze nach Deutschland zu war, hat sich das bei der Zahl der Gäste bemerkbar gemacht. „Das Einkaufen in Deutschland ist für viele Menschen mit wenig Geld natürlich auch eine Möglichkeit, sich hin und wieder eine Mahlzeit zu leisten“, sagt Adrario de Roche. Auch über den Jahreswechsel wird das Angebot aufrecht erhalten.

Wärmeräume gefordert

Der Verein Soup & Chill, der mit der Schweizer Tafel zusammenarbeitet, bietet Bedürftigen auch die Gelegenheit, sich aufzuwärmen. Hier sieht Adrario de Roche auch die Politik gefordert, denn: „Viel zu viele Menschen müssen im Winter im Freien übernachten.“ Für denkbar hält sie es etwa, Kirchen für Bedürftige zu öffnen.

Auch Hotels, die in Pandemiezeiten leer stünden, seien als Schlafmöglichkeit geeignet. Sie habe bereits Kirchen angeschrieben, sei aber mit Verweis darauf, dass die Kirchengebäude nicht beheizt sind und über eingeschränkte sanitäre Anlagen verfügen würden, vertröstet worden. Zugleich wirft sie dem Kanton vor, beim Thema Armut wegzuschauen. „Genauso, wie es Corona-Leugner gibt, gibt es auch Armuts-Leugner“, sagt sie und betont: „Wir brauchen Wärmeräume, die öffentlich zugänglich sind.“

Zwar gibt es die Notschlafstellen für Frauen und Männer, die vom Kanton betrieben werden. Dort aber stünden regelmäßig Betten leer, was von den Verantwortlichen als Indiz dafür gewertet werde, dass es kein Problem mit Obdachlosigkeit gebe. (Über die Situation in den Notschlafstellen für Frauen und Männer berichten wir noch.)

Zugenommen hat der Betrieb auch in der Gassenküche Basel, wie deren Leiter Andy Bensegger im Gespräch mit unserer Zeitung sagt. „Seit Beginn der Pandemie sind die Zahlen niemals runtergegangen und im Moment sogar deutlich gestiegen“, sagt er. Etwa 200 bis 250 Frühstücke und Abendessen werden von den 50 ehrenamtlichen Helfern derzeit ausgegeben.

Während der ersten Phase der Pandemie habe man die Speisen zum Abholen angeboten. „Wir haben aber gemerkt, dass diejenigen, die den Bedarf nach einem günstigen Essen haben, auch bei uns bleiben wollen.“ Durch den Umzug der „Gassechuchi“ in den Pfarrsaal der St. Josefskirche zum 1. März steht mehr Platz als vorher zur Verfügung, sagt Bensegger. Dadurch könne der geforderte Mindestabstand leichter eingehalten werden.

Defizit an Information

Bensegger moniert, dass bedürftige Menschen vielfach nicht wahrgenommen würden. „Wir wissen alle, dass es sie gibt, aber wir wollen sie nicht sehen“, sagt er. Gerade in den Anfangszeiten der Pandemie habe es vielfach ein Informationsdefizit gegeben, da Obdachlose vielfach nicht erreicht wurden. „Viele, die zu uns kamen, haben sich gewundert, dass auf einmal alle Menschen Masken tragen“, schildert er seine Erfahrungen.

Durch Sprachbarrieren bei Menschen mit Migrationshintergrund sei das Problem noch verschärft worden. Auch wenn Bensegger hier bereits ein Umdenken festgestellt hat, ist etwa der Zugang zu einer Impfung ein weiteres Problem. „Wenn jemand keine Papiere hat, wird derjenige auch nicht geimpft“, bringt er es auf den Punkt.

Das traditionelle Weihnachtsessen der Gassenküche im Union-Begegnungszentrum musste angesichts der steigenden Infektionszahlen bereits abgesagt werden. Es soll an Heiligabend gleichwohl ein Essen geben, aber in kleinerem Rahmen. Über die Weihnachtsfeiertage und den Jahreswechsel bleibt die Gassenküche dann geschlossen, die Obdachlosen würden aber durch andere Angebote etwa der kirchlichen Träger Alternativen finden.

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