Basel Happy End für Heidi

Von Dominique Spirgi
 Foto: Ingo Höhn

Von Dominique Spirgi

Basel. Der langjährige Basler Ballettdirektor Richard Wherlock führt mit seiner letzten Choreografie in die heile Bergwelt. Er präsentiert Johanna Spyris Roman „Heidi“ als Plädoyer für die Menschlichkeit, was nur in Teilen zu überzeugen vermag.

Es sei hier vorausgeschickt: Richard Wherlock bleibt noch bis Ende der Spielzeit 2022/2023 Direktor des Balletts des Theaters Basel. Mit „Heidi“ zeigte er aber seine letzte große Handlungsballett-Choreografie in seiner über 20-jährigen Tätigkeit als erfolgreicher Spartenchef.

Und er konnte sich noch einmal von seiner treuen Fangemeinde frenetisch feiern lassen – Fans, die sich ab 2023 an eine neue Tanzästhetik werden gewöhnen müssen, wenn die deutsche Tanztheater-Kuratorin Adolphe Binder aus der Pina Bausch-Schule das Zepter übernehmen wird.

Doch noch einmal konnte das Publikum einen Abend genießen, der getragen von der formidablen Compagnie voll und ganz die so beliebte Handschrift von Wherlock trägt: Es ist dies eine originäre Form des Tanzes, die sich an der Schnittstelle des klassischen Balletts und des modernen Tanztheaters bewegt. Und eine Handschrift, die vor allem in den Gruppenauftritten von einem forcierten Tempo, großen Gesten und einer starken Dynamik geprägt ist.

Das hat ihn im Verbund mit seiner Experimentierfreudigkeit in Sachen Musik unter anderem zu herausragenden Ballettabenden wie „Tewje“ (2015) und „Don’t Tell the Kids“ (2018) geführt. Bei der vor allem von intimen Begegnungen geprägten Geschichte von „Heidi“ geht das nun aber nur bedingt auf.

Auch bei „Heidi“ ging Wherlock bei der Musik ein Wagnis ein: Er ließ von Tino Marthaler und Alain Pauli einen elektronischen Musikteppich komponieren, der von verfremdeten Ländlermelodien bis zu wummerndem Drum ’n Bass reicht. Dieses Wagnis hat sich gelohnt.

Facettenreiche Pas-de-Deux-Begegnungen

Seine tänzerischen Stärken beweist der Abend in den facettenreichen Pas-de-Deux- Begegnungen von Heidi mit dem Alpöhi, mit Geißenpeter und mit der scheinbar lahmen Klara, der sie in einer berührenden Szene auf die Beine verhilft, bevor sie von den Eltern, denen Richard Wherlock eine Art Münchhausen-Syndrom unterstellt, wieder in der Rollstuhl gepresst wird.

Letzteres ist eine der Szenen, die Wherlock zur Heidi-Geschichte hinzuerfunden hat. Sie stellt einen spannenden Ansatz dar, den der Choreograf aber nach einer kurzen Sequenz leider versanden lässt.

Auch die in Heidi nicht oder nur ganz am Rande vorkommenden und deswegen dazu erfundenen Massenszenen wirken letztlich wie Intermezzi, die schön anzusehen sind, sich aber nicht wirklich in den Handlungsstrang einfügen.

Äußerst einnehmend aber ist die tänzerische und mimische Präsenz von Gaia Mentoglio als Heidi. Berührend ist es, wie sie nicht aufgibt, der hier offenbar mehr psychisch als physisch an den Rollstuhl gefesselten Klara auf die Beine zu helfen. Erfrischend ist das kindlich-charmante Gezicke mit dem Geißenpeter. Und von einem ansteckenden Glauben an das Gute im Menschen geprägt ist die Art, wie Heidi tänzerisch das Herz des mürrischen Alpöhis gewinnt.

So gesehen wirkt dieser Ballettabend angesichts der krisenbewegten Zeit wie etwas aus der Zeit gefallen. Aber gerade jetzt sei ein Happy End als Gegenpol durchaus angebracht, sagte der vom frenetischen Schlussapplaus sichtlich gerührte Richard Wherlock an der Premierenfeier.  Termine: 14., 25., 27. und 29. Mai sowie 18., 20. und 24. Juni

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