Basel Hören, hören, hören

Von Gabriele Hauger

Basel. Das italienische Dampfgeplauder aus dem Autoradio auf dem Weg nach Süden. Die Scherze der SWR-Moderatoren zum Frühstück. Das spannende Hörspiel. Die Nachrichten. Radio begegnet uns im Alltag ständig, löst eine Flut an persönlichen Assoziationen aus.

Aber Radio bedeutet noch viel mehr. Der Apparat an sich, die Technik, die Erreichbarkeit, das Phänomen Geräusche – die Stille...

Unter dem Titel „Radiophonic Spaces“ nähert sich das Museum Tinguely in einer aufwändigen Ausstellung dem Phänomen an. Aufwändig vor allem deshalb, weil lange Recherchen und technischer Einfallsreichtum nötig waren, um schlussendlich das Ergebnis einer durchdachten interdisziplinären Schau zu realisieren; mit einem Hör-Parcours, in dem aktuelle, historische, bekannte und unbekannte Positionen aus 100 Jahren Radiokunst erlebbar werden.

Hinzu kommen 14 Themenwochen rund ums Radio. Auch hier wird das Publikum miteingebunden. Mit Kindern und Jugendlichen werden Sagen aus der Stadt vertont; Menschen mit Behinderung können Radio machen; es wird ein Impro-Hörspiel entwickelt, ein Apparat zusammengelötet. In der ersten Themenwoche werden zehn Filme gezeigt, die sich mit dem Radio beschäftigen, bekanntestes Beispiel ist „Good Morning Vietnam“. In der zweiten Woche ist eine Amateurfunkgruppe zu Gast und wird im Museum eine Funk-Station aufbauen. Besucher können dann am Funkgerät in die Welt hinausfunken. Einen Soundwalk durch den Solitude Park gibt es in der dritten Woche, macht Projektleiter Andres Pardey bei der Pressevorstellung Appetit auf die Themenwochen.

In den 100 Jahren, seit es das Radio gibt, setzten sich Musiker, Komponisten, Schriftsteller, Philosophen und bildende Künstler mit dem Medium Radio auseinander. Auch die Schallplatte als Speichermedium und das elektronische Studio standen im Zentrum akustischer Recherchen.

Optisch wenig spektakulär wirkt die Ausstellung mit ihrem Hör-Parcours im Eingangssaal des Museums. Doch es geht ja auch um etwas anderes: ums reine Hören. Schon Pythagoras lehrte seine Schüler angeblich hinter einem Vorhang sitzend, weil er glaubte, dass diese sich so besser auf seine Stimme konzentrieren, das Gelernte besser aufnehmen könnten. Einen ähnlichen Prozess kann der Besucher beim Durchlaufen des experimentellen Parcours erleben. Jeder Rundgang ist individuell, der Besucher wandelt quasi als lebende Sendesuchnadel zwischen den Stationen umher. Mit Leih-Kopfhörer und -handy kann er beliebig durch den Raum streifen und je nach Interesse am Smartphone unterschiedliche Themen wählen. An jeder Station bekommt er dazu andere Anregungen präsentiert. Dabei stammen die wählbaren Aufnahmen aus der Geschichte des Radios von 1890 bis heute, über 200 wurden aus dem 9000 Stücke umfassenden Archiv der Bauhaus-Universität Weimar ausgesucht. Eine nahezu unüberschaubare Menge, die sinnbildlich für die enorme Vielfalt an Aufnahmen steht. Unvergessliche Sendungen werden hörbar, Katastrophen werden thematisiert, Alltägliches widergespiegelt, Musik gespielt: ein Klangraum, der sich jedem Besucher anders präsentiert, je nachdem, wie sich dieser durch den Raum bewegt.

Gewählt werden kann aus 13 Narrativen, die sich insgesamt zu einem kaleidoskopischen Überblick über die Radiokunst zusammenfügen. Ob „Plattengeschichten“, „Funkstille“, „Das Radio denkt über sich selbst nach“, „Song/Sound/Opera“ oder „Remix und Neuinszenierungen“: Unter diesen Obergriffen werden immer wieder neue Einblicke, Informationen oder thematische Exkurse hörbar. Der Besucher kann sich in der Fülle der Klänge und Töne leicht verlieren – und dabei auf überraschende, faszinierende Klangpfade stoßen. Zeit sollte er aber in jedem Fall mitbringen. 24. Oktober bis 27. Januar, Di bis So, 11 bis 18 Uhr

„Radiophonic Spaces“ wird zudem in Berlin und Weimar präsentiert.

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