Basel Rache fürs Verlassenwerden

 Foto: Priska Ketterer

Basel - Weder Italianità noch Japonaiserie: Die Basler „Madama Butterfly“ spielt irgendwo im asiatischen Raum. Es könnte ein Thailand-Urlaub sein oder Sextourismus auf den Philippinen. Die kleine Japanerin Cio-Cio-San ist nicht mehr im Teehausmilieu zu verorten. Ihr Blütenreich liegt ganz woanders, und eine 15-jährige Geisha ist sie schon gar nicht.

Regisseur Vasily Barkhatov zeigt mit der dunkelhäutigen Sopranistin Talise Trevigne keine blutjunge Frau, die von Pinkerton verführt wird, sondern eher eine sitzengelassene frustrierte Amerikanerin. Also eine ganz andere Ausgangslage für diese Oper von Puccini, zeitgemäß, realistisch. Und auch der Tod der Butterfly ist ein anderer: Sie begeht nicht das traditionelle Harakiri, sondern schneidet sich die Pulsadern auf, zeigt demonstrativ die Blutspur am Fenster und rächt sich mit dem Selbstmord für das Verlassenwerden. Manchmal kommt einem diese Butterfly mehr wie Norma vor.

Das Einzige, was die Inszenierung ganz speziell macht, sind die durchgängigen Videoprojektionen und Live-Cams. Die Protagonisten nehmen sich in typischer Selfiemanie ständig selber auf, mit Smartphones, und die Filme dienen Butterfly später für ihre schmerzlichen Erinnerungen an die Liebelei mit dem amerikanischen Marineoffizier. Ansonsten läuft die Darstellung dieser Oper doch eher in konventionelleren Bahnen, was in der Ära Andreas Beck etwas verwundert.

Die Figuren tragen westliche Kleidung, Butterfly Jeans und T-Shirt, Suzuki, die Dienerin (stimmlich und darstellerisch intensiv: Kristina Stanek), sieht in ihrem kimonoartigen Kostüm etwas japanischer aus, Vermittler Goro (Karl-Heinz Brandt) ist mit goldener Schiebemütze, Sonnenbrille und protziger Uhr machohaft ausstaffiert. Die prunkvolle Hochzeitsszene erinnert mit Masken und goldenem Kopfputz an balinesische Hochzeitsrituale, während der Luxusbungalow mit Pool kein japanisches Teehaus suggeriert, sondern westlich anmutet.

Butterfly ist kein naives Püppchen

In dieser japanischen Tragödie werden die Akzente eindeutig anders gesetzt. Die Butterfly selber ist auch kein naives Püppchen, das mit Pinkerton ins Unglück stürzt, sie weiß, worum es bei diesem Deal geht, ist eine erfahrene Frau. Die Sängerin der Hauptrolle fügt sich in dieses Konzept gut ein, gestaltet emotional die Rolle. Stimmlich ist sie sowieso überlegen und bringt viel von ihrer verletzten Seele gesanglich rüber. Dazu hat Trevignes Sopran lyrische Qualitäten; nur als Figur lässt es sich nicht retuschieren, dass sie keine junge japanische Geisha darstellt.

Mit tenoralem Schmelz und großem Einsatz

Da passt es, dass der ihr an die Seite gestellte Opernleutnant Pinkerton kein italienischer Strahletenor ist, sondern ein ernsthafter Charakter, gestalterisch etwas problematischer als stimmlich. Der georgische Tenor Otar Jorjikia singt die Partie mit tenoralem Schmelz und großem Einsatz. Den zeigt Konsul Sharpless (Domen Krizaj) zuerst noch leicht kühl, später nimmt er spürbarer Anteil am Schicksal der Verlassenen.

Die Blicke des Zuschauer werden von dem großen Flachbildschirm angezogen, auf dem sich die Geschichte immer wieder von vorne abspielt. Ständig sieht man Pinkerton beim Rasieren mit dem Rasiermesser hantieren. Beim längsten Liebesduett der Operngeschichte sitzen beide auf der Bühne etwas zu gemütlich am Pool, sie räkelt sich auf der Gartenliege. Es sind die banalen Alltäglichkeiten dieser Liebesgeschichte bis hin zum tragischen, in Basel auch melodramatischen Ende.

Der italienische Dirigent Antonello Allemandi ist ein Puccini-Kenner und weiß, wie man stringent die Steigerungen bis zum letalen Ende durchzieht, und er kann dazu das Basler Sinfonieorchester bestens animieren, das kein bisschen sentimental spielt.

Während bei der Premiere eines der großen Transparenzgläser im Bungalow, hinter dem sich Umkleide und Bettszenen abspielen, blind blieb, funktionierte das in der weiteren Aufführung fehlerfrei. Ebenso natürlich wie die alles beherrschenden Videos, die heute wohl zu einem der beliebtesten Stilmittel im modernen Theater gehören. Dennoch überzeugt die Aufführung schlussendlich musikalisch mehr als szenisch.   Nächste Vorstellungen am 15. und 18. Mai

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