Basel Virus zeitgenössischer Musik

Von Gabriele Hauger

Basel. Dass eine Musikinstitution wie der Gare du Nord (Bahnhof für Neue Musik) eine Auslastung von fast 80 Prozent vorweisen kann, ist keine Selbstverständlichkeit. Diese bei der gestrigen Saisonvorstellung verkündete Zahl unterstreicht indes, wie ambitioniert, kreativ und gut vernetzt der seit 2002 existierende „Bahnhof“ inzwischen in Basel und weit darüber hinaus ist.

Den „Virus zeitgenössischer Musik“ auch weiterhin verbreiten möchte die Leiterin Desiree Meiser auch in der 19. Saison. Mit genreübergreifenden Kooperationen, beliebten Reihen, einer intensiven Vermittlungsarbeit, die sich auch und besonders an junge bis ganz junge Menschen richtet, dürften auch die anstehenden Angebote ziehen.

Besonders ambitioniert ist der Schwerpunkt „Later Born“, der sich in verschiedenen Formaten mit den Reflexionen über die eigene Geschichte der nachkommenden Generation beschäftigt, die Weltkriege und Nazi-Zeit selbst kaum oder meist gar nicht mehr selbst erlebt hat. „Dennoch ist jeder irgendwie davon betroffen, trägt dies in seiner Familiengeschichte mit sich“, so Meiser. In diese Themenreihe gehört auch „Alles klappt“, mit dem die Saison eröffnet wird (19./20.10.). Die Erstaufführung dieses Schweizer Musiktheaters für Vokalensemble und zwei Percussionisten basiert auf Briefen und Inventarlisten, die der tschechische Komponist Ondrej Adamek bei Recherchen zur Vergangenheit seiner größtenteils im KZ umgekommenen Familie entdeckte. „Er dirigiert in Basel sein Werk und wirft einen mutigen starken Blick zurück“, erklärt Meiser.

Zu „Later Born“ gehören unter anderem das Konzert „Letters from Warsaw“ (10.11.) im Rahmen des Festivals Culturescapes, einem von Briefen aus dem Warschauer Ghetto inspirierten Werk; „Im Nebel“ (19./20.11.) mit der Knabenkantorei Basel, einer Sprachsalve gegen den Krieg; der dokumentarische Theaterabend „Hans Schleif“, der sich – mutig erzählt – mit der Schuldfrage auseinandersetzt; oder der spannende Beitrag des Sinfonieorchesters Basel, eine Komposition zu dem auf einem Flohmarkt entdeckten Stummfilm „Die Stadt ohne Juden“. Einige der Aufführungen werden zudem durch Einführungen oder Podiumsgespräche ergänzt. Außerdem gibt es in Basel weitere Veranstaltungen zum Thema: darunter die Ausstellungen „Pässe, Profiteure, Polizei. Ein Schweizer Kriegsgeheimnis“ im Jüdischen Museum oder „Violins of Hope“ im Musikmuseum, in der Geigen gezeigt und gespielt werden, die den Holocaust überdauert haben.

Stolz ist man im Gare du Nord auf die Mitwirkung beim Festival „Zeiträume“ (wir berichteten), bei dem man mit dem musikalischen Tableau „Cyber String Species“ (21.9.) und der Geigerin HannaH Walter eine Art Zwitterwesen aus Mensch und Maschine schaffen will. „Ein Gesamtkunstwerk zwischen Konzert, Ausstellung, Laboratorium und Choreografie.“

Die Kammermusikreihe „Promenaden“ mit dem Sinfonieorchester Basel wird bereits im 4. Jahr fortgeführt, sonntagvormittags mit Kinderbetreuung und gern gesehenen jungen Zuhörern, wie betont wurde.

Eine weitere beliebte Reihe läuft unter dem Titel „Von Zeit zu Zeit“ und widmet sich dem Spannungsfeld zwischen Mittelalter und Gegenwart, zwischen Alter und Neuer Musik und kreiert erstaunliche musikalische Zusammenhänge. Mit „Illuminationen Nr. 2“ (5.12.) wird beispielsweise das „Arciorgano“ rekonstruiert, eine Orgel mit 36 Tasten pro Oktave und „unglaublichen tonalen Möglichkeiten“.

Eine besonder Beziehung hat der Gare du Nord zum Ensemble Contrechamps aus Genf. Als Ensemble der Saison wird es dieses Jahr drei spannende junge Komponistinnen präsentieren, darunter die gehörlose amerikanische Klangkünstlerin Christine Sun Kim (6.11.)

Willkommen und präsent sind auch in der kommenden Saison die Ensembles Phoenix Basel oder Mondrian sein.

In puncto Vermittlung haben sich die Klanggespräche mit der VHS beider Basel etabliert, erklärt Meiser. Interessierte ohne jede Vorkenntnisse können sich dabei eine Stunde vor Konzertbeginn in exklusiver Runde mit den Musikern austauschen und Klangbeispielen lauschen.

„Mittendrin“ ist ein Angebot für Schulklassen, das auf große Resonanz stößt. Schüler ab 15 Jahre können bei vier Produktionen Gespräche mit Musikern und Komponisten führen, ein elektronisches Studio besuchen und spannende Einblicke erhalten. Neu ist die angebotene Weiterbildung für Lehrpersonal.

Nicht mehr wegzudenken ist der dem Gare du Nord angegliederte Gare des Enfants. Seit 2005 können Kinder ab fünf Jahren hier Musik entdecken und auch selber auf der Bühne stehen. Selbst Kindergartenkinder freuen sich hier regelmäßig über ein kreatives Mitmachangebot.   www.garedunord.ch

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