Basel Vom Hamsterrad bis zur Eisscholle

Die Oberbadische, 31.08.2018 17:10 Uhr

„Dabeisein ist alles“: Dieses olympische Motto könnte auch für das Draisinenrennen gelten, das am 21. September auf dem Dreispitzareal in Münchenstein stattfindet. Denn das Gewinnen steht hier nicht im Mittelpunkt.

Basel. Worum es bei diesem Anlass stattdessen geht und welche kuriosen Gefährte die Zuschauer erwarten, das wollte Adrian Steineck von dem Initiator und Mit-Organisator Benedikt Wyss erfahren.

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Frage: Herr Wyss, in der Ankündigung zu dem Rennen schreiben Sie: „Was ist eine Draisine? Wir wissen es wirklich nicht.“ Trotzdem die Frage: Was ist eine Draisine nach den Regeln Ihrer Jury?

Es gibt verschiedene Vorstellungen davon, was eine Draisine ist. Für die einen ist das eine Art Ur-Fahrrad ohne Pedale, für die anderen ein Schienengefährt, bei dem man pumpen muss, um sich auf einem Gleis fortzubewegen. Mir und meinem Mitorganisator Thilo Mangold ist eine Draisine ganz generell ein Gefährt, das sich auf Schienen fortbewegt und mit Muskelkraft angetrieben wird, ohne dass die Füße den Boden berühren. Aber ganz so starr wenden wir diese Regeln nicht an.

Frage: Das heißt?

Wenn uns jemand von einer Idee mit Motor oder Fußantrieb überzeugen kann, dann akzeptieren wir das, sagen aber auch, dass dies zu Diskussionen mit den anderen Rennteilnehmern führen kann – und mit diesen Diskussionen muss man dann auch leben. Das ist ganz normal, wenn Menschen gegeneinander antreten, und sei der Anlass auch noch so spaßig. Erst kürzlich versuchte mich ein Team davon zu überzeugen, dass es als Haifische verkleidet antreten könnte, und da Haie ja keine Füße, sondern Flossen haben, würden auch keine Füße den Boden berühren. (lacht) Da neben dem Preis fürs Tempo auch der Publikums- und Jurypreis, vor allem jener für das „Schönste Scheitern“ vergeben werden, ist der Antrieb für uns ohnehin relativ.

Frage: Versetzt es Sie auch manchmal selbst in Erstaunen, mit welchen Fahrzeugen die Teilnehmer antreten?

Eigentlich jedes Mal. Man staunt immer wieder über die Kreativität und die Arbeit, die in den Fahrzeugen steckt. Es braucht auch Mut, aber ich habe noch nie einen Teilnehmer erlebt, der seinen Auftritt nicht als Lohn empfunden hat.

Frage: Was war das skurrilste Gefährt, das Sie erlebt haben?

Einmal hatte jemand eine Draisine aus mehreren hundert Kilo Eis gebaut. Die Präsentation hat das Fahrzeug noch überstanden, aber vor dem ersten Rennen ist es weggeschmolzen. Eine andere Gruppe ist mit einem riesigen Hamsterrad angetreten. Der Künstler Johannes Willi hat schließlich im Rennen die Ägyptermethode verwendet.

Frage: Was hat es damit auf sich?

Er hatte ein Brett auf Rollen gelegt und forderte die Zuschauer auf, ihm zu helfen, indem es immer hinten eine Rolle wegzog und vorne wieder hinlegte, während er selbst auf dem Brett saß. Auf diese Weise wurden im antiken Ägypten Steine transportiert. Willi brauchte auf diese Weise 15 Minuten für 100 Meter. Ein Teil des Publikums fand das genial, ein Teil ziemlich doof. Gerade das macht das Ganze spannend.

Frage: Braucht es für die Teilnahme handwerkliches Geschick und technisches Fachwissen?

Nein, wir hatten schon viele eher ungeschickte Teilnehmer. Wir helfen auch jedem mit Rat und Tat, und es gibt einen Rabatt bei einem Baumarkt in der Nähe des Veranstaltungsgeländes.

Frage: Das Draisinenrennen findet zum dritten Mal statt. Wie kam es überhaupt zu dieser Idee?

Die Veranstaltung entstand ursprünglich als Kunstprojekt, mit der wir das Quartier um den Dreispitz beleben wollten. Denn das ist ein spannender Stadtteil, der zum einen viele Kunsteinrichtungen und Museen bietet, zum anderen stark durch das Handwerk geprägt ist. Auch viele Start-ups, also junge Unternehmen, sind hier ansässig. Dieses Quartier hat noch ein riesiges Potenzial, und da setzen wir an. Die Gleise, die kaum noch für den Güterverkehr genutzt werden, sind da auch symbolisch zu verstehen.

Weitere Informationen: Das Draisinenrennen findet am Freitag, 21. September, ab 15 Uhr auf der Gleisbrache in Münchenstein, Venedig-Straße 30, statt. Interessierte können sich bis zum 7. September unter www.draisinenrennen.ch anmelden. Dort finden sie auch nähere Informationen zu der Veranstaltung.

ist studierter Historiker und hat als Kurator Ausstellungen etwa für das Museum Tinguely auf die Beine gestellt. Bei seinen Projekten geht es Wyss nach eigenen Worten darum, „Menschen zusammenzubringen, die sich sonst nicht treffen würden.“

 
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