Binzen 42 Binzener sterben bei Zugunglück

Weiler Zeitung, 15.09.2017 00:20 Uhr

Von Hubert Bernnat

Auch Binzen hatte in der Zeit der Weimarer Revolution zuerst unter Währungsverfall und dann unter der Weltwirtschaftskrise zu leiden. Doch hatte die Arbeitslosigkeit nicht die Ausmaße wie in Lörrach und Weil, da viele sich durch Nebenlandwirtschaft einigermaßen über Wasser halten konnten. Doch die wirtschaftlichen Verhältnisse führten auch hier zu einer politischen Radikalisierung.

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Binzen. Hatten vor dem Ersten Weltkrieg die Arbeiter die SPD zur stärksten Partei gemacht, so schwenkten nun viele zur KPD über. Aus dem bäuerlich-dörflichen Umfeld erhielt zunehmend die NSDAP Unterstützung. Bei der ersten Reichstagswahl nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1930 erhielt die KPD 35,9 Prozent der Stimmen, die NSDAP schon 22,5 Prozent. Deutlich mehr als die Hälfte der Wähler entschied sich damit für die beiden Parteien, die die Weimarer Demokratie ablehnten und zerstören wollten. Doch als Hitler am 31. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, nutzten die Nationalsozialisten, die mittlerweile auch in Binzen stärkste Partei geworden waren, brutal ihre neue Macht.

„In der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch (vom 4. auf den 5. April 1933) wurden die SA- und SS-Mannschaften von Lörrach, Weil und einigen benachbarten Orten sowie die Hilfspolizei und einige Polizeibeamte zu einer Razzia nach Binzen alarmiert. Da hier ein kommunistisches Flugblatt verteilt worden war, und Binzen eine Reihe von Kommunisten unter seinen Einwohnern ausweist, wurde in einer Reihe von Häusern eine systematische Haussuchung vorgenommen. Es wurde verschiedenes kompromittierendes Material gefunden und in Zusammenhang damit einige Personen festgenommen.“

So berichtete das Morgenblatt der Basler National-Zeitung. Auch die SPD wurde verboten ebenso wie die aus der Arbeiterbewegung stammenden Radfahrverein Wanderlust und Turnverein Frei-Heil. Vor allem die fünf Brüder der Familie Moser, die alle in der KPD aktiv waren, wurden während der nationalsozialistischen Diktatur mehrfach inhaftiert und mussten langjährige Strafen in Konzentrationslagern erleiden.

Auch in Binzen wurde der Gemeinderat gleichgeschaltet und die anderen Parteien bald verboten. Zuerst ließ man den 1928 demokratisch gewählten Robert Rupp, der dem konservativ-bürgerlichen Lager angehörte, noch gewähren. Doch 1935 drängten ihn die Nationalsozialisten um ihren Ortsgruppenleiter Emil Müller aus dem Amt und machten Müller selbst zum Bürgermeister. Eine Wahl erfolgte nicht. Müller war 32 Jahre alt, bedeutender Landwirt und Besitzer der oberen Mühle.

Binzen war bestimmt kein nationalsozialistisches Musterdorf, und die Partei hier nicht so stark wie in anderen umliegenden Orten. Doch auch hier funktionierte die Durchdringung der Gesellschaft schnell, wie der spätere Unternehmer Werner Glatt in seinen Erinnerungen schildert: „Während die meisten Mitschüler bereits eine Uniform mit braunem Hemd (= Uniform der Hitler-Jugend) besaßen, machten nur wenige solche „Dienste“ in Zivilkleidung mit. Das waren die Jungs der sozialdemokratisch und kommunistisch denkenden Eltern, die man als Widersacher ansah, und dies auch spüren ließ.“

Doch auch in und aus Binzen wurden Menschen aus ideologischen Gründen verfolgt, geopfert, verschleppt und ermordet. Die meisten Opfer erforderte der mörderische Krieg. Dazu sind auch die 42 Binzener Toten des Zugunglücks von Markdorf zu zählen, darunter waren 24 Kinder unter 14 Jahren.

Am 22. Dezember 1939 war ein Zug, vollgefüllt mit 700 Evakuierten aus dem Markgräflerland, die zum Weihnachtsfest wieder nach Hause zurückkehren durften, gegen 22 Uhr mit einem Kohlezug zusammengestoßen. Das Unglück forderte insgesamt 101 Menschenleben.

Mit Kriegsbeginn am 1. September 1939 war die vorsorgliche Evakuierung der Orte am Rhein angeordnet worden, die von der französischen Artillerie bedroht schienen. Doch die Nationalsozialisten waren mit gleichzeitigem Kriegsbeginn und der riesigen Evakuierung organisatorisch überfordert. Da auch Verdunkelung für die Züge angeordnet war, und Versagen der überforderten Bahnbediensteten dazukam, konnte der Zusammenstoß erst dieses Ausmaß annehmen.

Schlimm war, wie die Partei dieses Unglück für sich instrumentalisierte: „Wir Deutsche, so führte er (= Gauleiter Robert Wagner von Baden) aus, stehen dem Opfer anders gegenüber als die übrige Welt, denn das Ringen um unseres Volkes Zukunft und Lebensrecht ist ein steter Opfergang, wir nehmen alle zu bringenden Opfer gemeinsam auf uns, wie immer sie unser Volk treffen mögen. Wie niemand bei uns umsonst lebt, so kann auch niemand umsonst sterben. Leben und sterben vollzieht sich bei uns im Dienst der Gemeinschaft und so glauben wir auch beim Tode der unschuldigen Menschen, dass ihr Sterben ein Ausschnitt aus dem Lebenskampf unseres Volkes um seine Zukunft ist.“

Viele tragische Schicksale wären noch zu erzählen. Zu den dunkelsten Kapiteln der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gehört die Ermordung Zehntausender körperlich und geistig behinderter Menschen.

Zu ihnen zählt Bertha Metzel, die 1871 als Tochter von Bürgermeister Hermann Metzel geboren wurde. Die Mutter starb schon 1884, der Vater 1907. In den Akten steht, dass sie danach entmündigt wurde „wegen Geisteskrankheit.“ Sie war in vielen Heimen und Anstalten untergebracht, doch die längste Zeit im Kreispflegeheim in Wiechs. Von dort wurde sie am 31. Juli 1940 nach Grafen-eck deportiert und einen Tag später dort in einer Gaskammer getötet. Die Ermordung vieler Behinderter in Grafeneck durch Gas war die Vorstufe zum millionenfachen Mord an den Juden in den Vernichtungslagern im Osten.