Binzen Jugendliche und ihr Smartphone

Die Paneldiskussion zu den Smartphone Stacks im „reforum“ Binzen: Auf dem Podium diskutierten Florian Mehnert (Mitte), Prof. Dr. Horst Niesyto (Zweiter von links) und Dr. Stefan Brink (Zweiter von rechts) mit Amalia, Maja und Lilly. Foto: Joachim Pinkawa Foto: Weiler Zeitung

Smartphone Stacks (stack = Stapel) ist ein Fotoprojekt des im Markgräflerland lebenden Künstlers Florian Mehnert. Großformatige Drucke hinter Plexiglas zeigen im Foyer des „reforum“ der Firma Resin in Binzen Jugendliche mit ihren Smartphones auf einem Flachdach übereinandergestapelt und dabei fotografiert, wie sie in ihre Geräte starren, texten, oder sich fotografieren.

Von Joachim Pinkawa

Binzen. „Das Smartphone ist heute zum hauptsächlichen Kommunikationsmittel der ,Digital Natives’ geworden, denn über WhatsApp, Snapchat, Instagram und andere Messengerdienste findet ein Großteil des Austauschs statt. Aber, wir leben im Zeitalter des Überwachungskapitalismus und des ,Privacy Paradox’, denn obwohl wir um die Vernichtung unserer Privatsphäre und Würde wissen, stimmen wir dem Sammeln unserer Verhaltensdaten zu und lassen uns dadurch von der Datenindustrie auf berechenbaren Datenrohstoff reduzieren“, erklärt Mehnert zu den Hintergründen seiner Arbeit.

Wie bei seinen „Refugee Stacks“ 2016 übt der Aktionskünstler damit aber nicht nur Gesellschaftskritik, sondern wirft Fragen auf. „In welcher Weise verändern Smartphones nicht nur die Art wie wir kommunizieren, sondern auch die Qualität unserer Kommunikation? Ersetzen WhatsApp und Instagram den differenzierten Diskurs und das persönliche Gespräch?“ Unter dem Aspekt, dass 90 Prozent von fast einer Million Apps in Googles Play-Store das Verhalten ihrer Nutzer verfolgen und die Daten an ein Netzwerk von Drittanbietern liefern, stand am Freitagabend der Eröffnung der Ausstellung eine Paneldiskussion.

Florian Mehnert hatte zur Reflexion über die Rolle des Smartphones und den Stellenwert der Privatsphäre Amalia, Maja und Lilly, drei seiner jugendlichen „Modelle“ der Aufnahmen, gemeinsam mit Professor Horst Niesyto (Medienpädagogik) und Stefan Brink (Landesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit Baden-Württemberg) auf das Podium in Binzen gebracht. Erfahrungen, Gefühle, Ängste, Zwänge, Probleme, Vor- und Nachteile, aber auch Gefahren und Hintergrundkenntnisse bestimmten den Austausch.

Freimütig schilderten die drei Jugendlichen ihr Nutzungsverhalten, das hauptsächlich von Kommunikation mit Freunden und Gleichgesinnten über Social Media geprägt ist. Genutzt wird das Smartphone weiterhin für Musik, Bilder und Videos, Ideenfindung oder Recherche.

Die Mädchen, die ihre Smartphones zwischen dem zehnten und 14. Lebensjahr bekommen hatten, schilderten ihre Anfängerfehler und das Lernen aus Erfahrung, sie sprachen auch von Gruppenzwängen: „Man muss dabei sein, wenn man nicht ausgeschlossen sein will.“

Kurioserweise stellte sich heraus, dass nur wenige Gespräche über das mobile Telefon geführt werden: „auf jeden Fall nur ganz wichtige und schnell notwendige Gespräche, die sonst sogar lieber persönlich stattfinden“, wie übereinstimmend berichtet wurde.

Professor Niesyto und Dr. Brink hinterfragten ergänzend die „informationelle Selbstbestimmung“. Sie erläuterten rechtliche Probleme bis hin zur nicht wirklich gegebenen „Altersverifikation“ und den Interessenskonflikten aus Datenpreisgabe und Datenverwertung.

„Die Werbung, die man aus den eigenen Daten generiert erhält, ist einfach gruselig“, war der gemeinsame Tenor aus der Erkenntnis, dass es sich auch „um Werbeplattformen handelt, die auch zu allen möglichen Zwecken gebraucht und bis zur politischen Manipulation missbraucht werden können“. Werte, Influencer, Filterblasen und auch die mangelnde Rolle der Schulen wurden beleuchtet und diskutiert.

Als Resümee standen am Schluss die gemeinsamen Befürchtungen zur weiteren weltweiten Digitalisierung, aber auch die gemeinsame Hoffnung auf eine bessere Bewusstwerdung der Begleiterscheinungen sowie auf bessere technologische Alternativen, die der Bedeutung der Privatsphäre gerecht werden. Professor Niesyto wünschte sich dem entsprechend eine Bewegung „Fridays for Future für die eigenen Daten“.

Die Ausstellung „Smartphone Stacks“ ist noch bis Samstag, 19. Oktober, im „reforum“ der Firma Resin am Dreispitz zu sehen.

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