Binzen Tempo 30: Freude und Verdruss

Beatrice Ehrlich

Seit März vergangenen Jahres gilt auf der Hauptstraße in Binzen Tempo 30. Eine Umfrage zeigt: Viele finden das gut, haben aber den Eindruck, dass sich kaum jemand daran hält.

Von Beatrice Ehrlich

Binzen. Im Gespräch mit Bürgern an der viel befahrenen Hauptstraße während der Mittagszeit ergibt ein uneinheitliches Stimmungsbild. Von „Schrecklich!“ bis „Sehr gut!“ lauten die Kommentare der Passanten. Zwei Beobachtungen haben aber fast alle Befragten gemacht: Dass die meisten Autofahrer, aber auch Busse sich oft nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten, und dass Tempo 30 nicht zu weniger Verkehrslärm in der Hauptstraße geführt hat.

Das lässt aufhorchen, denn die Geschwindigkeitsbegrenzung wurde im Rahmen des Lärmaktionsplans der Gemeinde eingeführt, der zum Ziel hat, die Lärmbelastung der Anwohner zu senken. Oliver Morgenstern, ein Familienvater, ein passionierter Motorradfahrer, der aber an diesem Vormittag mit zwei kleinen Kindern auf dem Fahrrad unterwegs ist, kann deshalb über das Schild „Lärmschutz“ an den Tempo-30-Schildern nur den Kopf schütteln: „Man müsste das anders begründen“, findet er. Und vor allem: Vom Lärm her sei im Vergleich zu vorher kein Unterschied zu bemerken. Er ist überzeugt, dass die meisten Fahrer die Regelung ohnehin nur einhielten, wenn Blitzer aufgestellt würden.

Als Autofahrer findet er Tempo 30 schrecklich, räumt Maik Häring freimütig ein. Man habe bisher nicht das Gefühl, dass sich viele daran hielten. Eine zweite Ampel hätte er geschickter gefunden, um die Verkehrssicherheit zu verbessern. Als positiv empfindet er die Verkehrsberuhigung im Kreuzungsbereich vor dem Rathausplatz.

Richtig gut finden Lea Altner und Dominik Jahn, ein Paar, das noch nicht so lange in Binzen wohnt, die neue Regelung. Die beiden haben gerade an einem Tisch im Freien vor dem Café „Lotta“ Platz genommen. „Für Menschen, die zu Fuß unterwegs sind und für Kids, die von der Schule kommen, ist das super“, kommentiert Altner. Es sorge für eine höhere Lebensqualität im Ort. Auch Jahn freut sich für die Fußgänger. Sie hätten schon genug darunter zu leiden, dass die Gehwege ständig zugeparkt seien.

Am Anfang habe sie die Änderung gar nicht bemerkt, gibt Laurence Ohneiser zu, die gerade das Café verlassen hat. Als Rümminger Bürgerin, die in Basel arbeitet und öfter im ortsansässigen Hieber-Markt einkauft oder ihre Kinder zur Schule nach Weil bringt, fährt sie regelmäßig mit dem Auto durch Binzen. Sie nimmt es mit Rücksicht auf die Anwohner gern in Kauf, langsamer durch das Dorf zu fahren. „Tempo 30 hat mich in meiner Mobilität nicht behindert“, sagt sie, „die zusätzliche Minute kann ich schon opfern“.

Corina Krämer aus Binzen hat gerade ihren Lieferwagen an der Apotheke abgestellt. Sie findet die neue Geschwindigkeitsbegrenzung sehr gut, um für mehr Ruhe zu sorgen. „Früher sind die Leute durchs Dorf gerast“, erinnert sie sich. Allerdings falle ihr auf, dass sich viele Autofahrer nicht an die Regelung hielten. „Ich fände gut, wenn mal Blitzer aufgestellt würden“, sagt sie.

Kritisch sieht sie auch die Einmündungssituation aus den Nebenstraßen: „Man kommt schlechter raus.“

Er tue sich schwer damit, die Veränderung der Lautstärke zu bewerten, sagt Frank Krumm, der mit seiner Familie das historische Stapflehus an der Kreuzung Hauptstraße/Mühlenstraße bewohnt, diplomatisch. Als langjähriger Gemeinderat trägt er Mitverantwortung für die neue Geschwindigkeitsregelung. Er habe den Eindruck, der Verkehr sei schon wieder schneller geworden, als er schon einmal war. Sowohl zum Wohle der Gemeinde als auch privat habe er sich für Tempo 30 eingesetzt. „Wir sind geplagt vom Verkehr“, stellt er fest.

Er sieht aber auch die andere Seite: Als Geschäftsinhaber profitiere er vom Durchgangsverkehr. Aus diesem Grund hat er sich bislang auch gegen einen festinstallierten Blitzer ausgesprochen: „Eine Säule, die böse guckt, ist kein gutes Ausgängeschild.“ An der oberen Dorfeinfahrt zeige aber die elektronische Geschwindigkeitsanzeige mit dem Smiley eine gewisse Wirkung, habe er festgestellt. „Die meisten fahren doch keine 30!“ ruft Juliane Ronger aus, die gerade mit Mann und Kindern auf Fahrrädern die Hauptstraße überquert hat, um im Stapflehus-Lädeli einzukaufen. Mit dem Fahrrad sei man gefährlich unterwegs in Binzen. Die Verkehrsdichte sei sehr hoch – „man müsste Raser mehr bestrafen“.

Im Übrigen wundere es sie, wie viele Binzener ihre Kinder mit dem Auto zum Kindergarten bringen, wenn es auch anders ginge. Auch die Sicherheit der rund 300 Kinder, die täglich mit dem Fahrrad nach Weil in die Schule fahren, beschäftigt die Rongers. Da stimmt Krumm ihnen zu. Seinen ältesten Sohn habe er deshalb aufgefordert, auf dem Gehweg zu fahren, auch wenn er eigentlich schon zu alt dafür sei.

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