Binzen Zu viel Regen in viel zu kurzer Zeit

Es hat nur 20 Minuten gedauert: In den frühen Abendstunden des 16. Juli ging über dem Tüllinger ein Starkregen nieder, wie ihn der Landkreis selten gesehen hat. Stark betroffen war auch die Gemeinde Binzen. Entsprechend groß war am Donnerstagabend das Interesse an einer Begehung zu neuralgischen Punkten oberhalb des Dorfs mit dem Ziel, die Folgen eines solchen Ereignisses in Zukunft abzumildern.

Von Alexandra Günzschel

Binzen. Rund 25 Teilnehmer hatten sich zu dem Rundgang eingefunden, der am Rathaus begann. Dort erläuterten Bürgermeister Andreas Schneucker, Werner Sturm vom Werkhof sowie der Bauingenieur Kurt Sänger die Hintergründe anhand einer Starkregengefahrenkarte für Binzen. Diese Karte, die über das Bürger-Geoportal auf der Homepage des Landkreises Lörrach eingesehen werden kann, hatte sich als prophetisch erwiesen.

„Wir können die Konsequenzen nur abmildern“, betonte Schneucker. Die Möglichkeit, dass ein solches Starkregenereignis vollkommen folgenlos bleibt, sahen er und die beiden Fachleute nicht. Für mögliche Maßnahmen sollen nun die Kosten ermittelt werden. Schneucker kündigte eine gemeinsame Ratssitzung mit der Nachbargemeinde Rümmingen an, die ebenfalls stark betroffen war. Dabei soll es auch um Maßnahmen gehen, die im Rahmen des Projekts „EroL – Erosion durch Starkregen im Markgräflerland“ erarbeitet wurden.

Wie hoffnungslos überfordert die mehr als 40 Jahre alte Kanalisation mit dem Starkregen war, machte Sänger deutlich: „Innerhalb von 20 Minuten ging die vierfache Menge dessen runter, wofür die Kanalisation den alten Berechnungen zufolge ausgelegt war.“ Die 40 Liter pro Quadratmeter konnten schlicht nicht aufgenommen werden. Wenn dann aus Wasser auch noch Schlamm wird, weil etwa die Maisäcker ausgespült werden, ist die Kanalisation schnell am Ende, wie Sänger ausführte.

Auf der Hauptstraße floss das ganze Wasser schließlich zusammen, es konnte nicht ablaufen. Auch der Stauraumkanal war voll, wie zu erfahren war. Bei der Hieber-Brücke floss ein Großteil in die Kander, wie Sturm berichtete, so lange, bis die Kanalisation wieder aufnahmefähig war.

Maßnahmen, damit das Wasser in Zukunft besser abfließen kann

Schnelle Lösungen, die hundertprozentige Sicherheit versprechen, gibt es nicht. So viel war allen klar. Kurzfristig will man sich nun darauf konzentrieren, die vorhandenen Abflüsse zu optimieren. Neben der Kommune könnten auch Privatleute auf ihren Grundstücken kleinere Maßnahmen ergreifen, um sich zu schützen, meinte Sänger und gab Beispiele.

Der erste Zwischenstopp wurde beim Friedhof eingelegt, wo die Wassermassen ein Gräberfeld regelrecht verwüstet hatten. Platten wurden verschoben, Grabsteine gerieten ins Wanken und die Bepflanzung, auch auf dem gärtnergepflegten Gräberfeld, wurde in Teilen zerstört. Die Beschädigungen blieben oberflächlich, die Totenruhe wurde nicht beeinträchtigt.

Weiter oben bei der Autobahnunterführung erstreckt sich ein Abflussgitter über die gesamte Tunnelbreite. Den Abfluss des Wassers ins Dorf hinein konnte es nicht verhindern. Sänger überlegte, ob ein weiterer Abfluss beziehungsweise größere Löcher im Gitter Abhilfe schaffen könnten. Letztlich entscheidend sei aber das Fassungsvermögen der Rohre. Ohnehin würden Schächte nur 20 Prozent des Wassers eines Weges aufnehmen, erklärte Sänger. Der Rest fließe geradeaus vorbei.

Bei diesem Starkregenereignis kam das meiste Wasser nicht von dem abschüssigen Feldweg in Verlängerung des Tunnels, sondern von links, vom Radweg neben der Autobahn her. Ein Stück Wiese mit Zaun trennt den Autobahnparkplatz von dem Radweg, wodurch der Abfluss in Richtung Autobahn verhindert wurde.

Deshalb soll nun dafür gesorgt werden, dass wieder mehr Wasser in Richtung der A 98 abfließen kann, was es ohne Hindernisse sowieso getan hätte. Kontakt zur dort verantwortlichen Autobahngesellschaft wurde bereits aufgenommen.

Angeschwemmtes Material am Zaun lässt darauf schließen, dass die schlammhaltige Brühe auf dem Radweg zeitweise bis zu 15 Zentimeter hoch stand.

Der Werkhof hat damit begonnen, vorhandene Abflussmöglichkeiten zu verbessern, in dem zum Beispiel die Neigung der Wege verändert wurde. Möglichst vermieden werden soll das Mulchen, da das zurückgelassene Gras mit Erde die Einflüsse schnell verstopfen kann.

Damit die Äcker nicht mehr bis zur Grundstücksgrenze genutzt werden, denkt die Gemeinde über den Ankauf von Randstreifen nach, um dort beispielsweise Hecken zu pflanzen, Schneucker zufolge ein sehr effektiver Schutz. Lieber wäre es dem Bürgermeister, die Landwirte würden solche Maßnahmen selbst ergreifen. Doch die Bereitschaft hierzu – ohne Entschädigung – ist ihm zufolge gering. Weitere Gespräche mit den Grundstückseigentümern sollen nun geführt werden.

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