Der Lörracher Motettenchor „Es gibt wunderschöne Musik zu hören“

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Engagiert für die Chormusik: Joss Reinicke Foto: Lucia Hofmaier

Interview:
Der Motettenchor ist eine Institution und Stammgast im Burghof. Beim Auftritt am Sonntag widmen sich die Chormitglieder einer der wichtigsten Barockopern aus England: Henry Purcell’s „Dido und Aeneas“. Joss Reinicke dirigiert.

Joss Reinicke leitet den 1926 gegründeten Chor. Dessen Name bürgt für hohe Qualität. Wie befragten ihn über das ambitionierte Opern- Projekt mit Solisten, Tanz und Lichtanlage, das die Sängerinnen und Sänger am Sonntag, 8. Oktober, um 18 Uhr, aufführen, über Chorgesang im allgemeinen und seine Liebe zur Chormusik.

Wie war Ihr Einstieg 2022?

Rückblickend scheint mir kaum mehr vorstellbar, dass wir Anfang 2022 – noch ganz unter den pandemischen Einschränkungen – geprobt hatten. Dabei weiß ich aus heutiger Sicht umso mehr zu schätzen, wie groß die Bereitschaft und Musizierfreude seither im Chor war. So hatte, seit meinem Antritt als Leiter, jedes Projekt für mich etwas ganz Eigenes und Unverwechselbares, musikalisch und programmatisch.

Wie liefen die Vorbereitungen auf den Auftritt am Sonntag?

Allein wenn ich auf die letzten vier Monate zurückblicke: Noch im Sommer gaben wir ein Konzert, das gänzlich im Zeichen der Musik der deutschen Romantik stand; wir konnten in diesem Rahmen einen renommierten Literaturwissenschaftler zur kulturgeschichtlichen Vertiefung nach Lörrach gewinnen und tauchten geradezu in die Musik und Gedankenwelt des 19. Jahrhunderts ein. Jetzt führen wir kurz darauf mit Henry Purcell’s „Dido and Aeneas“ die erste englischsprachige Oper auf, im späten 17. Jahrhundert komponiert: mit einem Team aus Tänzer- und Choreografinnen, die ihre Einflüsse aus dem zeitgenössischen und urbanen Tanz und der Performance-Kunst mitbringen, mit choreografischen Elementen des Chores, Kostümierung und Videoprojektion. Mich faszinier und macht sehr glücklich, mit welcher Offenheit und auch positiven Ernsthaftigkeit die Sängerinnen und Sänger bei dem dabei sind! Solch verschiedene Formen, sich mit Musik auseinanderzusetzen und sie mitzuteilen, zeigt für mich letztlich, wie reich die Ausdrucks- und Musizierformen des Chorsingen sind.

Wie ordnen Sie die Qualität der Sänger aus Lörrach und dem Umland ein, wie sehr ist der Chor etabliert?

Ein Großteil der Sänger des Motettenchores bringt langjährige Singerfahrungen mit und hat schon einiges an Chorliteratur im Repertoire. Das ist unglaublich wertvoll. Als Chorleiter ist es mir wichtig, das hohe Niveau des Chores weiter zu pflegen. Natürlich investieren die Sängerinnen und Sänger hierfür einiges: unter anderem durch individuelle Vor- und Nachbereitungen und die hohe Konzentration während der Proben. Chorsingen ist dabei keine ‚sing along‘-Veranstaltung, im besten Falle sind wir mit jedem Ton musikalisch initiativ und bauen immer wieder aufs Neue eine Intention auf. Dieser Einsatz, den es dabei von jeder Sängerin und Sänger fordert, spiegelt sich letztlich im Niveau des Chores wider.

Muss ein Dirigent auch mal streng sein?

Mir scheint vor allem wichtig, an den richtigen Momenten zu fordern, einen Willen für etwas zu vermitteln und die Chorsänger dafür zu gewinnen. Schließlich verbindet uns beim Musizieren, dass wir an einer gemeinsamen musikalischen Gestaltung arbeiten wollen, dass wir unsere Phrasierung aufeinander abstimmen, die Vokale homogen färben, mit einer gemeinsamen Intention singen wollen. Wenn das gegeben ist, versuche ich als Chorleiter, die musikalische Arbeit, nicht im Sinne von Strenge, sondern als ein Einfordern von klanglicher Differenzierung zu gestalten.

Der Motettenchor hat Tradition. Foto: Barbara Ruda

Was erwartet die Zuhörer am Sonntag beim Auftritt im Burghof?

Ich würde sagen, eine interdisziplinäre Aufführung im besten Sinne: Auf der Bühne des Burghofes, die mit Erhöhungen und ein Videoprojektionsfläche bestückt ist, wird auf der einen Seite das Orchester spielen, diagonal dazu singt der Chor, Aeneas singt mal von einem zwei Meter hohen Podest, auf einer Diagonale der Bühne tanzen zwei sehr ausdrucksstarke Tänzer, die Lichtanlage beschattet und leuchtet in den Stimmungen der jeweiligen Szenerien; wir arbeiten mit Kostümierung, mit Gestiken des Chores, und vielem mehr. Und vor allem wird es wunderschöne Musik zu hören geben, für die wir neben dem BaroqueLAB Frankfurt auch großartige Solistinnen du Solisten gewinnen konnten. Das macht, denke ich, schließlich dieses Konzert so besonders: Ein Zusammenkommen ganz vieler inspirierender Musiker- und Künstler in einem Projekt.

Was lieben Sie an Ihrer Arbeit besonders? Und welche Chormusik hat es Ihnen besonders angetan?

Mich da auf etwas festzulegen fällt mir schwer - Chormusik erfüllt mich besonders dann, wenn sie uns Qualitäten von Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Kommunikation, also letztlich den Bezug zu unserer Umwelt und uns selbst ermöglicht, wenn sie über das Alltägliche, Gewöhnliche hinausgeht. Vielleicht macht das überhaupt auch die Essenz künstlerischer Erfahrungen aus und ist deshalb so bereichernd.

Henry Purcell’s „Dido und Aeneas“ mit Motettenchor und Tänzern: Sonntag, 8. Oktober, 18 Uhr, im Burghof; eine Einführung gibt es 45 Minuten vor Konzertbeginn.

Das Gespräch führte Gabriele Hauger.

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