Efringen-Kirchen Den Konzertsaal zur Bühne gemacht

Jürgen Scharf
Isabelle Gichtbrock sang und rezitierte im Saat der Alten Schule. Michaela Bongartz und Ewald Gutenkunst begleiteten die Sängerin an Cello und Klavier. Foto: Jürgen Scharf

Es ist das erhoffte Heimspiel für die aus Efringen-Kirchen stammende Künstlerin Isabelle Gichtbrock.

„Singen ist gut“, sagte Hermann Hesse über Musik und Stimme. Er wäre wohl begeistert gewesen vom Auftritt der Sängerin und Sprecherin Isabelle Gichtbrock beim jüngsten Kammerkonzert in Efringen-Kirchen.

In ihrer ganzen Vielseitigkeit und Wandlungsfähigkeit präsentierte sich die Sängerin und Sprecherin am Sonntag im gut besuchten Saal der Alten Schule. Das Spektrum ihres Liederabends „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, den sie zusammen mit der Cellistin Michaela Bongartz und dem Pianisten Ewald Gutenkunst gab, war faszinierend.

Gichtbrock, die aus Efringen-Kirchen stammt und ihren Lebensmittelpunkt bei Zürich hat, überzeugte durch Ausstrahlung, Temperament und Leidenschaft und zeigte bei diesem Programm die zwei Seiten ihrer Gesangskunst: als Liedsängerin und als Chansonniere.

Souveräne Gestalterin

Anfänglich erwies sich die Altistin mit ihrer warmen, modulationsreichen und frei dahinströmenden Stimme als souveräne Gestalterin von Brahms-Liedern, die viel Ausdrucksdichte in die einzelnen Textvorlagen der „Gestillten Sehnsucht“ nach Rückert legte und ein Lied wie „Verzagen“ mit dramatischem Impetus sang.

Die ganze Vielfalt von Ausdrucksnuancen standen ihr in den Liedern von Othmar Schoeck zur Verfügung. Gichtbrock war die richtige Interpretin dafür, empfahl sich in vier Schoeck-Vertonungen nach Eichendorff, Hafis und Hesse als nuancierte Erzählerin, bei der das Poetische, Deklamatorische und Melodische optimal ineinander flossen.

Hermann Hesse, der als literarische Figur und Lyriker mit gesprochenen Text-, Gedicht- und Briefzitaten passend zum Thema Musik vertreten war, fand in Schoeck seinen genialen Liedschöpfer. Von daher war die Auswahl der Hesse-Texte sehr stimmig, die sich auch um die Frage drehten, welche Bedeutung Musik und Poesie in unsicheren Zeiten haben.

Schauspielerische Elemente

Im zweiten Teil kamen dann in einer halbszenischen Aufführung schauspielerische Elemente hinzu. Etwa in den französischen Chansons von Kurt Weill, darunter die Tango-Habanera „Youkali“. Bei Isabelle Gichtbrock wurde diese wirklich zu einem utopischen Ort der Sehnsucht, wo der Mensch des Menschen Freund ist.

Mit voller Stimme, Frauenpower und viel Gestik dramatisierte sie Weills „Wie lange noch?“ und holte psychologisch den ganzen Kosmos an Gefühlsnuancen und Emotionalität heraus.

Das gelang ihr auch in dem Chanson „Göttingen“ von Barbara. Sie lehnt sich an eine Säule im Saal, ganz auf Tuchfühlung mit den Zuhörern, und sang intensiv diese Hymne auf die deutsch-französische Versöhnung.

Mit dieser Hommage an eine deutsche Kleinstadt gelang es der Pariser Chanson-Ikone Barbara, Gräben zu überwinden. Es war ein Appell, dass nie mehr Hass die Welt zerstört – eine Botschaft, aktueller denn je.

Gichtbrock traf in diesen Chansons genau den Ton und die Grundstimmungen, sowohl die Melancholie als auch das Hoffnungsvolle, Versöhnliche.

Und da sie sich perfekt darauf verstand, im Sprechen zu singen und im Singen zu sprechen, zog sie das Publikum von der ersten bis zur letzten Minute in ihren Bann.

Michaela Bongartz am Cello und Ewald Gutenkunst am historischen, erst kürzlich restaurierten Steinway-Flügel (bei dem ein Ton die Tonhöhe nicht gehalten hat, was man aber geflissentlich überhören konnte) begleiteten nicht nur engagiert und differenziert, sondern lockerten die Stückfolge mit zwei impressionistischen Debussy-Intermezzi klanglich farbig auf.

Mit Akzent parliert

Das gemischte Programm hatte seinen Höhepunkt dort, wo man ihn gar nicht als solchen erwartet hätte: bei Paul Burkhards Theatersong mit französischem Refrain, in dem Isabelle Gichtbrock charmant mit Akzent parlierte und noch einmal alle Register ihrer Kunst zog. Die Künstlerin zeigte, wie sie im Singen zu spielen verstand und dabei den Konzertsaal zur Bühne machte. In der Zugabe zauberte Isabelle Gichtbrock – welch hübscher Gag – die Blockflöte hervor und „jammte“ zusammen mit ihren beiden Mitwirkenden in einem Latin-Stück richtig jazzig los.

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