Efringen-Kirchen Erst integriert, dann abgeschoben

Efringen-Kirchen - Ein 24-jähriger Maurerlehrling kommt wegen Drogendelikten mit dem Gesetz in Konflikt. Sein Ausbildungsbetrieb stellt sich hinter ihn und unterstützt ihn, wo es nur geht. Er bezahlt seine Strafe, aber die Sache ist damit nicht vom Tisch. Denn Alpha Cham stammt aus Gambia. Am 25. Februar ist er abgeschoben worden. Seine Freunde kämpfen seitdem dafür, dass er zurückkommen darf. Sie sagen: Alphas Geschichte lässt sich nicht auf eine Akte reduzieren.

Gegen 3 Uhr wird Alpha in der Nacht zum 25. Februar aus seinem Zimmer, das er in Weil am Rhein gemietet hat, abgeholt. Wenige Stunden später ist er in Gambia, und die Zukunft, für die er in den vergangenen Jahren gearbeitet hat, verschwindet. Noch am gleichen Morgen versucht Anja Wilhelm von der Firma Bautek, bei der Alpha eine Ausbildung zum Maurer macht, die Abschiebung mit Hilfe eines Eilantrags zu verhindern. Vergeblich.

Von Anfang an gearbeitet

Die Ausbildung bei Bautek ist nicht das erste Arbeitsverhältnis, das Alpha in Deutschland hat. „Ich habe ihn vor einigen Jahren über Umwege in der Gemeinschaftsunterkunft in Efringen-Kirchen kennengelernt“, erzählt Wolfgang Sperling. Damals habe Alpha bereits in einer Pizzeria in Kandern gearbeitet. Sperling hilft Alpha, sich im Alltag in Deutschland zurechtzufinden, er unterstützt ihn beim Umgang mit den Ämtern, und gemeinsam suchen sie nach einer Perspektive für Alphas Zukunft in Deutschland. Die beiden werden Freunde.

„Mir war klar, dass wir längerfristig einen Ausbildungsplatz finden müssen“, sagt Sperling. Bei mehreren Unternehmen in und um Efringen-Kirchen fragen sie an. Von der Bautek kommt schließlich die Zusage. Zunächst absolviert Alpha ein Praktikum, es folgt die sogenannte Einstiegsqualifizierung und im Oktober 2016 beginnt schließlich die Berufsausbildung zum Maurer.

Obwohl er den Ausbildungsplatz hat, ist es keine leichte Zeit für den Gambier. „Sein festes Einkommen führte zu der paradoxen Situation, dass er unterm Strich weniger Geld zur Verfügung hatte, als wenn er nicht gearbeitet hätte“, erklärt Sperling die damalige finanzielle Lage. Trotzdem steht Alpha jeden Morgen pünktlich auf der Matte, denn er plant langfristig und will sich eine Zukunft in Deutschland aufbauen.

Die Lehrstelle ist ein wichtiger Schritt auf diesem Weg, aber es gibt Hindernisse. Denn immer wieder muss er die Unterkunft wechseln und kommt mit einigen Zwischenstationen von Efringen-Kirchen in die Gemeinschaftsunterkunft nach Lörrach und damit in ein hartes Umfeld.

Harte Bedingungen in der Flüchtlingsunterkunft

In dieser Situation gerät Alpha mit dem Gesetz in Konflikt. Was sich in der GU in Lörrach genau abspielt, ist nicht ganz klar. Fest steht, dass es dort eine Gruppe gibt, die Drogen verkauft. Auch Alpha soll mitgemacht haben, was er aber vehement bestreitet. Trotzdem wird er verurteilt und bezahlt die ihm auferlegte Strafe. Alpha weiß, dass er aus diesem Umfeld raus muss.

Durch sein festes Einkommen als Lehrling schafft er es, in Weil sein eigenes Zimmer zu mieten. „Er war ab diesem Zeitpunkt völlig unabhängig“, erklärt Sperling. Alpha hat sein eigenes Einkommen, sein Bankkonto, zahlt Steuern und Rentenbeiträge.

Aber Alpha macht einen Fehler: eine geringe Menge Marihuana wird später bei ihm gefunden. Bei den Behörden zeichnet sich ab, dass sein Aufenthalt in Deutschland nicht länger geduldet wird.

Fußballspieler beim TuS Efringen-Kirchen

„Dass der Staat hart durchgreift, ist ja irgendwo auch nachvollziehbar“, sagt Maik Hess. Die Verhältnismäßigkeit sieht er in Alphas Fall aber schlichtweg nicht gewahrt. Denn Alpha sei alles andere als ein Krimineller, sagt der Vorstandsmann vom TuS Efringen-Kirchen. Dort hat Alpha in der zweiten Mannschaft Fußball gespielt. „Er hat schnell Anschluss gefunden und war bei allen sehr beleibt“, sagt Hess.

Ganz typisch verlief sein Einstieg in den Verein. „Nachdem er die ersten Trainings absolviert hatte, haben wir den Spielerpass beantragt und er wurde Mitglied der zweiten Mannschaft.“ Seitdem war der Gambier fest im TuS verwurzelt. Die Abschiebung habe seine Mannschaftskollegen und ihn selbst sehr mitgenommen, so Hess. Alpha fehle allen nicht nur als Mitspieler, sondern auch als Freund.

Noch regelmäßig hat Hess Kontakt mit Alpha. Er schickt ihm übers Handy Nachrichten und Bilder aus Gambia. Etwa von dem kleinen Dorf, in dem er jetzt lebt, das wie aus einer anderen Welt wirkt. Auch eine Aufnahme des kleinen Raums, in dem er schläft, hat Alpha geschickt. Das Zimmer ist kahl. Auf den ersten Blick befinden sich darin nur eine Matratze und eine Baseball-Mütze. Schaut man aber genauer hin, entdeckt man neben der Schlafstätte ein Buch. „Bautabellen“ ist auf dem Cover zu lesen. Alpha lernt für seine Ausbildung.

Wenig Hoffnung auf Rückkehr

Ob er die aber noch zu Ende bringen wird, ist fraglich. „Mit der Abschiebung geht eine 30-monatige Einreisesperre einher“, erklärt Stefanie Jammeh von der Caritas. Auch sie hat sich für Alpha eingesetzt und ihn unterstützt. Gemeinsam mit vielen anderen lotet sie die Möglichkeiten aus, die nun mit Blick auf Alphas Zukunft in Deutschland noch bleiben.

Mehrere Politiker involviert

Mehrere Bundestagsabgeordnete hat die Gruppe kontaktiert. Alle haben versprochen, sich dem Fall anzunehmen. Ob die Bemühungen Früchte tragen, muss sich zeigen. Auch wenn die Chancen nicht gut stehen, dass Alpha zurückkehren und seine Ausbildung beenden kann, wollen sich doch alle Beteiligten weiter für ihn einsetzen. „Mit der Abschiebung ist einfach niemandem geholfen“, fasst Jammeh ihren Eindruck zusammen: Bautek habe einen engagierten Lehrling verloren, der TuS ein beliebtes Mitglied seiner Fußballmannschaft und Alpha seine Zukunft.

Auch seien alle Anstrengungen hinsichtlich der Integration nun vergebene Mühe gewesen, bedauert Jammeh. Dass der Gambier diesbezüglich auf einem guten Weg war, zeige sich nicht zuletzt an einer kleinen Episode, die sich unmittelbar nach der Abschiebung ereignete. Zu Beginn seines Aufenthalts in Deutschland sei Alpha gesagt worden: Wenn du einen Termin hast und nicht hin kannst, musst du dich abmelden, erklärt Hess. Am 26. Februar schickt Alpha seinem Trainer eine mit reichlich makabrem Humor gewürzte Kurznachricht. Er könne an diesem Abend leider nicht zum Training erscheinen. Er sei gestern abgeschoben worden.

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