Efringen-Kirchen Im Exil ein Stückchen Heimat gesucht

Jack und Judy Bloch (links) begaben sich unter anderem im Museum in der Alten Schule mit Bürgermeister Philipp Schmid und Museumsleiterin Maren Siegmann auf Spurensuche. Foto: Christiane Breuer Foto: Weiler Zeitung

„Mein Vater hat zwar nur sehr selten über seine Heimat Kirchen gesprochen, aber er hatte richtig Heimweh und hat das Dorf, die Freunde und das Zusammenleben dort sehr vermisst“, sagt Jack Bloch. Das habe ihn neugierig gemacht. Deshalb habe er mit Bürgermeister Philipp Schmid Kontakt aufgenommen, der ihn zu einem Besuch eingeladen habe. Nun ist der 82-jährige Amerikaner mit seiner Frau Judy nach Efringen-Kirchen gekommen, um seinen Wurzeln nachzuspüren.

Von Christiane Breuer

Efringen-Kirchen. Im Museum in der Alten Schule macht Schmid die Besucher zunächst mit der Landschaft vertraut: Jaspis, Kalkbergwerk und Weinbau. Beim Dorfmodell zeigt er in Kirchen die vielen Häuser, die jüdischen Familien gehörten. Das Haus der Familie David Bloch, Nr. 26, ist schnell gefunden. Es steht noch heute an der Friedrich-Rottra-Straße.

Wie war das tägliche Leben?

„Die jüdischen Mitbürger“, so Schmid, „waren fest eingebunden in das Beziehungsgeflecht des Dorfs. Sie halfen bei der Feuerwehr, sangen in den Chören, spielten im Musikverein. Man lebte in Harmonie miteinander“. Dennoch war auch den Juden von Kirchen nach 1933 klar, dass eine Katastrophe auf sie zukam. David Bloch zog mit seiner Frau und dem kleinen Jakob nach Basel und emigrierte 1937 in die USA. Dort wurde aus Jacob Jack. „Erst als ich irgendwann mal meine Geburtsurkunde brauchte, habe ich gesehen, dass ich eigentlich Jakob hieß“, erzählt Jack. Sein Bruder Elian wurde bereits in den USA geboren.

Sie dachten, sie wären sicher

„Meine Großeltern väterlicherseits und mütterlicherseits, Samuel und Babette Bloch sowie Samuel und Rosa Moses, konnten damals nicht glauben, dass ihnen, den ehrbaren und voll integrierten Bürgern, etwas Schlimmes geschehen könnte. Schließlich hatten sie in Kirchen seit Generationen gelebt. Meine Eltern haben sie dringend gebeten, mit ihnen auszuwandern. Unsere ganze Familie ist damals in die USA gegangen. Meine Großeltern wollten aber ihre Heimat nicht verlassen und sind geblieben. 1942 wurden sie nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert und sind dort gestorben“, erzählt Jack Bloch. „Ich hätte sie gern kennengelernt.“

Neues Glück im Exil gefunden

Sein Vater David, damals in Kirchen Viehhändler, hatte in der Neuen Welt so sehr Sehnsucht nach seiner Heimat und dem dörflichen Leben, dass er eine ähnliche Landschaft suchte, um sich mit seiner Familie niederzulassen. Und er fand sie in Canandaigua im Staat New York zwischen Rochester und Syracuse, einem Ort mit 10 000 Einwohnern in einer ländlichen Gegend mit Bergen und Seen.

Dort fasste er schnell Fuß, baute Viehzucht und Viehhandel auf und wurde wohlhabend. Sohn Jack blieb mit seiner Berufswahl im Metier: Er wurde Tierarzt.

Nach dem Museumsbesuch folgt ein kurzer Abstecher zum Rhein, um die Rheinbegradigung durch Tulla anschaulich zu machen. Judy Bloch bemerkt am Ufer des Altrheins die vielen Grillstellen: „Haben Sie nicht Angst, dass der Wald Feuer fängt?“

Spurensuche und Erinnerungen

Dann geht es mit dem Bürgerbus, der für die Rundfahrt eingesetzt wurde, nach Kirchen. Schmid erläutert, wo die Synagoge stand, zeigt die Gedenktafel und schließlich das frühere Elternhaus der Blochs.

Auf dem jüdischen Friedhof werden die beiden Blochs ganz still. Die vielen Grabsteine, die auf Verwandte gleichen Namens hinweisen, liegen im sanften Spätsommerlicht. Für ihn sei das ein sehr emotionaler Moment, sagt Jack Bloch. Lange verweilt er am Grabstein für Julius Bloch, der 1937 hier seine letzte Ruhe fand, ein Onkel der beiden.

„Ich bin gekommen, um herauszufinden, wo und wie meine Vorfahren gelebt haben. Ich weiß, dass sie im Fleisch- und Viehhandel tätig waren, manche haben Bankgeschäfte gemacht. Ich kann mir jetzt vorstellen, warum sie diesen Ort geliebt haben, und ich werde meinen Söhnen empfehlen, auch nach Efringen-Kirchen zu kommen. Ich bin sehr beeindruckt, wie hier die Erinnerung an die jüdischen Mitbürger wachgehalten wird.“

Zum Schluss hat er noch eine Frage an den Bürgermeister und die Reporterin: „Was mich schon mein Leben lang bewegt: Können Sie mir erklären, warum Juden auf der ganzen Welt gehasst und gejagt werden?“

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