Efringen-Kirchen Wie soll an Opfer erinnert werden?

Zoë Schäuble
Der SPD-Ortsverein hofft, dass solche Stolpersteine, wie sie hier in Lörrach verlegt wurden, auch bald in Efringen-Kirchen zu sehen sind. Foto: Kristoff Meller

Mit sogenannten Stolpersteinen will der SPD-Ortsverein Efringen-Kirchen zusammen mit dem Förderkreis des Museums in der Alten Schule an die aus der Gemeinde deportierten Juden erinnern. Die beiden Vereine laden deshalb Interessierte zu einem ersten Treffen eines offenen Arbeitskreises am 12. Juli ein.

Von Zoë Schäuble

Efringen-Kirchen - Der SPD-Ortsverein will der Frage nachgehen, was aus den Menschen geworden ist, die unter der Herrschaft der Nazionalsozialisten aus der Gemeinde Efringen-Kirchen deportiert oder in Konzentrationslager gebracht wurden. Selbstverständlich ziehe diese Unternehmung viel Recherchearbeit nach sich, die mitunter Jahre dauern könne, weiß der SPD-Ortsvereinsvorsitzende Armin Schweizer. Ihm, seinen Mitstreitern sowie dem Förderkreis „Museum in der Alten Schule“, der das Vorhaben unterstützt, gehe es aber auch um eine lebendige Erinnerungskultur.

Deshalb wurde unlängst der Plan gefasst, einen „Arbeitskreis Stolpersteine“ ins Leben zu rufen, um das Vorhaben zu konkretisieren und erste Schritte für die Umsetzung zu planen.

Die Stolpersteine, also anstelle von Pflastersteinen in den Boden eingelassene Messingblöcke, die mit Namen und Lebensdaten der ermordeten Juden versehen sind, sollen in der Gemeinde vor den Häusern verlegt werden, in denen Juden vor ihrer Vertreibung oder Ermordung im Nationalsozialismus lebten.

Zur Vorgeschichte

Der SPD-Ortsverein hatte laut Schweizer bereits 2007 die Gemeinde erstmals auf die Aktion aufmerksam gemacht, die vom Künstler Günter Demnig 1992 ins Leben gerufen worden war.

Anfang April hatte Schweizer das Vorhaben erneut aufgegriffen und einen „Antrag für die Verlegung von Stolpersteinen“ an Efringen-Kirchens Bürgermeister Philipp Schmid geschickt. „Die Schopfheimer Stolperstein-Initiative, die Schicksale von aus Efringen-Kirchen deportierten Juden recherchiert hat, hat den Anstoß dafür gegeben“, berichtet Schweizer im Gespräch mit unserer Zeitung.

Im Antrag war die Rede davon gewesen, die Steine an einem zentralen Ort, etwa dem Rathausplatz, zu verlegen. „Davon sind wir aber abgerückt“, führt Schweizer aus. Die Initiative sehe nämlich vor, die Steine explizit an den früheren Wohnorten der Menschen zu verlegen. „Das ist auch im Sinne des SPD-Ortsvereins“ – deshalb legte dieser der Verwaltung im Mai einen entsprechenden Änderungsantrag vor.

Debatte im Vorfeld

Ob die Stolpersteine allerdings die angemessene Form des Gedenkens sind, habe Schmid bei einem Gespräch mit Schweizer in Zweifel gezogen. Aus ästhetischen und ethischen Gründen hätte der Bürgermeister damals eine zentrale Gedenkstätte vorgezogen, erinnert sich Schweizer. Er  will beim geplanten Treffen des Arbeitskreises Werbung für die Verlegung der Steine machen. „Wir orientieren uns damit am Vorbild zahlreicher Gemeinden, die die Verlegung bereits realisiert haben.“

Die Arguemtation, dass die Verlegung der Steine vor Privathäusern den Anschein erwecken könnte, dass die heutigen Besitzer Nutznießer der Deportation gewesen seien, kann Schweizer zwar nachvollziehen. Bei dem Treffen am 12. Juli wollen er und seine Mitstreiter aber genau mit solchen Vorurteilen aufräumen. „Ich hoffe, dass viele Interessierte kommen, sich das Vorhaben anhören und sich engagieren“, sagt er. Die Stolpersteine sollen über Spenden finanziert werden, deshalb kämen auch keine Kosten auf die Gemeinde zu. Allerdings bedarf es für deren Verlegung im öffentlichen Raum einer Genehmigung.

Außerdem müsse der Gemeinderat klären, ob er diese Form des Gedenkens unterstützen wolle, präzisiert Schweizer. „Der Antrag soll nicht als parteipolitisch motivierter Antrag seitens der SPD zu begreifen sein“ – es gehe schließlich um ein Anliegen, das parteineutral interessant sei.  

 Zu einer „ergebnisoffene Debatte im Arbeitskreis“ lädt der SPD-Ortsverein zusammen mit dem Museumsverein alle Interessierten am Dienstag, 12. Juli, ab 19.30 Uhr in den Vereinsraum in die Alte Schule (Nikolaus-Däublin-Weg 2) ein.

1875 waren knapp 16 Prozent aller Kirchener Bürger jüdischen Glaubens – damit lebte ein Drittel aller Juden des Amts Lörrach in der Gemeinde. Daran hatte sich bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts nur wenig geändert, Kirchen hatte eine der größten jüdischen Gemeinden des Markgräflerlands. Doch mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten gerieten die jüdischen Bürger immer mehr unter Druck. Über 40 wurden deportiert, nur wenige überlebten. Rund 77 Jahre nach Kriegsende gibt es im Ort kaum noch Spuren des einstigen jüdischen Lebens, was der SPD-Ortsverein mit der Umsetzung der Aktion Stolpersteine nun aber ändern will. Er orientiert sich dabei an den bislang 1800 teilnehmenden Kommunen, darunter Lörrach, Schopfheim, Waldshut, Müllheim, Breisach, Freiburg, Lahr und Villingen-Schwenningen.

Bislang wurden im Rahmen des Projekts über 90 000 „Stolpersteine“ verlegt. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.stolpersteine.eu.

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