Früher war alles besser. Damals, als Frank Turner noch nicht charmant Folk, Punk und Pop durcheinanderbrachte, sondern als Sänger der Hardcore-Punk-Formation ­Million Dead über die Bühne hüpfte, musste er sich keine Sorgen um seinen Rücken machen. Doch inzwischen ist Turner immerhin schon 31 – und hatte vor wenigen Tagen einen Bandscheibenvorfall. „Die Tour, die ich gerade begonnen habe, ist anders als alle anderen, die ich bisher gemacht habe“, sagt er ein bisschen mürrisch, „weil mir der Arzt verboten hat, dass ich Gitarre spiele, wenn ich auf der Bühne stehe.“ Ein Freund ist als Gitarrist eingesprungen, musste innerhalb einer Woche 20 Songs lernen, während der grummelnde Turner zur Krankengymnastik geschickt wurde.

Dass früher als besser war, wusste der Mann, der einen Bachelor-Abschluss in Europäischer Geschichte hat, aber schon vorher. Sein aktuelles Album „Tape Deck Heart“ ist voller wehmütiger und nostalgischer Momente. Zum Beispiel in der Punk-Burleske „Four Simple Words“, in der er sich in die Zeit zurücksehnt, in der Konzertbesuche noch eine aufregende Sache waren: „I want me some lust, some love and a smattering of that old-time romance!“, ich will Lust, Liebe und etwas von diesen altmodischen Romanzen, singt dieser unverschämt sympathische Kerl, der mit dem Stück schon vor anderthalb Jahren das Publikum im Wembleystadion ganz meschugge machte. „Four Simple Words“ ist das Herzstück des aktuellen Frank-Turner-Albums – eine Revuenummer, die die Ramones und Queen zu Vaudeville-Attraktionen macht, ein Song, der Walzer, Honkytonk und Punkrock kann und sich über den Zeitgeist amüsiert.

Fotostrecke 6 Fotos

Musiker mit kritischem Geist

„Ich bin eigentlich kein Nostalgiker“, behauptet Frank Turner allerdings im Interview, „tatsächlich sind heute doch einige Sachen viel besser als früher: Ich habe mehr Erfolg mit meiner Musik, ich schreibe bessere Lieder und darf auf Tourneen inzwischen in ­richtigen Betten schlafen und muss nicht mehr zusammen mit fünf anderen irgendwo auf dem Boden übernachten.“ Nachdem Frank Turner vor einem Jahr bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London das Publikum begeistert hat, wundert es nicht, dass er es mit „Tape Deck Heart“ dann bis auf Platz zwei der britischen Charts geschafft hat.

Dabei ist Turner ein kritischer Geist, der sich gerne auch politisch zu Wort meldet. Er sorgte einst mit dem (inzwischen aus seinem Repertoire verschwundenen) Song „Thatcher ­Fucked The Kids“ für Aufsehen. Obwohl er – wie Prinz William – das exklusive Eton College besucht hat, findet er das englische Königshaus ziemlich überflüssig.

Und dass der „Guardian“ einmal fälschlich behauptete, der Mann, der sehr gut mit dem linken Songwriter Billy Bragg befreundet ist, habe früher einmal mit rechten Ideen sympathisiert, hat Frank Turner der Zeitung bis heute nicht verziehen. „Ich möchte aber nicht wie Bragg politischer Songwriter sein, sondern wäre gerne jemand, der so wahrgenommen wird wie Bruce Springsteen.“ Und so weit sind die beiden nicht voneinander entfernt. Wie Springsteen gelingt es Turner mit seinem hemdsärmlichen Charme als der gute Kumpel von nebenan rüberzukommen, mit dem man nach der Show auch gerne noch ein Bier trinken würde.

Nicht das fröhlichste Album

Ein netter Kerl, der auf „Tape Deck Heart“ immer wieder an sich selbst zweifelt. Er ­erzählt in meistens gut aufgelegt daherkommenden Folk-Punk-Kostümierungen von der Schwierigkeit, sein Leben trotz aller ­Ernüchterungen in den Griff zu bekommen. Wie die folkloristischen Nummern „Recovery“ oder „The Way I Tend To Be“ ist auch der knallige Popsong „Plain Sailing Weather“ letztlich eine Selbstanklage: „Just give me one fine day of plain sailing weather / And I can fuck up anything!“ – mir gelingt es auch den schönsten Tag mit Leichtigkeit gründlich zu versauen. „Es stimmt schon, ‚Tape Deck Heart‘ ist nicht das fröhlichste Album, das ich bisher gemacht habe“, sagt er. „Ich fand es aber wichtig – vor allem jetzt, nachdem ich immer erfolgreicher werde –, nicht irgendwelche Songs über Gott und die Welt zu schreiben, sondern darüber, was mir wirklich durch den Kopf geht.“

Der Mann, dessen erste große Liebe der Heavy Metal und das „Killers“-Album von Iron Maiden waren, träumt nun in der sensiblen Ballade „Tell Tale Signs“ davon, endlich ernst zu machen und erwachsen zu werden („You should mean more to me by now than just heartbreak and a short skirt“). Und er erkennt im trotzigen Abschiedslied „Any­more“ schließlich, dass eine Beziehung manchmal nicht krachend, sondern flüsternd endet. Vielleicht ist es ja wahr, dass unglückliche Künstler die besten Künstler sind: „Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt“, sagt Turner, „ich weiß nur, dass meine Ex-Freundin diese Frage hasst.“