Grenzach-Wyhlen Tiefgründig und emotional

 Foto: Willi Vogl

Von Willi Vogl

Grenzach-Wyhlen/Weil am Rhein. Das Abschlusskonzert des Markgräfler Musikherbstes am Freitag im Haus der Begegnung bot Werke von Ludwig van Beethoven, Gustav Mahler und Franz Schubert. Unter der künstlerischen Leitung von Guido Heinke fanden sich dabei das Minguet Quartett mit Ulrich Isfort und Annette Riesiger (Violinen), Aida-Carmen Soanea (Viola) und Matthias Diener (Violoncello) sowie die aus Weil stammende Cellistin Isabel Gehweiler zusammen. Am Abend zuvor gab es in der Evangelischen Kirche Altweil ein Konzert in der gleichen Besetzung mit Werken von Dvorák, Brahms und Schubert.

95 Prozent der klassischen Musik lassen sich auf Tonleitern und Dreiklänge zurückführen. Erst das Wissen eines Komponisten wie Beethoven um die klanglichen Möglichkeiten eines Instrumentariums und sein Gespür für die Ausdrucksfacetten intervallischer Kombinationen machen eine Tonfolge zur lieblichen Melodie oder eine Harmoniefolge zum Träger von dramatischen Momenten.

In Beethovens Streichquartett G-Dur op. 18 Nr. 2 waren so behände gespielte Sechstolen im Allegro als Chiffre für Ausgelassenheit oder kontrolliert ruhig artikulierte Viertelwerte im Adagio als Ausdruck vornehmer Gesanglichkeit zu hören. Das Minguet Quartett agierte dabei bestens koordiniert zwischen geschmeidiger Tongebung und beherztem Zugriff.

„Ich bin der Welt abhanden gekommen“

Von Gustav Mahler gibt es kein Streichquartett. Abhilfe schaffte Annette Riesiger durch ihre Bearbeitung des Orchesterliedes „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ nach einem Gedicht von Friedrich Rückert. Dabei konnte sich die klanglich reduzierte Quartettfassung immer wieder der dunkel schimmernden Stimmung der Originalvorlage mit seiner assoziativ mäandernden Melodik annähern.

Helmut Lachenmann, einer der radikalsten Komponisten und Kompositionslehrer des 20. Jahrhunderts, schwärmte von Franz Schuberts Streichquintett C-Dur, D 956. Als er einst einem angehenden Kompositionsstudenten das Adagio daraus auf dem Klavier vorspielte, bedauerte er, dass er zu spät geboren sei, um noch selber so himmlisch schöne Musik komponieren zu dürfen. Der Student war irritiert, ging er doch davon aus, dass er beim Visionär Lachenmann das Handwerkszeug zu einem avantgardistischen Stil lernen würde. Über die Jahre hinweg begriff er jedoch, welch zukunftsweisendes Potenzial in Schuberts Musik steckte, wenngleich es ihm bis heute nur begrenzt gelang, den emotionalen Kern seiner Musik analytisch zu entschleiern. Diese unbeschreibliche Emotionalität mag auch für das Publikum im Haus der Begegnung das stärkste Faszinosum dargestellt haben.

Die schlichten Kadenzen des E-Dur-Rahmens entwickeln mit einer bis in die Fingerspitzen beherrschten Tongebung, verstärkt durch traumhaft inszenierte Piano-Abstürze, einen sehnsüchtig schmerzenden Schwebezustand. Dieser wirkt angesichts der kontrastierenden verzweifelten Expressivität des Mittelteils umso entrückter. Zudem zeigt sich Schubert in der Aussparung der Grundtonart auch als Meister der Verschleierung. So manifestiert sich im Finale erst nach 45 Takten die Grundtonart C-Dur, um jedoch gleich wieder mittels modulatorischen Wanderungen in entfernte harmonische Regionen in Frage gestellt zu werden. Die drei großen „L“, für die avantgardistische Musik unserer Zeit gelegentlich steht, treffen bei Schubert glücklicherweise nur teilweise zu. Sein Streichquintett ist mit über 50 Minuten zwar „lang“ und „laut“, wenn es dramaturgisch erforderlich ist – jedoch nie „langweilig“.

Für eine emotional tiefgründige Wanderung durch Schuberts Klanglandschaft sorgte auch das klug differenzierte wie gleichermaßen beherzte Spiel des Ensembles. Trotz der geringen Vorbereitungszeit ergänzte Isabel Gehweiler den Quartettklang in überzeugender Weise.

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