Handball Diesmal ist es eine echte Wundertüte

Selten wurde bereits vor dem Start einer Handball-Weltmeisterschaft so heftig diskutiert wie in diesem Jahr. Wäre eine Absage der Titelkämpfe, die am Mittwoch in Ägypten begonnen haben, nicht besser gewesen? Und was darf man davon halten, wenn Deutschland seine Akteure selbst entscheiden lässt, ob sie mitfliegen oder nicht? Und wer macht das Rennen?

Lörrach. Viele offene Fragen also vor dem ersten Anwurf der deutschen Nationalmannschaft, die heute im ersten Match der Gruppe A auf Uruguay trifft. Weitere Gegner sind in der Vorrunde die Kapverdischen Inseln und Ungarn. Unser Sportredakteur Mirko Bähr hat sich bei Handballern aus der Region umgehört.

Tobias Ludwig, Spieler der HSG Dreiland: „Um den Sport weiter voranzubringen und Werbung zu machen, ist die WM wahnsinnig wichtig. Ich sehe diese Handball- WM als ein starkes Zeichen für den Sport. Vielleicht hätte man den Teilnehmern mehr Vorbereitungszeit geben sollen, um die Risiken zu minimieren.

Die Absagen im deutschen Team kann ich nicht nachvollziehen, da man sich in der Bundesliga und der Champions League ähnlichen Risiken aussetzt. Entweder ziehe ich mich komplett zurück oder ziehe es voll durch. Aufgrund der fehlenden Qualität rechne ich damit, dass maximal das Viertelfinale möglich ist. Sander Sagosen ist für mich der Spieler, der in aller Munde sein wird. Er entscheidet Spiele entweder selber oder trifft die richtige Entscheidung, um seine Mitspieler in Szene zu setzen. Weltmeister wird ein skandinavisches Team: Dänemark oder Norwegen.“

Patrick Gempp, Bundesligaspieler der HSG Wetzlar aus Weil am Rhein: „Unter diesen Umständen ist es okay, dass die WM stattfindet. Die Mannschaften befinden sich in einer Blase, zudem finden regelmäßige Tests statt. Und Zuschauer sind auch keine zugelassen. Viele etablierte Spieler haben abgesagt. Das wird man sicher spüren. Aber die Neuen haben schon recht gut zusammengefunden. Nun kommt es darauf an, dass sie sich in den ersten beiden Partien einspielen, damit es mit dem Sprung ins Viertelfinale klappt. Vielleicht geht noch mehr für die Deutschen. Ich drücke vor allem Antonio Metzner die Daumen. Ich habe mit ihm lange Zeit in Großwallstadt das Zimmer geteilt. Es gibt viele Titelkandidaten. Meine Nummer eins ist aber Dänemark.

André Leuchtmann, Coach und Spieler bei der SG Maulburg-Steinen: „Ob derzeit Sport stattfinden soll, das kann man immer und überall diskutieren. Ob das nun Wintersport ist, Fußball oder eben die Handball-WM. Es gibt ein Sicherheitskonzept, die Spieler werden getestet, Zuschauer gibt es nicht – der Aufwand ist groß. Deshalb finde ich es okay. Bei den Deutschen haben viele Jungs abgesagt, dennoch stellen wir eine gute Truppe. Das Erreichen des Viertelfinales wäre gut, der Halbfinal-Einzug die Krönung. Ich glaube, Johannes Gola wird am Kreis auftrumpfen. Er war noch nie so richtig im Fokus. Der Junge ist gut. Weltmeister wird ein Team aus Skandinavien. Ich glaube Dänemark. Aber Spanien darf man dabei nicht vergessen.“

Marco Suevo, Coach und Spieler beim TV Todtnau: „Aus meiner Sicht ist es in Ordnung, dass die WM ausgetragen wird. Es ist wichtig, dass unser Sport im Fernsehen zu sehen ist. Es muss das Interesse am Handballsport aufrechterhalten werden. Sicherlich haben viele gestandene deutsche Profis ihre Teilnahme abgesagt. Aber das ist auch die riesige Chance für die Nachrücker. Die Mischung aus den Jungs, die richtig Bock, haben mitzumachen, und den ganz jungen Akteuren könnte eine Platzierung unter den Top4 möglich machen. Mir persönlich gefällt Marian Michalczik auf der Rückraum Mitte-Position. Er hat viel Übersicht, kann aber auch selber gehen. Das wird der Mann der WM im deutschen Team. Kroatien schätze ich gut ein, die Spanier fahren als Europameister hin und Frankreich will die Schmach wettmachen. Aber auch den Norwegern traue ich viel zu.

Maria Winzer, Spielerin der HSG Dreiland: „Wenn sich alle Beteiligten an die Vorschriften halten, ist es in Ordnung, dass die WM über die Bühne geht. Ich finde es gut, dass Zuschauer nicht erlaubt sind. Für das deutsche Team wird es nicht leicht. Aber das war es noch nie. Wenn der Zusammenhalt und der Kampfgeist groß sind, können sie sehr weit kommen. Jetzt dürfen sich die Spieler beweisen, die sonst nicht erste Wahl gewesen wären. Ich hoffe, dass Deutschland Weltmeister wird.“

Tom Spieß, Handballer des TV Kirchzell (3. Bundesliga): „Prinzipiell geht eine Austragung in Ordnung. Aber ich hätte es auch verstanden, wenn die WM abgesagt worden wäre. Die Spieler werden von den Vereinen bezahlt, die Nationalmannschaft ist das Zubrot. Dass es da zu Diskussionen kommt, kann ich nachvollziehen. Für den Handball braucht es die WM als Strahlkraft. Deutschland hat in den Tests sehr überzeugt. Aber Österreich war auch kein echter Gratmesser. Es ist schwierig, vorherzusehen, wo die Deutschen landen werden. Sie haben eine schlagkräftige Truppe zusammen. Das Viertelfinale ist sicher möglich. Deutschland wird wohl wieder über das Kollektiv kommen. Aber alle drei Torhüter sind natürlich ein echtes Brett. Von ihnen kann man sicher einiges erwarten. Dänemark schätze ich sehr stark ein.

Lars Spieß, Spieler des Zweitligisten TV Großwallstadt: „Ob es richtig ist, die WM auszutragen? Das ist ein schwieriges Thema. Wir haben einen Lockdown, die Schulen sind dicht, viele sind im Homeoffice. Aus Sicht eines Handballers ist es wichtig, dass die Sportart präsent bleibt. Es gibt die Chance, sich zu zeigen. Dass es in Zeiten von Corona funktionieren kann, wenn ein Konzept vorliegt, haben wir ja auch in der Bundesliga gesehen. Wobei ein Restrisiko immer besteht. Wichtige Säulen, die international Respekt genießen, haben abgesagt. Mal sehen, wie Deutschland die Ausfälle verkraftet. Ein Prognose anzustellen, ist sehr schwer. Das Viertelfinale ist ein Erfolg, aber vielleicht gelingt eine Überraschung. Gerade Johannes Gola und Sebastian Firnhaber haben nun die Chance, sich im Innenblock zu beweisen. Mein WM-Favorit ist Dänemark. Auch Norwegen hat gute Chancen, ganz oben zu stehen. Das Team ist sehr homogen und verfügt über zwei, drei echte Topspieler.

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