Hausen im Wiesental „Feiern Sie schön ohne mich“

Markgräfler Tagblatt

Zum ersten Mal in der Geschichte des Hebelpreises fand die Verleihung online statt - als Videoschaltung nach Zürich zur Preisträgerin Sibylle Berg. Die Lesung am Vorabend im Hebelhaus wurde kurzfristig absagt.

Von Jürgen Scharf

Hausen. Sibylle Berg schien gerührt und glücklich. Fröhlich winkt sie in die Kamera, ist ganz selig über die musikalischen Beiträge der Hebelmusik, applaudiert den vier Musikern: „Ich liebe die wahnsinnig, die Combo. Die Musik hat mir so gut gefallen“.

Zur ungewöhnlichen Online-Preisverleihung bemerkt die Hebelpreisträgerin, die wohl aus persönlichen Gründen nicht in den Hebelort kommen konnte: Erstaunlich, dass man so aufgeregt sein kann, obwohl man zu Hause sei: „Ich habe ganz nasse Hände.“

Per Videoschaltung erreicht ihre Botschaft das festlich gestimmte Publikum in der Festhalle Hausen: „Liebe Menschen aus dem Wiesental, ich habe mich wahnsinnig darauf gefreut.“ Sie sei noch nie im Wiesental gewesen, wäre so gern gekommen und kenne tausend Fotos. „Schade, ich sehe Sie gar nicht, hätte ihnen gerne allen gedankt. Feiern Sie schön ohne mich!“

In ihren kurzen und sympathisch offenen Dankesworten gestand Berg, dass sie „eigentlich sehr schüchtern“ sei und gar nicht gerne rede. Deshalb habe sie ein langes Gedicht geschrieben, ein „Angst- oder Quatschgedicht“, das sie dem Publikum vortragen wollte. „Wenn wir nur die furchtbare Krise mal hinter uns hätten, komme ich gerne vorbei“, versprach die Autorin. Im Frühjahr will sie ihre Lesung nachholen.

Sympathisch offene Dankesworte und ein langes Gedicht

Das sei auch „unser Wunsch“, so Moderator Wernfried Hübschmann, der die Preisträgerin um das Gedicht zur Veröffentlichung bat. Hübschmann schickte mit einem Gedicht von Gottfried Benn („Reisen“) nicht nur einen lyrischen Gruß nach Zürich, sondern machte ein Wortspiel über den Nachnamen („der Wille versetzt Berge“) und wendete ein Kafka-Zitat auf Bergs künstlerischen Anspruch an.

Warum die bekannte und viel prämierte deutsch-schweizerische Schriftstellerin, die aus Weimar stammt und in Zürich und Tel Aviv lebt, nicht physisch bei der Preisverleihung anwesend sein konnte, sondern virtuell zugeschaltet werden musste, wurde nicht so ganz klar. Es kursierten unterschiedliche Begründungen.

„Lassen wir uns den schönen Tag nicht durch das blöde Corona vermiesen“, sagte Bürgermeister Martin Bühler in seiner Begrüßung, die er auf alemannisch hielt, was der Geehrten sehr gefiel. Sie winkte lächelnd zurück. Im Rathaus Hausen hatte man schnell und unkompliziert auf die Situation reagiert. E-Mails wurden an die angemeldeten Gäste verschickt, worauf einige Abmeldungen kamen, und der Bürgermeister stellte für die Videokonferenz sein Laptop zur Verfügung.

Es war nicht das erste Mal, dass eine Hebelpreisträgerin bei der Verleihung nicht anwesend sein konnte. 1998 nahm der Enkel der Freiburger Schriftstellerin Lotte ­Paepcke den Preis entgegen. Auch Albert Schweitzer soll dem Vernehmen nach 1951 nicht zur Preisverleihung nach Hausen gekommen sein.

Die Preisträgerin habe den Hebelpreis verdient, auch wenn sie nicht selbst anwesend sein könne, und der Hebelpreis habe es verdient, dass man ihn in würdigem Rahmen verleihe, „digital, aber nicht weniger direkt“.

Dies betonte Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer, die zum ersten Mal den vom Landesministerium für Kunst verliehenen Hebelpreis vergab. Johann Peter Hebel sei auch ein Grenzgänger zwischen Basel und Hausen, zwischen Alemannisch und Hochsprache gewesen, zog sie eine Parallele zu Berg.

Nach Worten Schäfers gilt die Autorin als eine der einflussreichsten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum. Sibylle Berg beziehe politisch Stellung, bringe Sachverhalte zur Sprache, über die man gerne hinwegsehe, ihre Texte würden berühren, ließen den Leser nicht gleichgültig und würden Diskurse anstoßen. Der Situation angepasst hielt Schäfer die Urkunde in die Kamera und las sie vor.

Es mag auf den ersten Blick erstaunen, dass der Preis an Sibylle Berg verliehen wurde. So begann die Basler Literaturwissenschaftlerin und Jury-Mitglied Nicola Gess ihre Laudatio, in der sie Hebel, den „humorvollen Menschenfreund“, der „zynischen Menschenverächterin“ Sibylle Berg gegenüberstellte. Gess bezeichnete Berg als „eine Moralistin ersten Ranges“. Sie müsse auch als eine „Stimme der Humanität“ gelesen werden.

Ihr Werk sei groß, umfasse Theaterstücke, Romane, Hörspiele und Kolumnen. Für viele Leser seien es gerade die Kolumnen („Fragen Sie Frau Sibylle“), über die man zu Sibylle Berg komme. Ein letztes Mal lächelte und winkte die Autorin in die Kamera.

Sibylle Berg: Das Werk der Autorin, das in 34 Sprachen übersetzt wurde, umfasst eine große Anzahl an Theaterstücken, Romanen, Hörspielen und Essays. Berg wurde vielfach ausgezeichnet, in den letzten zwei Jahren mit dem Kassler Literaturpreis für grotesken Humor (2019), dem Thüringer Literaturpreis (2019), dem Nestroy-Theaterpreis (2019), dem Schweizer Buchpreis (2019), dem Bertolt-Brecht-Preis (2020) und dem Schweizer Grand Prix Literatur (2020).

Der Hebelpreis: Der vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg gestiftete Johann-Peter-Hebel-Preis ist mit 10 000 Euro dotiert.

Traditionell wird er alle zwei Jahre am 10. Mai beim Hebelfest in Hausen zum Geburtstag von Johann Peter Hebel (1760 bis 1826) vergeben. Mit dem Preis ausgezeichnet werden Personen, die mit ihren Werken der Literatur des alemannischen Sprachraums oder anderweitig Hebel verbunden sind.

Die nächste Verleihung: voraussichtlich am 10. Mai 2022.

Bisherige Preisträger: Christoph Meckel, Lukas Bärfuss, Karl-Heinz Ott, Arnold Stadler, Arno Geiger, Emma Guntz, Claude Vigée, Elias Canetti, Marie Luise Kaschnitz, Martin Heidegger, Carl Jacob Burckhardt, Otto Flake, Max Picard und Albert Schweitzer.

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