Hausen im Wiesental Lesen lernen in Graubünden

Die Büste Johann Peter Hebels vor der Peterskirche Basel: Das letzte Werk des Autors und Lehrers sollte eine Ordnung in den sprachlich verzwickten Kanton Graubünden bringen. Foto: Ines Bode

Hausen - Kaum ist der jüngste Aufsatz des Hebel-Kenners Elmar Vogt erschienen, meldet sich die Fachwelt zu Wort: Hohe Anerkennung zollt der Schweizer Professor Rolf Max Kully der Publikation. Er lobte Vogts „Findigkeit“ und die Kunst der „klaren Darstellung“.

Eine solche ist auch dringend nötig, wenn man Licht ins Dunkel der „linguistischen Situation“ des sprachlich verzwickten Bündnerlands bringen will. Doch der Reihe nach: Erschienen ist Vogts Aufsatz im aktuellen „Jahrbuch für badische Kirchen- und Religionsgeschichte“. Inhaltlich geht es zunächst um die „Biblischen Geschichten“ von Johann Peter Hebel, ein kaum bekanntes Werk, zudem sein letztes.

Gleichwohl wird es (sowie Ausläufer) bis heute, konkret bis 2017, neu aufgelegt: 2000 erschien es auf Spanisch in Barcelona, die englische Fassung kam 1961 in London heraus. In Amsterdam lag es schon 1847 vor, in Italien bereits 1831, und davor publizierte Kopenhagen es auf Dänisch anno 1826. Das war zwei Jahre nach Hebels Tod.

Ursprünglich war es eine Auftragsarbeit, gerichtet an den Volksautor, Theologen und Lehrer (1760 bis 1824). Es galt, ein neues Lehrbuch in Baden zu verfassen, das Vorgängermodell hatte ausgedient. Hebel stellte sich der Herausforderung, schrieb biblische Episoden neu.

Laut Vogt dienten Kinderbibeln ohnehin als Schulbuch. Der Kinderfreund Hebel indes versetzte sich einerseits in die Zielgruppe, ließ etwa alles Grausame weg. Überdies versenkte er sich „liebevoll in die Bibelwesen“. Auf den Spuren „ungekünstelter Natur“, wie Otto Behagel befand. Beides zusammen, gepaart mit Hebels Klugheit, führte zu einem Werk, das bis heute geschätzt wird.

Kully spricht von „Hebels unnachahmlicher Sprachkunst“. Passend dazu schlussfolgerte Professorin Christine Reents, es sei leicht zu übersehen, dass historische Themen verborgene Aktualität tragen. Hebels Lehrbuch erschien nun 1824, blieb den Schweizer Nachbarn nicht verborgen.

Zwei Jahre benötigte auch Vogt, um der „Sache mit Graubünden“ auf den Grund zu gehen, ein Kapitel, das sich als Glanzpunkt des Aufsatzes erweist. Denn immer noch staunen Touristen über fünfsprachige Hinweisschilder im einst rätischen Passland. „Die eigene Schweiz in der Schweiz“, verortet im Hochtal Engadin, mit Chur als Hauptstadt. Anno 1471 zum Freistaat dreier Bünde formiert, 1803 als Kanton „adoptiert“.

Was blieb, ist sprachliches Dreierlei, meist als Rätoromanisch deklariert (auch Bündnerromanisch). Allein deshalb habe sich die Arbeit gelohnt, so Vogt. Er grub sich in die Historie, schildert die Entstehung des Kantons, ein Dickicht an Dialekten, vermischt mit dem Italienischen. Die Menschen leben in 150 Tälern, getrennt durch Schluchten und Bergmassive, in recht eigenen Orten, die eine gemeinsame Schriftsprache nicht hergaben.

In der Hauptstadt Chur ersetzte man im 15. Jahrhundert das Romanische durch Deutsch, so Vogt. Interessant ist, dass es mündlich beim Rätoromanischen blieb. Schriftlich löste Deutsch das Amts-Latein ab, freilich nicht überall. Das ganze Ausmaß inklusive religiöser Ursache birgt der Aufsatz.

Um das fast schon revolutionäre Ausmaß des Hebel-Werkes zu verstehen, legt Vogt dar, dass es einst die Eltern waren, die ihren Kindern zum Zwecke des Lesenlernens die Lektüre mit in die Schule gaben. Alles war dafür gut genug: alte Gebetsbücher, schwache Poesie, schlecht gedruckte Kladden. Wer ein neues Buch besaß, überließ es gewiss nicht dem Kind. Entsprechend trübe sah es mit der Leselust aus.

Ein Erziehungsrat sollte 1843 in Graubünden das Schulwesen verbessern. Nach Jahren voller Schwierigkeiten ging das Buch in Druck. Bis 1855 lag „der Hebel“ auf dem badischen Schulpult. In Graubünden hielt er sich länger, drei Fassungen gab es, zwei rätoromanische, eine freie italienische. Die ganze Bedeutung legt die Arbeit Vogts offen.

Endlich, so ließe sich resümieren, wurden alle Zusammenhänge auf einen Nenner gebracht. Oder wie Hebelpreisträger Peter Bichsel freimütig einräumte, jahrelang glaubte er den Literaturkennern, die nur ein Schulterzucken für die „Biblischen Geschichten“ übrig hatten, „und ich Esel habe ihnen geglaubt“.

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