Hausen im Wiesental Sympathisch, unangepasst, unbequem

„Jetzt bin ich ja schon ein bisschen hier zu Hause“: Der Schweizer Hebelpreisträger Lukas Bärfuss stellte sich bei einer Lesung im Hebelhaus vor. Foto: Jürgen Scharf Foto: Markgräfler Tagblatt

Von Jürgen Scharf

Wie er da so sitzt, mit Weste, im engen, niedrigen Hebelhaus, freundlich redet und mit Vollbart kaum wiederzuerkennen ist – einfach sympathisch. Dabei gilt Lukas Bärfuss als der neue Agent Provocateur der Schweizer Literatur, unangepasst, unbequem.

Hausen. Nach Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt nimmt der 44-jährige Schriftsteller die Position des Polemikers und Schweiz-Kritikers ein. Aber da ist er ja, wie der Präsident des Lörracher Hebelbunds, Volker Habermaier, erkannte, nahe bei Johann Peter Hebel. Schließlich sei Hebel nicht der gemütliche Humorist, als den man ihn oft darstelle.

Der diesjährige Hebelpreisträger Bärfuss wurde bei seiner Lesung im voll besetzten Hebelhaus seinem kritischen Image als Nestbeschmutzer in einigen Prosatexten voll gerecht. Vor allem in dem „gefährlichen Text“, den er zum Schluss las, dem Essay „Stil und Moral“ aus dem gleichnamigen Band: ein provozierender Aufsatz, der sich direkt an die Zuhörer richtet, und wegen dem er einmal aus „einem Restaurant geschmissen“ wurde.

In seiner Einführung hatte Habermaier schon Passagen daraus zitiert. Es geht darin nur vordergründig um Stilfragen, sondern primär um die Weltlage, die, so Bärfuss, „man kann es leider nicht anders sagen, zum Kotzen“ sei. Jede Lektüre stelle angesichts dieser Weltlage eine „moralische Sauerei“ dar und sei unverantwortlich. In der Zeit, die man mit Lesen (oder Hören) vergeude, nehme das Elend der Welt zu. Als Metapher bringt er eine gut genährte Person, die in einem Flüchtlingslager, in dem die Cholera ausgebrochen ist, in aller Ruhe Rilke liest.

Hier hält also einer nicht nur der „verblocherten“ Schweiz den Spiegel vor, sondern der ganzen zivilisierten Gesellschaft. Da Hebel „ein Mann der Kirche“ war, las der in Zürich lebende Autor auch noch Anmerkungen über Religion, genauer: über den Zürcher Reformator Zwingli, den er nicht mag, was ihn zu einer Polemik über religiöse Bedrohung und Toleranz bewogen hat.

Viel Raum nahmen Beiträge ein, die sich mit seiner Liebe zum Theater und mit der Theaterarbeit beschäftigen, darunter der kurze anekdotische Text „Offenbarung“ und „Die zwölfte Replik zu Tschechows Drei Schwestern“ über den Besuch einer Theater-Inszenierung mit Störfaktoren. Da lugte schon Hebelscher Witz durch.

In dem kurzen Bericht („Habeas Corpus“) über eine Reise in den Orient zur Buchmesse nach Abu Dhabi, bei der ein Schriftstellerkollege verhaftet wird, denkt Bärfuss über Gerechtigkeit und Gleichgültigkeit nach und tritt für Menschenrechte ein.

Spannende, interessante Texte also, mit denen man den Schweizer Dramatiker hautnah kennenlernen konnte. Auch im Gespräch danach war es sehr aufschlussreich, wie er auf Fragen pariert. „Ich bin nicht der Ornithologe, ich bin der Vogel“, erklärt er seine Texte und man spürt, dass er Humor hat. Nur so könne man über die Diskrepanz der eigenen Wirklichkeit hinweggehen. „Das einzige, was einen rettet, ist das Gelächter“, sagt Bärfuss, der sich eine Literatur, ein Stück, das nicht mit Gelächter verbunden ist, nicht denken kann.

Beim Schreiben ist er dem Ideal des Vollkommenen auf den Fersen und renne einem Phantasma hinterher, das er nicht erreichen könne: „Ich habe noch nie das Buch geschrieben, das ich schreiben wollte“, formuliert er eine feine Unterscheidung, „ich habe nur immer das Buch geschrieben, das ich schreiben konnte“.

Die faszinierten Zuhörer erlebten einen Lukas Bärfuss, der versucht, lebendige Texte zu schreiben. Oder mit seinen Worten: „Ich versuche weiterhin, einen vollkommenen Text zu schreiben, um ein vollkommener Schriftsteller zu werden“. Und während Bärfuss über die Unerlöstheit der eigenen Kunst und das Sehen der eigenen Fehler nachsinnt, zupft er sich an seinem Vollbart.

Sehr beeindruckt von dieser Begegnung mit dem Schriftsteller, die ausnahmsweise nach der Preisverleihung stattgefunden hat, zeigte sich Bürgermeister Martin Bühler. Er nahm dem literarischen Gast die Zusage ab, dass dieser aus seinem im Herbst erscheinenden neuen Buch in Hausen lesen wird. Schließlich sagt Bärfuss selber: „Jetzt bin ich ja schon ein bisschen hier zu Hause...“

Die Musiklehrerin Edith Klinger-Pfitzenmaier und ihre junge Schülerin Maja Spanke von der Musikschule Mittleres Wiesental umrahmten den Abend mit hübschen vierhändigen Klavierstücken, bevor der Autor am Büchertisch signierte.

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