Kandern Auf den Spuren des Werwolfs

Von Ines Bode

Kandern-Tannenkirch. Dreharbeiten für einen Film sind eine spannende Angelegenheit. Einmal dabei zu sein, dürfte der Wunsch vieler Kinder und Jugendlicher sein. Für vier Jungen aus Kandern erfüllte er sich. Denn einige Sequenzen für „Organisation Werwolf – Hitlers letzes Aufgebot“ aus der „ZDF History“-Reihe wurden unter anderem bei Tannenkirch gedreht.

Inhaltlich geht es laut Regisseurin Natascha Walter um eine Geschichte, die 60 Jahre lang verschwiegen wurde. Sie habe von Geschehnissen erzählen wollen, die sich im Zweiten Weltkrieg ereigneten und lange als „verbotener Stoff“ gegolten hätten, sagt Natascha Walter. Zu finden sei die Dokumentation in der Online-Mediathek des ZDF.

Den Anlass, das Thema „Werwolf“ aufzuarbeiten, benennt die Regisseurin damit, dass es kaum Material und demzufolge Wissen über dieses Kapitel gebe. Ereignisse in diesem Zusammenhang seien oft totgeschwiegen worden.

Zutiefst berührt habe sie das Schicksal der Jugendlichen, sagt die Filmemacherin. Tausende standen nach dem Krieg unter „Werwolf“-Verdacht. Sie verloren ihr Leben, seien gefoltert und/oder in Arbeitslager gesteckt worden. Als man nach den Kriegsschrecken in Deutschland aufatmete und den Neubeginn startete, mussten die „Werwolf-Teenager“, sofern sie überlebten, wertvolle Lebenszeit in Gefangenschaft verbringen.

Inhaltlich gehe es in dem Film um den südbadischen Fall des SS-Bannführers Kurt Rahäuser. Er organisierte zum Kriegsende als letztes Aufgebot die „Werwölfe“, um Widerstand zu leisten. Gebaut werden sollten dazu Geschützbunker, die Arbeit leisteten ausländische Zwangsarbeiter. Einige flohen, die Werwölfe nahmen Erschießungen vor. Vor Gericht sagten sie aus, Befehle befolgt zu haben, um dafür verurteilt zu werden. Der Verantwortliche Rahäuser blieb verschont, er war untergetaucht.

Für die Regisseurin ist der Tatbestand ein Beleg, dass ein Terrorregime nicht davor zurückschrecke, Kinder als Soldaten zu missbrauchen, und naive Begeisterungsfähigkeit für terroristische Zwecke ausnutze. Parallelen gebe es bis heute weltweit.

Warum die Dreharbeiten nach Tannenkirch führten, erklärt sich mit der Grundschullehrerin Kerstin Reichert-Fuchs. Sie besuchte mit Natascha Walter die gleiche Klasse des Müllheimer Gymnasiums. Bis heute sei man befreundet. Im Zuge eines Projekts, bei dem es um GPS-Erkundungen ging, stieß die Lehrerin auf die beiden Bunker auf einem Berg bei Tannenkirch. Zur selben Zeit sprach ihre Schulfreundin, heute in Mainz erfolgreich als Fernsehmoderatorin, -redakteurin und -autorin für den SWR und das ZDF tätig, über die Bunkersuche für ihren Dreh.

Kerstin Reichert-Fuchs war ihr bei der Suche nach Darstellern behilflich. Die Wahl fiel auf Dominik Triebel und Nico Hörling (Kandern) sowie auf Luis Meier und Marco Gola (Tannenkirch). Der 17-jährige Marco berichtet zu dem Erlebnis, dass es für ihn kaum vorstellbar sei, wie Gleichaltrige folgenschwer mit Waffen umgegangen seien. Krass sei die Szenerie im Tannenkircher Wald gewesen, beängstigend eine Verhaftung, die er mitmachte. Insgesamt sei die Teilnahme an den Dreharbeiten aufregend, aber auch mit Spaß verbunden gewesen. Die Filmleute seien nett und geduldig gewesen, es gab viel Lob. Bei den Dreharbeiten im März 2012 sei es nur um Sequenzen gegangen, den gesamten Sachverhalt selbst vermittelte ihm dann der Film.

Weshalb die Tannenkircher Bunker nicht wie die meisten nach dem Krieg zerstört wurden, erklärt Ortsvorsteher Fritz Höferlin. Er vermutet, sie seien mit rund einem Quadratmeter zu klein gewesen. Entstanden seien sie im Zuge des Westwallbaus.Seine eigene Generation habe in ihrer Bubenzeit bei den Bunkern gespielt, blickt Höferlin zurück. Fritz Kühner erinnert sich an Mutproben bei den Bunkern zurück.

Die heutige Tannenkircher Jugend gehe mit der Stätte oben im Wald leichter um, die damit verbundenen Taten scheinen vergessen. Damit die Historie jedoch präsent bleibt, engagieren sich viele Menschen, so auch der frühere Schulamtsdirektor Hansjörg Noe. Aktuell referiere er in der Reihe „Opfer des Nationalsozialismus im Landkreis Lörrach“ über die „Werwolf-Gruppen“, sagt Noe. Betroffen seien viele Dörfer im Kreisgebiet. Um ein Mahnmal bemühe man sich derzeit im Kleinen Wiesental. Ein Buch gar befinde sich in Korrektur und erscheine im Frühjahr. Es widme sich dem „Musterdorf Steinen“, wofür eine Vielzahl verschiedenster Vorkommnisse aufzuarbeiten gewesen sei.

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