Kandern „Die 100-Prozent-Regel ist nicht realistisch“

Heimleiter Harald Preinl (links) zeigte den Besuchern sein Pflegeheim „Wohnpark an der Kander“. Foto: zVg

Kandern - Auf großes Interesse ist am Sonntag der Info-Rundgang durch das private Kanderner Pflegeheim „Wohnpark an der Kander“ gestoßen, zu dem die Freien Wähler spontan eingeladen hatten. Anlass war die Verordnung, nach der Pflegeheime ab September 2019 nur noch Einzelzimmer anbieten dürfen.

Rund 50 Gäste informierten sich gemeinsam mit Mitgliedern der Freien Wähler bei Heimleiter und Inhaber Harald Preinl über die aktuelle Situation, heißt es in einer Pressemitteilung der Fraktion. Unter den Besuchern seien aber auch vier Vertreter von „Bündnis 90/Die Grünen“ gewesen, weil, so betonte deren Vorsitzender Thomas Brehm, Pflege eine kommunale Aufgabe sei. Und eine Gemeinde könne froh und dankbar sein, wenn ein privater Unternehmer eine solch wichtige Aufgabe mit abdecke.

Im Pflegeheim im Wohnpark an der Kander müssen 26 Heimplätze gestrichen werden, nachdem Preinl bereits den Kanderner Hof (bisher 41 Pflegeplätze) aufgeben musste, weil ein Umbau nach der Einzelzimmerverordnung nicht wirtschaftlich gewesen wäre. Preinl versucht jetzt eine Übergangsregelung zu erlangen, so dass er einen Teil der Doppelzimmer bis zum Jahr 2031 weiter anbieten darf (wir berichteten).

Die Gäste konnten verschiedene Einzel- und Doppelzimmer anschauen, allesamt rund 22 Quadratmeter groß. Im Anschluss an die Führung berichtete Preinl von den Herausforderungen, denen sich Pflegeeinrichtungen ausgesetzt sehen, allen voran die überbordende Bürokratie. Die Verordnung, dass zukünftig nur noch Einzelzimmer belegt werden dürfen, sei nur in Baden-Württemberg so strikt. Preinl hält eine Quote von 70 zu 30 wie in Nordrhein-Westfalen für sinnvoll. „Die 100-Prozentregelung ist nicht realistisch“, erklärte er.

Doppelzimmer sind manchmal sinnvoll

Ein Heimbewohner, der seit einiger Zeit mit seiner dementen Frau im Pflegeheim wohnt, berichtete, dass sie gar nicht allein lassen könne. Wäre seine Frau alleine im Zimmer, wäre sie nicht einmal in der Lage, den Alarmknopf zu drücken. Der 90-Jährige konnte über die Vorstellung, dass er mit seiner schwerkranken Frau zwei Einzelzimmer nehmen müsste, nur den Kopf schütteln.

Markus Kern (FW) ärgerte auch die Aussage der zuständigen Sachbearbeiterin im Landratsamt Lörrach, die Behörde sei für die wirtschaftlichen Anliegen der Betreiber nicht zuständig. „Die haben noch immer nicht kapiert, dass sie Dienstleister sind und es ihre wesentliche Aufgabe ist, für den Bürger da zu sein und nicht, ihm das Leben schwer zu machen“, ließ er seinem Unmut freien Lauf.

Kern, dessen Vater und Schwiegermutter im „Wohnpark“ gelebt hatten, lobte die heimelige und vertraute Atmosphäre. Obwohl beide Angehörige schon lange verstorben sind, komme er zusammen mit Rainer Scheer alle 14 Tage zum Musizieren ins Heim. Allerdings habe das Landratsamt von den beiden Hobby-Musikern einen Lehrgang gefordert, damit sie wüssten, wie man richtig und ordnungsgemäß Mitsing-Nachmittage für Senioren gestaltet, ergänzte Scheer kopfschüttelnd.

Mit dem Gedanken, zukünftig nur noch 52 Plätze zu haben, will sich Preinl nicht anfreunden: „Natürlich wird es irgendwie gehen, aber der Druck wird erheblich größer“, sagte er.

Am härtesten träfe es allerdings 15 langjährige, nicht-examinierte Mitarbeiter, die aufgrund ihres Alters auf dem Arbeitsmarkt kaum mehr Chancen hätten. Damit er seine treuen Leute nicht in die Arbeitslosigkeit schicken muss, will er nun nichts unversucht lassen, um diese vorübergehende Ausnahmeregelung zu erhalten.

Im Pflegeheim liegen Unterschriftenlisten aus für diejenigen, die den Erhalt der Sondergenehmigung beim Sozialministerium unterstützen wollen, Informationen unter Telefon 07626/97 38 59.

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