Kandern Für Sanftmut bleibt da keine Zeit

Weiler Zeitung, 10.08.2017 17:30 Uhr

Kandern-Riedlingen (bn). „Säbi Zit war Härte allgemein begehrt an einem Mann“ erinnert sich Hans Meister, der im Altersheim sein von harter Arbeit und manchem Schicksalsschlag geprägtes Leben Revue passieren lässt. Diese Dialektversion von „seinerzeit“ wiederholt sich mehrfach im Zwei-Personen-Stück „Fleisch und Blut“, das am Mittwochabend im Riedlinger Theater im Hof bei Dauerregen über die improvisierte Bühne ging.

Und die drangvolle Enge, in die das Publikum im offenen Schopf eingepfercht war, hatte viel gemein mit der Atmosphäre des Spielgeschehens, in dem sich ein von Existenzkampf, Fremdbestimmung, privaten Zwängen und „unbewussten Lebensgesetzen“ gegängeltes kleinbürgerliches Dasein vollzieht.

Ungemein packend verleiht der bekannte Schweizer Charaktersteller Urs Bihler diesem Hans Meister, der tatsächlich von 1923 bis 2005 gelebt hat, die Gestalt einer Kämpfernatur, die keine Zeit für Sanftmut hat, sich aber unerschrocken allen Widrigkeiten des Lebens stellt.

Da ist der Emmentaler Bergbauernbub, der früh seine Mutter verliert und beim Hofhund die vermisste Nestwärme findet. Da ist der Metzgerlehrling in Solothurn, der der Enge des heimischen Tales und der von Hunger und Frieren begleiteten täglichen Schinderei und der väterlichen Gefühlskälte entfliehen kann. Dann der unterbezahlte Geselle, der für drei schuftet und schließlich – nomen atque omen - zum wahren Meister seines Metiers mit eigenem Geschäft in Zürich und zum Verbandssekretär des Berufsstands avanciert.

Da ist der stattliche Kerl, der sich anfangs im Umgang mit Frauen recht unbeholfen zeigt, bis „das“ sechs Jahre ältere Hildi in sein Leben tritt, von ihm schwanger und (wiewohl katholisch und er reformiert) gegen den Widerstand der Familie seine Frau und ebenso tapfere wie gefügige Mitstreiterin wird, auch wenn sie seine Unternehmungen oft genug nur widerstrebend akzeptieren kann.

Es waltet unvergleichliche bodenständige Poetik in dieser mit etlichen Gehhilfen karg ausgestatteten Inszenierung von Hansjörg Betschart nach dem gleichnamigen Bestseller von Susanna Schwager über das Leben ihres Großvaters. Etwa wenn der Greis die Zeit mit „dem“ geliebten, aber kaum wirklich ästimierten Hildi reflektiert und Urs Bihlers echte Tochter Jana wechselweise in die Rolle der sich sträubend fügenden Gattin schlüpft oder als Hans-Meister-Tochter Sophie mit Geigenspiel und Melodien summend sich zaghaft auf den unbekannten Pfad zu einem selbstbestimmten Dasein begibt, dem Alten zugleich auch als Pflegerin und Projektionsfläche unerfüllter Sehnsüchte dient.

Da gibt es aber auch noch viele andere kraftvoll poetische Momente in diesem Streifzug durch ein noch ganz nahes Jahrhundert, das den meisten Zuschauern aus eigener, streckenweise paralleler Erfahrung noch wohlvertraut ist.

Literarisch einsame Spitze sind Schilderungen von einer schweren, aber glücklichen Geburt kleiner Ferkel und von der Kunst des wahren und guten Metzgers, ein Tier schmerzlos zu töten. Und von geradezu schwärmerischer Lyrik ist des Meister-Meisters Hymne auf die echte, einst in jeder Metzgerei nach individuellem Rezept hergestellte Schweizer Cervelat, die heute kaum mehr zu kriegen ist, weil die als Massenware produzierte Allerweltswurst von Dübendorf bis Dubai gleich fade schmeckt. n  Nächste Aufführung: morgen, Samstag, 20.30 Uhr.

 
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