Kandern „Unnützer Streit“ und alte Reben

Kandern-Sitzenkirch - „Postkarten gab es früher in jeden Dorf, in dem es eine Wirtschaft gab.“ So führte Fritz Wehrle beim DRK-Seniorennachmittag in Sitzenkirch in seinen Vortrag über die Mühlen entlang der Kander ein. Der Chronist aus Malsburg-Marzell verfügt über eine beachtliche Sammlung alter Postkarten aus dem Kandertal. Sie dienten ihm bei seinem Vortrag als Gerüst.

Die Geschichte der Ansichtskarte reicht zurück ins 19. Jahrhundert. Gerade die älteren Exemplare sind heute interessante Zeitdokumente, an denen Veränderungen erkennbar werden. Wehrles ältestes Exemplar ist von 1875. In dieser Zeit – bis 1905 – schrieb man seine Grüße noch vorne auf die Postkarte, während die Rückseite allein der Postanschrift vorbehalten blieb. Dies konnte Wehrle mit seiner Sammlung gut belegen.

Von der Quelle bis zur Mündung

Der Referent arbeitete sich von Marzell aus das Kandertal hinab – sozusagen von der Quelle bis zur Mündung der Kander, und erzählte dabei allerhand Wissenswertes über vergessene und noch bestehende Mühlen.

Los ging es mit einer Postkarte von Marzell, wo um 1900 herum noch viele Äcker zu sehen waren, dort wo heute Wald ist. Die alten Karten zeigten auch die vielen Walmdachhäuser, die es dort früher noch gab.

Ganz in der Nähe befindet sich der Kanderwasen, wo in einer Höhe von etwa 970 Metern die Kander entspringt. Bis sie Kandern erreicht, hat sie auf zehn Kilometern bereits 600 Höhenmeter verloren, wie Wehrle ausführte.

Überhaupt fließen dort oben „viele Bächle aus allen Richtungen“ zusammen. Das führte einmal zu einer heftigen Unwetter-Katastrophe: Am 20. Juli 1758 wurden in Marzell das Schulhaus, die Mühle sowie drei Wohnhäuser nach starken Regenfällen einfach weggeschwemmt.

Über den alten Forsthof in Marzell mit seinen namhaften Gästen ging es weiter talabwärts nach Malsburg, wo heute noch die Tantenmühle von sich reden macht, im 16. Jahrhundert wurde sie erstmals erwähnt. Der Name deutet im Übrigen nicht auf eine weibliche Verwandte hin, wie Wehrle bemerkte, sondern geht auf ein altes Wort zurück, das in etwa „leeres Geschwätz“ beziehungsweise „unnützer Streit über Kleinigkeiten“ bedeutet.

Dazu passt der Mühlenstreit von 1836, der Wellen bis nach Karlsruhe schlug. Neben der Tantenmühle sollte eine zweite Mühle, die Taubenmühle entstehen. Drei Jahre wurde prozessiert, bis sie endlich gebaut werden konnte. Am Ende stellte sich heraus, dass beide Müller ihr Auskommen hatten.

Viele Mühlen in Kandern

In Kandern angekommen wurden zunächst die Reben am Häßler bewundert, die eine alte Postkarte zeigt. Mühlen gab es in der „Kander-Metropole“ reichlich. Schon für das Jahr 1718 sind für Kandern fünf Mahlmühlen, zwei Sägemühlen, eine Papiermühle, eine Gips- und eine Ölmühle aktenkundig. Und 1868 drehten sich dort 18 Wasserräder an elf Mühlen sowie drei weitere Räder am Lippisbach.

Die alten Postkarten von Sitzenkirch, die Wehrle den Senioren präsentierte, sorgten schließlich für Diskussionsstoff. Wo war das, und wann wurde welche Mühle an wen verkauft? Das Publikum erwies sich als bestens informiert.

Über Hammerstein, Wollbach und Wittlingen mit ihren Mühlen war man schnell in Binzen angelangt. Alte Postkarten hatte Wehrle aber auch von Schallbach und Rümmingen, die zwar nie eine Mühle, dafür aber Gasthäuser hatten. Binzen und Eimeldingen dagegen verfügten jeweils über drei Mühlen, in Eimeldingen gibt es sogar ein altes Aquädukt.

Dort, nahe der Mündung, ging die historische Reise entlang der fast 30 Kilometer langen Kander zu Ende.

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