Kleines Wiesental Jung und Alt gemeinsam auf Tour

Wer diesem Trio eingefleischter Radsportler zuhört, bekommt den Eindruck, dass am Anfang alle förmlich überredet werden mussten, auf den Drahtesel zu steigen. Heute sind die Aktiven der Radsportfreunde Kleines Wiesental nicht mehr aus dem Sattel zu kriegen. Gerade haben sie die Dolomitenrunde aus eigener Muskelkraft gepackt, jetzt schwärmen sie von den Anfängen der Radsporttruppe und vom tollen Zusammenhalt.

Von Gerald Nill

Kleines Wiesental. Treibende Kraft der Radsportfreunde Kleines Wiesental ist Günter Giesin. „Ich war doch Fußballer“, blickt er auf seine eigenen, eher abgeneigten Anfänge als Radsportler zurück. Als ein Arbeitskollege ihn zum Mitfahren anspornte, winkte er erst ab. Dann bekam er zum Geburtstag ein Trikot geschenkt. Da war es kein weiter Weg mehr zum ersten eigenen Rad. „Ein Ciro“, sagt Giesin und legt zum Beweis die Original-Rechnung aus der Schweiz von 1981 vor. „Und das erste Rad habe ich auch noch“, schickt er hinterher. Damals unternahm Giesin die ersten Trainingsfahrten und Alpen-Ausfahrten mit einer Grenzacher Truppe. „Das war noch ein richtiges Abenteuer, auf zwei Rädern ins Tessin“, blickt Giesin zurück. „Und neu war der Radsport auch.“ Der große Boom setzte erst später ein durch deutsche Erfolge bei der Tour de France.

Recht holprig begann es auch bei Hanspeter Wagner, den Schulfreund und Trauzeugen Giesins. Die Einladung zum Mitradeln quittierte Wagner erst einmal mit einer Absage: „Ich kam aus der Landwirtschaft und hatte die Einstellung: Sport ist Mord.“ Für 500 D-Mark wurde dann aber doch das erste Rennrad gekauft, 1985, und seitdem, immerhin 36 Jahre später, ist Wagner nicht mehr aus dem Sattel zu kriegen. Im selben Jahr verlagerte sich das Geschehen ins Kleine Wiesental, als die Radsportgemeinschaft in Grenzach zerfiel.

Das Salz in der Suppe sind die Alpenausfahrten

„Wir sind kein eingetragener Verein“, sagt Giesin, „aber strukturiert wie ein Verein“. Bei der Planung der Ausfahrten überlasse er nichts dem Zufall, versichert er. Die Gruppe wuchs, Ernst Kallfaß, heute Ortsvorsteher in Tegernau, und viele andere stießen zu den Radsportfreunden Kleines Wiesental, die immer mittwochnachmittags ihre Runde am Busbahnhof starten. Am Brunnen, wo es hinauf nach Gresgen geht, wurde es nämlich bald zu eng.

Das Salz in der Suppe waren aber von jeher die großen Alpenausfahrten alle zwei Jahre. Und da kommen die unvergesslichen Erlebnisse ins Spiel. Zum Beispiel, wenn der unterschenkelamputierte Kallfaß-Jürgen bei der großen Seealpen-Tour von sich gab: „Der Herrgott kann mir keine Berge in den Weg stellen, die ich nicht schaffe“, wie ihn Giesin zitiert. „Unheimliche Motivation und Selbstvertrauen“ habe der Radsport dem Gehandicapten vermittelt und nicht nur ihm.

Unvergessen auch die ­Anekdote vom höchsten Alpenpass in Frankreich, der berüchtigte Col de la Bonette mit Restefond. Die Radsportfreunde Kleines Wiesental waren im Team unterwegs und trafen einen einsamen Franzosen, der ohne Proviant und Getränk unterwegs war. Auch wenn keiner die Sprache des anderen beherrschte, wurde geteilt. Das zahlte sich schon wenig später aus. Das Begleitfahrzeug der Schwarzwälder, ein alter VW-Bus, machte schlapp und sprang in dünner Luft nicht wieder an. Jetzt hielt aber der Franzose an, ein Kfz-Mechaniker aus Marseille, wie sich herausstellte, der unter den Wagen kroch, sich die Finger schmutzig machte und den Wagen wieder flott machte.

Auf einer anderen Tour hatten die Radsportfreunde in Frankreich Glück mit einem Übersetzungszettel: „Wir benötigen eine Unterkunft.“ Auch wenn zunächst alles komplett ausgebucht war, schuf man eine Übernachtungsmöglichkeit. Heute ist alles etwas einfacher, weil die Kleinwiesentäler den Todtnauer Klaus Zimmermann als Sprachentalent dabei haben. Auch er ein Quereinsteiger, der sich erst mit 57 Jahren in den Sattel schwang und seitdem 100 000 Kilometer gestrampelt ist.

„Alle sind vom gleichen Spirit getragen“

Für die jüngste Dolomitenrundfahrt trainierte Zimmermann nicht nur Höhenmeter, sondern büffelte auch noch italienische Vokabeln. Dass der Mann 71 Jahre ist, glaubt ihm sowieso niemand. Das sei das Schöne im Team der Radsportfreunde: Alt und Jung fahren zusammen, von 28 bis 71 Jahren. „Alle sind vom gleichen Spirit getragen“, wie Giesin es ausdrückt. „Unsere Philosophie, das Tempo wird dem Schwächsten angepasst.“ Und weiter: „In der letzten Kehre vorm Pass wird angehalten und auf den Letzten gewartet und dann fahren wir gemeinsam über den Pass.“ Beneidet würden die Kleinwiesentäler von anderen Clubs wegen dieses Teamgeistes.

Einen Wermutstropfen schenkt Günter Giesin, ohne den bei den Radsportfreunden nichts laufe, wie alle versichern, am Ende aber doch noch ein.

Das Klima auf den Straßen habe sich kolossal verändert. „Früher wurden wir herzlich gegrüßt, heute sind wir weder auf der Straße noch auf den Radwegen willkommen,“ beklagt der Polizist. Eine Dusche aus der Scheibenwaschanlage sei noch der harmlose Affront.

Aber es werde auch ohne Not abgedrängt. Zimmermann kann ein Lied davon singen. Er wurde bei der Südtirol-Ausfahrt von einem Wohnwagen-Gespann an eine Mauer gedrängt und erlitt glücklicherweise nur ein paar Schrammen.

Die Radsportfreunde Kleines Wiesental lassen sich nicht unterkriegen. Bis zur Zeitumstellung starten sie aufs Neue an jedem Mittwoch, 17.30 Uhr in Tegernau, und neue Mitfahrer sind jederzeit herzlich willkommen.

Günter Giesin von den Radsportfreunden sagt: „Als sich die noch selbstständigen acht Gemeinden im Kleinen Wiesental wegen der anstehenden Zusammenlegung zu einer Einheitsgemeinde stritten, waren wir Radler bereits einen Schritt (oder eine Radlänge) voraus.

Wir fuhren da schon längst als Einheit und Vertreter des Kleinen Wiesentals über die Straßen und machten Werbung für unser schönes Tal. Die Einheitsgemeinde wurde auf Rennrädern vorgelebt: Sport verbindet.

Ebenso präsentierten wir uns schon im Team-Outfit mit einem Flammkuchenstand am Naturparkmarkt sowie mit einem Glühweinstand am Weihnachtsmarkt in Tegernau. Wir zeigten damit, dass wir zu unserer Gemeinde stehen.“

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