Von Dorothea Gebauer

Kleinen Wiesental. Eine große grüne Wiese. Darauf ein weißes Zelt. Darüber der blaue Himmel. Darunter ganz viel Gefühl, Bewegung, Gespräch. Das 16. Tanzfestival im Rosenhof in Schwand ist für die Besucher eine helle Freude, ein Genuss, der die Sinne weit öffnet.

Als wäre es ein starkes politisches Bekenntnis dazu, dass Kunst sich in den Dienst der Würde des Menschen stellen und Empathie fördern kann, eröffnet Ali Mehamad aus Damaskus den Tanzreigen. Sein Tanz erzählt auf anmutige Weise die Reise eines Menschen, der seine Heimat und Wurzeln verliert und dennoch das Mandat annimmt, zu sich zu finden und bei sich zu bleiben. Der Berufstänzer, der in Syrien mit verschiedenen Kompanien gearbeitet hat, liefert eine atemberaubend-brisante, weil hoch emotionale Vorstellung. Seine Bewegungen sind weich und geschmeidig und er umkreist den Raum, als gelte es, der eigenen Bestimmung Ausdruck zu geben und diese zu deuten. Mitten im Tanz streift er sein Kostüm ab und zieht eine schlichte schwarze Hose an. Der zunächst überbordend lebensfrohen Gebärde, dem strahlenden Tanz scheint sachliches Einverständnis mit aktuellen Lebensverhältnissen zu weichen.

Betroffenheit und Faszination

Was zurückbleibt ist Betroffenheit, neben der Faszination auch das Verstörende der Frage: Was macht Flucht mit einem, dessen Kunst sich aus ästhetischen Empfinden seiner Heimat speiste? Wie kann er als Künstler in unserer Kultur weiterleben?

Der Beitrag des Duos Neus & Albert mit Neus Esposito und Albert Garrell aus Katalonien ist ganz der Sehnsucht gewidmet. In ­„Abraça’m“ gehen die beiden jungen Tänzer an Grenzen, loten alles aus, was die Risiken einer Beziehung ausmacht. Ihre Tanzsprache ist direkt und radikal. Sie zeigen, wie es aussieht, wenn man sein Herz aus dem Leibe reißt und sich ganz gibt. Verletzlich und ganz offen sein. Schmerz nicht verleugnen und dabei kostbare Nähe wagen. Verzweiflung, Unverständnis, Leidenschaft und Zärtlichkeit sind dabei Themen, die dramatisch umgesetzt werden.

Eine ganz besondere Schönheit entfaltet sich bei den zwölf Tänzerinnen des Projekts In-Zeit-Sprung 8, die mit „Dona’m la Ma“, übersetzt „Reich mir die Hand“ auf die Bühne treten. Zwischen ihnen passiert viel, da knistert es, da ist Zuneigung, Abwehr und viel Suche nach Nähe und Begegnung. In Vereinzelung und Dialog ist es die Hand, die leitmotivisch zum anderen hin oder zu sich selbst führt, sich ertastet oder vom Körper weg Distanz möchte. Behutsamkeit und konzentrierte Stille, aber auch großer Charme und Witz bestimmen eine lebhaft durchkomponierte Choreografie. Die Tänzerinnen haben sieben Monate miteinander gearbeitet und über mehrere Kunstformen den Zugang zu eigener künstlerischer Energie gefunden. Gesine Bänfer und Ian Harrison mit Gesang, Gitarre, Flöte und Dudelsack bilden zentrale, tragende Mitspieler in einem zauberhaften Geschehen.

Dank, Wertschätzung und Blick in die Zukunft

Ein großes Lächeln erfüllt den Ort, wann immer die katalanische Choreografin und Rosenhof-Besitzerin Pilar Buira Ferre auf die Bühne tritt. Wenn sie etwa zuallererst den Leuten „aus dem Hintergrund“ Wertschätzung erteilt. Wenn sie einen mitnimmt in die Entwicklung des kleinen Ortes mitten im Schwarzwald und sagt, dass es mit dem Bau der Kunsthalle weitergeht, jedes Jahr ein kleines Stück.   bis 22. Juli, Samstag um 20 Uhr, Sonntag um 11.30 Uhr