Kreis Lörrach Anschreiben gegen die Kultur-Starre

Bea von Malchus hat in der Corona-Zeit ein persönliches Buch geschrieben. Foto: Britt Schilling

Regio. Wenn sie kommt, ist der Saal voll: Die Auftritte der Freiburger Schauspielerin Bea von Malchus werden gerade in der Regio geliebt. Egal, ob sie auf ihrer ganz eigene, unverwechselbare Art die Nibelungen-Geschichte erzählt, das Schönste aus dem Alten Testament zitiert oder Heinrich VIII. very british und very blutig präsentiert – die Menschen im Publikum biegen sich vor Lachen. Nicht zum Lachen ist ihr angesichts der aktuellen Situation für frei schaffende Künstler. Darüber und über ihr neues Buch „Säwentitu“ unterhielt sie sich mit unserer Redakteurin Gabriele Hauger.

Frage: Haben Sie die Corona-Zeit gut überstanden?

Nein. Gesundheitlich schon. Aber Corona hat mich existenziell komplett an den Rand gebracht. Und das tut es auch weiterhin. Es ist ja leider nicht so, dass im Kulturbereich alles wieder normal läuft. Dass die Leute plötzlich wieder alle ins Theater rennen. Es läuft sehr zäh, der Lockdown hat eine tiefe Kerbe in die Szene der freien Theater geschlagen. Da sind und werden viele Leute aus diesen Berufsfeldern verschwinden. Ich hoffentlich nicht. Ich habe in dieser Zeit zwei Bücher geschrieben: ein Kochbuch und jetzt ganz neu „Säwentitu“ mit viel Biografischem drin. Finanziell ist das allerdings keine Rettung. Aber es war schön, in der auftrittslosen Zeit nicht nur rumzuhocken, sondern zu schreiben und eine Struktur zu haben.

Frage: Das heißt, die letzten eineinhalb Jahre waren nicht nur emotional schwierig, sondern schlichtweg existenzbedrohend?

Ja. Und es ist dann leider immer so, dass genau in solchen Zeiten noch mehr schief geht: Mein Auto und mein Herd gingen kaputt, mein Mikro und Geschirrspüler auch. Und es gab eine Mieterhöhung. Irgendwann kam ich an einen fatalistischen Punkt, und sagte mir: Das ist jetzt halt so.

Frage: Es gab und gibt ja Unterstützung vom Staat. Ist die freie Szene da hinten runter gefallen?

Absolut. Natürlich wünsche ich jedem Menschen, dass er während Corona weiter bezahlt wird und keine Angst haben muss. Ich finde aber schon irritierend, dass alle Kulturverwalter ihr Gehalt, Weihnachtsgeld oder am Stadttheater Corona-Boni bekamen, während die freien Kreativen ganz selbstverständlich in Hartz IV gedrängt werden. Das rückt auch die eigene Weltsicht zurecht: Die künstlerische Freiheit ist nämlich schnell dahin, wenn man nirgends auftreten kann.

Frage: Trotzdem ist es Ihnen ein Stück weit gelungen, die Zeit kreativ zu nutzen.

Viele, die ich kenne, hatten eine große kreative Lähmung. Zunächst dachte ich auch: Was soll das alles überhaupt noch? Aber irgendwann hat sich bei mir das Bedürfnis durchgesetzt, etwas Kreatives zu tun. Gar nichts zu machen, war keine Option. Mir tat das Schreiben gut, ich verstehe aber alle, die das nicht konnten: Viele waren voller Angst, gerade auch, wenn sie Kinder haben und Familien ernähren müssen. Und daher gab es einige, die sich entschlossen haben, lieber Regale bei Lidl einzuräumen, um sich finanziell zu stabilisieren.

Frage: Wie kam es, dass Sie sich in Ihrem Buch sehr persönlich dem Thema Pubertät angenähert haben?

Das sind viele Zufälle. Ich habe eigentlich gar kein gutes Gedächtnis und habe noch nie so etwas Romanhaftes wie „Säwentitu“ geschrieben. Was war denn so in meiner Kindheit?, überlegte ich. Da fiel mir dann mein ewig rauchender Vater ein – damals qualmten ja irgendwie alle. Der rauchte 80 Kent am Tag, sogar unter der Dusche. Dann schrieb ich darüber, und fokussierte mich zusehends auf ein bestimmtes Jahr: 1972 (Säwentitu). Wir zogen damals von Freiburg nach Dortmund, das war damals ein furchtbar rußverschmierter stinkender Industriemoloch – parallel zu Beginn meiner Pubertät ein großer Einschnitt. Dann habe ich ein paar politisch interessante Themen mit eingebaut, die damals aktuell waren: die RAF, das Olympia-Attentat, der Nordirland-Konflikt. So entstand ein Mix aus Privatem und Politischem. Geschockt hat mich beim Nachdenken, dass viele dieser Konflikte von damals heute noch bestehen – 50 Jahre später!

Frage: Ist „Säwentitu“ ein Roman?

Es ist eine kreative Konstruktion mit Romanelementen, ausgelöst durch Erinnerungen und Gefühle. Ich bin es ja von der Bühne her gewöhnt, Geschichten zu erzählen, zu unterhalten. Darum spitze ich im Buch natürlich zu, übertreibe, beschreibe auch dieses ganz andere, sehr witzige Naturell der Menschen im Ruhrgebiet.

Frage: Nochmal zum Thema Pubertät. Glauben Sie, dass die Grundprobleme der Jugendlichen heute wie damals die gleichen waren?

Oh nein. Das liegt wohl daran, dass die Situation heute so komplett anders ist: die sozialen Netzwerke vor allem und dann dieser Schönheitswahn! Wir waren damals diesbezüglich ja komplett entspannt. Es war weitgehend egal, was und welche Marke man anhatte. Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, sich seine Nase oder Brüste operieren lassen zu wollen. Auch das Verhältnis der Kids zu den Eltern war komplett anders. Die heutige Unfähigkeit bei vielen, sich voneinander zu lösen, erstaunt mich.

Frage: War es früher besser?

Ich finde ja. Meine Mutter war sehr frauenbewegt. Ich ging auf eine reine Mädchenschule. Und irgendwie bin ich mit einer selbstverständlichen Frauenpower groß geworden. Ich erschrecke, was sich manche Mädchen heute antun, um geliked zu werden, wie unpolitisch viele sind, bei wie vielen es nur um Konsum und Bestätigung geht – natürlich nicht bei allen! Wir hatten mehr Ziele, für die wir kämpfen wollten und die unser Leben irgendwie sinnvoller und damit auch schöner machten. Heute haben Teenager ganz andere Erwartungen. Ich bin da ganz aus dem Häuschen, wenn junge Mädchen die Weltreise nach dem Abi selbstverständlich finden und beleidigte Mails über den Zustand des nicht optimalen Swimmingpool schreiben. Ich habe nachts geputzt, um mir das Interrail-Ticket zu finanzieren. Aber: Trotzdem haben wir wahrscheinlich mehr erlebt! Wir waren nicht so gepampert.

Frage: Ein spannendes Thema, das sich doch für ein Stück eignen würde.

Was neue Stücke angeht, stehe ich derzeit mit beiden Beinen auf der Bremse. Die Stück-Entwicklung ist sehr kostspielig. Erst mal müsste ich wissen, dass sich so eine Investition auch künftig amortisieren könnte und nicht einfach weitere Löcher ins Budget reisst. Die Leute sind noch in einer Art Kultur-Starre. Viele haben noch Angst, ins Theater zu gehen, keine Lust, Maske zu tragen. Vielleicht haben sich manche während Corona auch schlicht angewöhnt, abends zu hause zu bleiben und Netflix zu gucken.

  Bestellen kann man das Buch „Säwentitu“ über die Mailadresse post@beavonmalchus.de oder auf der Website einen kleinen Text anhören: www.beavonmalchus.de

Lesungen mit Säwentitu: Kumedi, Riegel: So, 31. Oktober, um 18 Uhr; Nellie Nashorn, Lörrach: So, 28. November, um 18 Uhr; Rainhofscheune, Kirchzarten: Do, 9. Dezember, um 19 Uhr

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