Kreis Lörrach Einer, der den Menschen zuhört

Adrian Steineck

Kreis Lörrach - Verwaltungsrichter, Bürgermeister, Rechtsanwalt, Landtagsabgeordneter, Justizminister: Im Verlauf seiner gut 50-jährigen politischen Tätigkeit hatte Rainer Stickelberger zahlreiche Ämter inne. All diese Lebensstationen des SPD-Politikers aus Haltingen wurden bei seiner Abschiedsfeier am Donnerstag aufgezählt – in erster Linie aber zeichneten die Laudatoren das Bild eines leidenschaftlichen Politikers und Juristen, der sich stets ein offenes Ohr für die Bedürfnisse der Menschen in Südbaden bewahrt hat und dabei stets authentisch und geerdet geblieben ist.

Auf Einladung des SPD-Kreisverbands Lörrach waren Vertreter von Politik, Verwaltung und langjährige Weggefährten Stickelbergers in den Hadid-Pavillon in Weil am Rhein gekommen, um einem „SPD-Urgestein“ die Ehre zu erwiesen. So nannte der frühere baden-württembergische Innenminister und langjährige Landtagsabgeordnete Reinhold Gall den aus der Landespolitik scheidenden Stickelberger unter Verweis darauf, dass dieser sich selbst gelegentlich so bezeichnet habe.

Gall war anstelle des eigentlich angekündigten SPD-Landesvorsitzenden Andreas Stoch nach Weil am Rhein gekommen. Dieser befindet sich derzeit in Sondierungsverhandlungen – „das hätten wir bei der Einladung noch nicht unbedingt gedacht“, sagte Jonas Hoffmann, Stickelbergers Nachfolger im Landtag, süffisant.

Über das gute Abschneiden seiner Partei bei der Bundestagswahl freute sich Stickelberger sichtlich und wand seinerseits seinem Nachfolger Jonas Hoffmann und Takis Mehmet Ali, der für die SPD gleich beim ersten Anlauf im Bundestagswahlkreis Lörrach-Müllheim den Sprung nach Berlin geschafft hat, ein Kränzlein: „Solange wir solche jungen Leute haben, ist mir um die SPD nicht bange.“

Stets den Menschen zugewandt und interessiert

Stickelberger zieht sich nach 20 Jahren als Landtagsabgeordneter und fünf Jahren als Justizminister im Kabinett von Ministerpräsident Winfried Kretschmann aus der Landespolitik zurück. Ob solch ein Abschied tatsächlich ein Grund zum Feiern sei, fragte Landrätin Marion Dammann in ihrer Laudatio auf Stickelberger rhetorisch. Sie meine ja, sei es doch auch die Gelegenheit, einen Politiker zu ehren, der sich stets für die Geschicke Südbadens interessierte. „Sie sind den Menschen zugewandt“, beschied Dammann dem Geehrten.

Zugleich verwies sie darauf, dass wiederholt Frauen eine bedeutende Rolle in Rainer Stickelbergers Leben gespielt hätten: Zum einen seine Frau Yvonne und seine Tochter Mona, die durch Stickelbergers politische Tätigkeit wiederholt den Ehemann und Vater entbehren mussten. Zum anderen Christiane Cyperrek, die über 20 Jahre hinweg Stickelbergers Wahlkampfbüro geleitet hat und dafür sorgte, dass der Politiker, der mit E-Mail und Smartphone zunächst auf Kriegsfuß gestanden habe, stets „zur rechten Zeit mit dem rechten Gedanken am rechten Ort“ gewesen sei.

Als weitere prägende Frau im Leben Stickelbergers nannte die Landrätin Justitia, die römische Göttin der Gerechtigkeit. Diese sei ihm stets eine treue Wegbegleiterin und Motor seines Handelns gewesen, sowohl während seiner Tätigkeit als Richter an zwei Verwaltungsgerichten als auch in seiner Zeit als Justizminister von 2011 bis 2016.

Ehrenmedaille des Landkreises in Silber

„Bei Gesprächen mit den Menschen waren Sie sehr oft für diese ganz freundschaftlich der Rainer“, sagte Dammann. Dies könne durchaus als Liebeserklärung der Bürger verstanden werden. Es sei ihr auch eine Freude, dass sie Stickelberger zu gegebener Zeit im passenden Rahmen die Ehrenmedaille des Landkreises in Silber überreichen dürfe. Diese Entscheidung sei in der Sitzung des Kreistags am Mittwoch einstimmig gefällt worden.

Heinz Kasper, Gründer der Freien Wähler in Weil am Rhein und mehr als 40 Jahre lang im Weiler Gemeinderat tätig, erinnerte an den Beginn des gemeinsamen Wegs. Im Jahr 1963 war es, als sich die Wege des damaligen Junglehrers Kasper und des Sextaners (Fünftklässler an einem Gymnasium) und „Buben aus dem damals noch nicht zu Weil am Rhein gehörenden Haltingen“ (Kasper) am damals neu gegründeten Kant-Gymnasium erstmals gekreuzt haben. „Du bliebst stets geerdet und ein richtiger Alemanne“, sagte Kasper mit Blick darauf, dass Stickelberger auch während seiner Zeit in Berlin nie den Kontakt in seine Heimat verloren hat. Jeder Haltinger wisse sofort, wer Rainer Stickelberger ist, attestierte er diesem eine große Beliebtheit und wies darauf hin, dass die Belange Südbadens durch Stickelberger immer gut im Stuttgarter Landtag vertreten worden seien und dort auch Gehör fanden.

Aus dem sprichwörtlichen Nähkästchen plauderte Christiane Cyperrek, 20 Jahre lang Leiterin von Stickelbergers Wahlkampfbüro. Sie habe stets seine Gelassenheit und Resilienz geschätzt, symbolisiert durch seinen „gemütlichen Schlendergang“, sagte sie mit einem Augenzwinkern. Sein Faible für schwarzen Kaffee, Schwarzwälder Kirschtorte und „Schokolade, Schokolade, Schokolade“ habe für manch heitere Situation gesorgt. Als „ruhenden Pol in hitzigen Situationen“ bezeichnete Sven Widlarz, frischgebackener SPD-Kreisvorsitzender, Stickelberger. Margarete „Gritli“ Hundorf, vieljähriges Vorstandsmitglied und mehr als zehn Jahre lang Vorsitzende des SPD-Kreisverbands, lobte Stickelberger als Teamplayer.

Stickelberger selbst nahm am Ende der Feierstunde sichtlich gerührt die stehenden Ovationen der Besucher entgegen. Dass der „Glamour der großen Politik“ jetzt für ihn verfliege, das sei nicht schlimm, sagte er. „Was bleiben wird, was sich in meinem Inneren angereichert hat, das sind die Begegnungen und Gespräche mit den Menschen.“ Im Gespräch mit unserer Zeitung am Rande der Feierstunde ging er darauf ein, wie wichtig es ihm stets war, den Kontakt zu den Menschen in der Heimat nicht zu verlieren. „Man lebt sonst in einer Blase, in der man es immer mit denselben Menschen zu tun hat“, sagte Stickelberger.

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