Paris - An durchschnittlich 140 Tagen im Jahr finden in Frankreich Streiks statt. Damit führen die Franzosen mit Abstand das europäische Streik-Ranking vor Dänemark und Finnland an. Deutschland liegt mit 16 Streiktagen Gott sei Dank nur auf Rang acht. Wieso Gott sei Dank? Zunächst sind Streiks ja etwas unverzichtbares, damit Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften die Unzufriedenheit über ihre Arbeitsbedingungen kundtun und Druck auf die Arbeitgeber ausüben können.

Doch Streiks ziehen häufig auch unschuldige Dritte in Mitleidenschaft. Das ist der Fall an Flughäfen, Bahnhöfen und auch im folgenden Fall, der mir neulich passiert ist: Es war vor einer Woche in der Nacht von Sonntag auf Montag, als ich durch ein plötzliches, ohrenbetäubendes Sirenengeräusch aus dem Schlaf gerissen wurde. Ich schaute aus dem Fenster auf den großen Kreisverkehr vor meinem Studentenwohnheim und konnte nicht fassen, was ich da sah und hörte. Der ganze Kreisverkehr war vollgestopft mit schätzungsweise 50 Fahrzeugen, die allesamt ihre Sirene auf voller Lautstärke laufen hatten. Von weitem konnte ich nicht erkennen, ob es sich um Polizeifahrzeuge oder Krankenwagen handelte. Aber eines war mir klar: hier passierte gerade etwas Ungewöhnliches.

Meine erste Vermutung war, dass ein eben verübtes Attentat zu dem Großaufgebot geführt haben könnte. Paris war bekanntlich am 13. November 2015 von einer islamistischen Anschlagsserie getroffen worden. Aber wo war der Täter oder die Täterin? War er oder sie schon gefasst oder noch frei herumlaufend? Ich lehnte mich noch etwas weiter aus meinem Fenster im sechsten Stock und bemerkte nun, dass sich die Fahrzeuge mit Blaulicht kein Stück vom Fleck bewegten. Auch konnte ich keine herumlaufenden Polizisten oder Beamte erkennen. Diese schienen alle in ihren Fahrzeugen zu sitzen und zu warten.

Die Sache wurde mir immer ungeheurer. Ich blinzelte verschlafen auf meinen Wecker am Bett: 4.38 Uhr. Was? „Das ist ja mitten in der Nacht“ dachte ich mir, als ich plötzlich Geräusche im Hausgang vernahm. Sogleich schoss mir ein zweiter Gedanke durch den Kopf: Im Studentenwohnheim brennt es. Ich öffnete vorsichtig meine Wohnungstüre, konnte aber nichts Beunruhigendes feststellen.

Ich muss nochmal eingeschlafen sein, als mich mein Wecker um sieben Uhr ein zweites Mal aus dem Schlaf riss. Mein erster Gedanke galt natürlich wieder den Fahrzeugen und tatsächlich: diese standen immer noch unverändert und ohrenbetäubend laut im Kreisverkehr! Aus welchem Grund auch immer rief ich meine Eltern im Schwarzwald an und schilderte ihnen meinen nun schon seit über zwei Stunden andauernden Albtraum. Aber weder die deutschen noch die französischen Medien berichteten über diesen Vorfall.

Verzweifelt rief ich die Pariser Polizei an. Doch diese unterbrachen mich knallhart mit den Worten: „Wir geben hierzu keine Auskunft.“ „Die spinnen die Franzosen“, sagte ich vor mich hin, als ich mir die Jacke anzog und die Treppe zum Eingang des Wohnheims herunterlief. Ich wollte mir das Ganze endlich bei Tageslicht von Nahem ansehen.

Am Ausgang begegnete mir dann fröhlich pfeifend, als wäre nichts gewesen, der Hausmeister des Studentenwohnheims. „Was zur Hölle geht hier vor?“, fragte ich ihn. Der Hausmeister wird wohl bemerkt haben, wie verwirrt ich war. Jedenfalls schmunzelte er, legte mir seine Hand auf die Schulter und sagte: „Keine Sorge, der Rettungsdienst streikt mal wieder“.