Kreis Lörrach Wichtiger Autor des Schwarzwalds

Von Jürgen Scharf

Regio. Wer war Heinrich Ernst Kromer? Der 1866 in Riedern am Wald geborene Schriftsteller, Maler und Bildhauer gehört zu den etwas vergessenen Künstlern der Region. In seinem bekanntesten Roman „Gustav Hänfling“, in dem es um einen Porzellanmaler geht, denkt Kromer über die Ehe nach. Hänfling bedeutet im Alemannischen „schmächtiger Mann“, und auch Kromer war zeitlebens kränkelnd, was aus vielen Briefen an Freunde, Verleger und Kollegen hervorgeht.

Erinnerung an Malerpoeten

Immer wieder gab es Versuche, Kromers literarisches und künstlerisches Werk der Vergessenheit zu entreißen. Eine Kromer-Gesellschaft in seinem Heimatort bemüht sich nach Kräften, die Erinnerung an den Malerpoeten wach zu halten, veranstaltet Lesungen, Ausstellungen und literarische Wanderungen und gab schon den einen oder anderen Nachdruck heraus.

Um den Autor, um den es still geworden ist, wieder mehr ins Bewusstsein zu rücken, ist in der Edition Isele (Eggingen) eine umfangreiche Werkausgabe erschienen, herausgegeben von dem ehemaligen Waldshuter Kreiskulturreferenten Jürgen Glocker und dem Verleger Klaus Isele. Acht Bände waren in dem ambitionierten Buchprojekt geplant, sieben sind es geworden: keine Gesamtausgabe, sondern eine Auswahl von Texten. Kromers früher Gedichtband, von dem er sich später distanzierte, konnte aus testamentarischen Gründen nicht wieder aufgelegt werden.

Im jüngsten Sammelband „Gedichte, Essays, Prosa, Briefe“, der Ende 2020 publiziert wurde, finden sich interessante und überraschende Anmerkungen zu Johann Peter Hebel. Kromer konnte zwei Hebel-Bücher im renommierten Leipziger Insel-Verlag herausgeben, die „Alemannischen Gedichte“ (1919) und davor „Die schönsten Erzählungen aus dem Schatzkästlein des Rheinländischen Hausfreundes“ (1915). Da liegt es nahe, sich mit Kromers Hebel-Bild und seiner Auseinandersetzung mit dem Alemannischen zu beschäftigen. Zumal Kromer, der sich in späteren Jahren nach Konstanz zurückgezogen hat, wo er 1948 verarmt starb, beachtenswerte Nachworte zu den Hebel-Büchern verfasste.

In seinen Gedanken zu den „Alemannischen Gedichten“ sinniert er über das „poetische Vermögen“ Hebels, über dessen freien, reinen Humor „mit oft so ungewöhnlicher Kühnheit, wie sie nur die Mundart erlaubt.“ Als Hebel, so Kromer weiter, 1803 seine „Alemannischen Gedichte“ herausgab, habe diese Mundart noch kein nennenswertes Schrifttum besessen und sich „gegen das Hochdeutsch zurückhaltend“ verhalten. Hebel habe enge Heimatgrenzen überschritten, um sich ein geistiges Hinterland zu schaffen, wobei er stofflich aber innerhalb des engsten Bezirks geblieben sei: im Schwarzwälder Landleben mit seinen Sitten.

Im Nachwort zu Hebels Erzählungen sieht Kromer die Vorzüge, die den großen alemannischen Dichter in seinen Gedichten als Erzähler ausweisen, im Rheinischen Hausfreund wieder aufleben. Ein belehrender Ton verrate zwar vielfach noch den Erzieher und Prediger, aber literarisch sei es doch weit mehr: „Nimmt er nicht seine Eulenspiegel, seine Gauner und Spitzbuben, seine Falschmünzer und Löffeldiebe so nah an sein Herz, wie die einfältigen Kannitverstane, die edlen Wohltäter, die treuen Dienstboten und die guten Mütter...“.

Hebels Geschichten sind wie das Leben.

Hebels Geschichten seien wie das Leben: „Sie vereinen das Unvereinbare.“ Auch in einigen Aufsätzen beschäftigt sich Kromer mit Johann Peter Hebel und der „Kunst der Alemannen“. So hebt er bei Hebel in den Gedichten die Idyllik hervor, „im besten Falle vergoldet durch heiteren Humor“. Hebels Poesie sei die Idylle, wie sie die Griechen geschaffen hätten, aber gefärbt durch alemannisches Fühlen.

Auch abseits vom Nachdenken über den alemannischen Säulenheiligen sind literarische Entdeckungen in den Kromer-Bänden zu machen, die seit 2006 in loser Folge herausgekommen sind. Darunter der Künstlerroman „Arnold Lohrs Zigeunerfahrt“, der satirische Erzählband „Die Mittendurcher“ und der Tagebuchroman „Gustav Hänfling“. Am meisten verkauft und inzwischen vergriffen ist „Die Amerikafahrt – Aus den Goldgräberjahren eines Schwarzwälder Bauernsohns“, ein Büchlein mit den Lebenserinnerungen seines Vaters Dorus Kromer, einem Auswanderer und Goldsucher.

Fundgrube von Lesenswertem

Der letzte Band mit später Prosa, mit dem die Werkausgabe nun abgeschlossen ist, versammelt Vermischtes, Frühes und Spätes: eine literarische Fundgrube mit lesenswerten, für alle Werk- und Lebensphasen beispielhaften Texten. Entdeckenswert sind vor allem die in damaligen Zeitschriften erschienenen essayistischen Beiträge, Kurzgeschichten und die literarischen Porträts, die durch sprachlichen Furor glänzen. Was Kromer zum Beispiel über Carl Spitteler, den Liestaler Autor und „ungerecht übersehenen“ einzigen Schweizer Literaturnobelpreisträger, schreibt, ist heute noch gültig.

Die Texte, so Jürgen Glocker in seiner Nachbetrachtung, geben den „Blick frei auf einen äußerst vielseitigen Autor, den man nicht auf einen einfachen Nenner bringen kann und den es in seiner Vielschichtigkeit von Neuem zu entdecken gilt“. Klaus Iseles Einschätzung kann man ebenfalls zustimmen: Kromer sei „nicht nur der bedeutendste Autor des Landkreises Waldshut, sondern einer der wichtigsten Schriftsteller des gesamten Südschwarzwaldes“.   Werkausgabe von Heinrich Ernst Kromer, herausgegeben von Jürgen Glocker und Klaus Isele. Sieben Bände, Edition Isele, Eggingen. Einzelausgaben kosten zwischen 13 und 16,80 Euro.

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