Kreis Lörrach Zeitzeugen und Bezug zur Gegenwart

Die Oberbadische, 18.11.2017 00:00 Uhr

Von Markus Greiß

Es ist eine der stärksten Szenen des Films „Wir sind Juden aus Breslau“, der am Donnerstagabend erstmals in Lörrach gezeigt wurde: Zu Bildern von abgemagerten Häftlingen, Leichenbergen und Verbrennungsöfen sowie zu Zeitzeugenberichten intoniert Simon Wallfisch am Cello das Kaddisch, eines der wichtigsten jüdischen Gebete.

Lörrach. Seine Großmutter Anita Lasker-Wallfisch, die als junge Frau im makabren „Lagerorchester“ von Auschwitz spielen musste, kommt im Film als eine von 14 Zeitzeugen zu Wort. Die Regisseure Karin Kaper und Dirk Szuszies suchten die Protagonisten in den USA, in Frankreich und in Israel auf, um ihre Lebenswege nachzuzeichnen und den vergangenen jüdischen Lebenswelten Breslaus nachzuspüren.

Gegenüber dem Lörracher Kinopublikum sagte Kaper, man habe sich beeilen müssen, um noch mit den hochbetagten Zeitzeugen sprechen zu können. Nach eineinhalbjähriger Arbeit wurde der Film im November 2016 in Breslau uraufgeführt. Er zeige ein „Kaleidoskop jüdischer Menschen von tief religiös bis liberal“ und stelle einen Bezug zur Gegenwart her – unter anderem durch die gefilmten Gespräche zwischen Zeitzeugen und Jugendlichen aus Bremen und Breslau, dem heutigen Wroclaw, die laut Kaper „gar nicht mehr auseinanderzubringen“ waren. Letztere erfuhren, wie assimiliert die deutschen Juden in Breslau bis Hitlers Machtergreifung lebten. „Bis dahin wusste ich gar nicht, dass es unterschiedliche Arten von Menschen gibt“, erinnert sich ein Protagonist. Es folgten Ausgrenzung, Demütigungen, Verleugnung durch deutsche Freunde und die „Reichskristallnacht“, die für die Vierzehn endgültig alles veränderte.

Historische Filmaufnahmen zeigen, wie die Menschenmassen Hitler in Breslau huldigten, wo bis dato die drittgrößte jüdische Gemeinde Deutschlands lebte. Jüdische Familien wurden getrennt, viele Angehörige starben in den KZs. Einige der Interviewten schafften die Flucht nach Palästina und versuchten, dort eine Heimat für die Überlebenden des Holocaust aufzubauen. Heute erstrahlt in ihrer Geburtsstadt Breslau die Synagoge „Weißer Storch“ wieder in altem Glanz. Die Gemeinde zählt aber nur noch 350 Mitglieder – „schöne große Synagogen, aber keine Juden mehr“, kommentiert dies Zeitzeugin Gerda Bikales.

Breslaus Stadtpräsident Rafal Dutkiewicz setzt sich gegen Antisemitismus und Nationalismus ein, genauso wie viele Mitbürger, die im November 2016 am „Marsch der gegenseitigen Achtung“ teilgenommen haben. Zwei Tage später marschierten dann aber polnische Nationalisten durch Breslaus Straßen und skandierten „Großes Polen – katholisch!“ Sie wecken ungute Erinnerungen an die Stimmung im deutschen Breslau der Dreißigerjahre.

Weitere Termine im Union-Filmtheater am 19. und 26. November um 17.30 Uhr, für Schulvorführungen kann der Kinosaal auch zu anderen Zeiten reserviert werden.

 
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