Lörrach Berauschendes Jazzkarussell

Wer so Klavier spielt, hat gut lächeln: Martin Tingvall im Burghof. Foto: Veronika Zettler

Lörrach - Klaviertrios mit Bass und Schlagzeug sind nach wie vor eine der beliebtesten Besetzungsformen im Jazz. Selten aber hört man eines wie das Tingvall Trio, in dem die drei Instrumente derart gleichberechtigt nebeneinanderstehen, um sich ein ums andere Mal gegenseitig die Show zu stehlen - im durchweg positiven Sinn.

Mit viel Freiraum drum herum ist der Bass mittig auf der Burghof-Bühne platziert, gerahmt vom Klavier auf der einen und den Drums auf der anderen Seite. Die zentrale Position leuchtet dem Zuhörer sofort ein, als der Kubaner Omar Rodriguez Calvo nach einem gestrichenen Intro in ein scheinbar hundertfingriges Solo wechselt. Die ersten „Yeahs“ gehen durchs Publikum.

Schon vor vier Jahren im Burghof

Exzessiv, dramatisch, spektakulär: Attribute wie diese fallen den Besuchern in der Pause ein. Manch einer hat die international besetzte Gruppe schon vor vier Jahren im Burghof gehört. „Seither haben wir geübt“, meint Pianist und Komponist Martin Tingvall bei einer seiner lakonischen Ansagen. Zudem haben die Männer neuen Stoff herausgebracht: „Eineinhalb Alben“ sind es nach Tingvalls Rechnung. Im Koffer steckt aber nicht nur Material von der jüngsten Scheibe „Cirklar“, sondern vielmehr „Songs, die wir gerne spielen“, wie der in Hamburg lebende Schwede wissen lässt.

Beachtlich: Man muss kein Jazzfan sein, um diesen Sound genießen zu können. In ideenstrotzenden und überraschungsreichen Nummern durchstreift das mit dem Echo Jazz und zig weiteren Preisen ausgezeichnete Trio lustvoll unter anderem das Klassikfach. Rhythmisch, thematisch und stilistisch dreht sich das „Karusellen“, wie eins der neueren Stücke heißt, so ungestüm, dass man, wo man eben Rachmaninov oder Hindemith zu erkennen glaubte, plötzlich Oscar Peterson, Thelonious Monk oder Esbjörn Svensson hört. Und während man noch überlegt, ob das eben Schostakowitsch oder Pop war, schält sich aus dem extrem differenzierten und austarierten Sound schon wieder das Schlagzeug des aus Bremen stammenden Jürgen Spiegel heraus und übernimmt mit aberwitzig daherstürmendem Basstrommel- und High-Hat-Drive die Zügel.

Wo soll das enden? Wie soll das abklingen?

Wiewohl das weltweit tourende Trio in Balladen wie „Bland Molnen“ viel Raum für lyrische, romantische oder wie in „Walsäng“ für impressionistisch-klangbetonte Passagen lässt, liegen die Höhepunkte in sich dramatisch steigernden Up-Tempo-Nummern, die sich regelmäßig durch auf- und abwallende Motivschleifen anbahnen und dabei einen hypnotischen Sog erzeugen. Bei Stücken wie „Sjuan“ fragt man sich: Wo soll das enden? Wie soll das abklingen? Aber schnell wird klar: Die Drei haben samt und sonders raffinierte und kunstvolle Schlüsse ausgeklügelt, immer elegant, immer virtuos, häufig überraschend.

Schwerlich satthören kann man sich an Glanzstücken wie „Vägen“ und „Mustasch“, letzteres vom Debütalbum „Skagerrak“ (2006) und von Martin Tingvall als Tanzlied angekündigt. Auch wenn der Aufforderung zum Tanzen im gut gefüllten Saal keiner nachkommt: die vertrackte latingetränkte Nummer hinterlässt Eindruck.

Entsprechend stark fällt der Applaus nach zwei Konzertstunden aus. Zwei Mal klatscht das Publikum das Tingvall Trio für Zugaben hinter dem Vorhang hervor. „Bis bald wieder“, winkt Martin Tingvall. Na hoffentlich!

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