Lörrach „Brauchen Protest aus der Mitte“

Seyran Ates im Werkraum Schöpflin. Foto: Markus Greiß Foto: Die Oberbadische

„Wir wollten eigentlich über glückliche Dinge reden“, eröffnete Seyran Ates nach einer Schweigeminute ihren Vortrag „Frauen im Islam“, der in der Veranstaltungsreihe des Werkraums Schöpflin über das Glück auf dem Programm stand.

Von Markus Greiß

Lörrach. Doch der rassistisch motivierte Anschlag von Hanau überschattete auch diese Veranstaltung. Die Besucher erhoben sich am Freitagabend im überfüllten Werkraum zu einer Schweigeminute für die zehn Opfer. Ates beklagte, dass heute viele Menschen aus verschiedenen Richtungen mit Hass konfrontiert seien – von Seiten eines „widerlichen Rechtsextremismus“, aber auch eines wachsenden Antisemitismus und Islamismus. Hass erlebt Ates regelmäßig, weil sie sich gegen patriarchalische Strukturen und religiöse Gewalt wendet. 2017 gründete die muslimische Anwältin und Frauenrechtlerin die liberale Ibn-Rushd-­Goethe-Moschee in Berlin mit. In dem Gotteshaus beten Männer und Frauen gemeinsam, und Frauen können wie Männer jede Funktion ausüben – auch die der Imamin und der Muezzinin. Die Türen ihrer Berliner Moschee stehen auch für Menschen anderen Glaubens und für Atheisten offen, so Ates. Wegen ihres Engagements, zum Beispiel auch für Homosexuelle, werde sie „mehrheitlich von Muslimen bedroht“. Deshalb stehe sie permanent unter Personenschutz. Anders als im Jahr 1984, als sie bei der Beratung einer Klientin von einem Attentäter durch einen Schuss in den Hals lebensgefährlich verletzt wurde.

Bei ihrem Vortrag beschrieb Ates die damalige Situation eindrücklich als Nahtod- und letztlich beglückende Gotteserfahrung, denn Ates überlebte. Eine andere mutige Muslimin, die von kurdischen Eltern abstammende Berlinerin Hatun Sürücü, musste hingegen sterben. Die junge Frau wurde 2005 von ihrem Bruder erschossen. Sürücü hatte sich nach einer Zwangsheirat von ihrem Mann getrennt, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, was ihre Familie nicht akzeptierte.

Erst kürzlich besuchte Ates Sürücüs alte Schule, das Robert-Koch-Gymnasium in Kreuzberg. Von vielen Schülern dort habe sie zu hören bekommen, die junge Frau habe eine Bestrafung verdient gehabt. „Das macht mich traurig: Kinder wachsen auf, die Verbrechen im Namen der Ehre gut finden“, sagte Ates. Deshalb mahnt sie einen Paradigmenwechsel und einen „Protest aus der Mitte“ an. Kinder sollten auf Grundlage eines staatlichen Neutralitätsgebots in der Schule verschiedene Religionen in ihrer ganzen Vielfalt kennenlernen. Es müsse daran gearbeitet werden, vom Ausland finanzierte Imame und Lehrer zu verbieten. Und die deutsche Politik solle aufhören, die Moscheevereine zu hofieren.

In der türkischen Presse schlage Ates für ihre Positionen viel Hass entgegen, was sie noch mehr gefährde. Doch das bringt sie von ihrem Weg nicht ab. Von Lörrach aus fuhr sie nach Berlin zurück, um am Sonntagabend bei der Cinema-for-Peace-Gala am Rande der Berlinale eine Laudatio auf den prämierten Film „Nur eine Frau“ zu halten. Er erzählt das Leben und den Tod Hatun Sürücüs aus deren Perspektive.

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