Das Stimmenfestival wird 25 Jahre alt – eine gute Gelegenheit für einen Rückblick: In unserer Serie widmen wir jedem Stimmen-Jahrgang eine Seite. Die Folgen erscheinen bis zum Ende des diesjährigen Festivals in regelmäßigen Abständen. Heute fasst Veronika Zettler das Jahr 2010 zusammen.

Von Veronika Zettler

Lörrach. Wie an allen anderen Konzert- und Festivalorten gab die Zuschauermenge auch in Lörrach ab etwa 2007/08 ein verändertes Bild ab. Hunderte von leuchtenden Quadraten tanzten nunmehr über, vor und zwischen den Köpfen. Nachdem Steve Jobs auf der Macworld das iPhone vorgestellt hatte, hielt das Smartphone endgültig in alle Lebensbereiche und so auch bei Konzerten Einzug.

Nicht alle, aber unübersehbar viele Konzertgänger etablierten umgehend zwei neue Leidenschaften. Erstens: Konzerte mit dem Handy zu filmen und alles Geschehen im Displayformat zu verfolgen. Zweitens: Selfies von sich plus Künstler irgendwo im Hintergrund zu knipsen.

Ersteres irritierte und nervte vor allem anfangs die meisten Künstler und wohl auch so manchen Konzertbesucher – allein: Kein Kraut schien dagegen gewachsen. 2009 stand der Belgier Milow als Support von James Morrison vor einem Meer filmender Smartphones auf der Lörracher Marktplatzbühne. Im Jahr 2010, Milow diesmal als Headliner, sollten es noch mehr sein.
Weniger intensiv gefilmt wurden – wohl der Altersstruktur des Publikums geschuldet – zwei Barden, die ohnehin ganz ihre eigenen Traditionen lebten.

Anfang 2010 hatte Lucio Dalla, zur überbordenden Freude seiner Fans, ein gemeinsames Programm mit seinem langjährigen Freund Francesco De Gregori angekündigt. 30 Jahre nach der legendären gemeinsamen Tournee „Banana Republic“ gingen die italienischen Cantautori erstmals wieder zusammen auf Tour. Titel: „Duemiladieci (2010) – Work in Progress“.

Große Liedpoeten mit italienischen Evergreens

Jeder der beiden großen Liedpoeten hat bergeweise italienische Evergreens geschrieben, die „sempra di moda“ eben zeitlos sind. Und wozu Deutsch oder Englisch sprechen, wo Italienisch doch viel schöner klingt, mögen sie sich gesagt haben, als sie mit dem Lörracher Publikum auf dem Marktplatz munter italienisch parlierten.

Dalla und De Gregori spielten die Songs querbeet aus ihren frühen, mittleren und späten Schaffensphasen und sorgten zum Schluss nochmals für Gänsehaut mit ihren jeweils solo vorgetragenen Hits „La Donna Cannone“ (De Gregori) und „Caruso“ (Dalla). Ein großartiger Auftritt des damals 59-jährigen De Gregori und des 67-jährigen Dalla, der zwei Jahre später verstarb. In Lörrach gab er eines seiner letzten Deutschland-Konzerte.

Noch ältere Stimmentraditionen konnte das Publikum beim Eröffnungskonzert mit der norwegischen Sängerin und Komponistin Kristin Asbjørnsen und dem legendären „Los Angeles Crenshaw Gospel Choir“ genießen. Den Fluss durchschwimmen, den Berg erklimmen, hinter dem das Gelobte Land die Geknechteten erwartet: In zig Variationen erzählten die Gospels und Spirituals von der Sehnsucht nach Gott, der Reise ins Paradies, gepaart mit dem Ausgang aus der Sklaverei. Hatte Kristin Asbjørnsen in der ersten Hälfte eine geradezu kontemplative Atmosphäre geschaffen, präsentierte der Chor eine energiegeladene Show im Stil von „Sister Act“ und einen um ein vielfaches gestiegenen Lautstärkepegel.

Komplette Klaviatur musikalischer Emotionen auf der Marktplatzbühne

Derweil wurde auf der Marktplatzbühne im Sommer 2010 die komplette Klaviatur musikalischer Emotionen gespielt. Norah Jones wirkte in sich gekehrt bei einem sanften, eindringlichen Konzert, Jan Delay hingegen feierte mit 4500 Besuchern eine glitzernde, ausgelassene Party. Popprediger Xavier Naidoo kam bereits zum dritten Mal zu Stimmen und gab ein bei 5000 Zuhörern ausverkauftes Konzert mit sämtlichen Mitsingtiteln wie „Und wenn ein Lied meine Lippen verlässt“, „20.000 Meilen“, „Ich kenne nichts“ und „Dieser Weg“.

Selbst wer nicht auf Naidoo abfuhr, konnte spaßeshalber auswendig mitsingen – so oft, wie die Stücke damals im Radio sowie sämtlichen Kneipen und Läden gespielt wurden. Schon der Soundcheck am Nachmittag war etwas Besonderes: Über 1000 Zuschauer lauschten dem kleinen Gratiskonzert des Mannheimers. Schöner war nur der buddhistisch angehauchte Soundcheck von Leonard Cohen im Jahr 2008 mit noch mehr andächtig Lauschenden.

2010 auch mit dabei, diesmal als Vorgruppe von Milow, der Schweizer Rapper Bligg. „Für uns ist schon allein die Tatsache, dass wir in Deutschland spielen, etwas Besonderes“, sagte der Zürcher im Interview mit unserer Zeitung. Trotz einzelner Verstehensschwierigkeiten mit dem rasant und brachial gerappten Züri-Dialekt kam Bligg längst nicht mehr nur beim aus der Schweiz angereisten Publikum an. Bereits im folgenden Frühling gab er ein mitreißendes Konzert im Burghof.

Prall gefülltes Kursprogramm der Sommerwerkstatt

Die eigenen Gesangskünste verfeinern konnten Stimmenfreunde beim prall gefüllten Kursprogramm der Sommerwerkstatt Gesang, die sich unter der Leitung von Fraua Kruse-Zaiß internationaler und experimentierfreudiger denn je präsentierte. Mehr als die schlichte Freude am Singen musste man für den Großteil der Workshops nicht mitbringen. So namhafte wie unterschiedliche Dozenten gaben ihr Wissen weiter, darunter Lisa Sokolov, Hermia Schlichtmann, Uli Führe, Beat Lehmann, Georg Hausammann, Christian Zehnder, Christoph Schönherr und die Sänger des irischen A-Cappella-Trios „White Raven“. Ebenfalls spannend der Kurs der Exil-Iranerin Maryam Akhondy, die ihre Kursteilnehmer mit lautmalerischen Instruktionen in den Künsten persischer Volksmusik unterwies.

Acht Konzertorte im Dreiland, über 30 Bands, Ensembles und Solisten standen auf dem Programm der kompakten 17. Auflage. Das Stimmenjahr 2010 markierte aber auch eine Zäsur: Helmut Bürgel, ohne den man sich das Festival zu diesem Zeitpunkt gar nicht vorstellen konnte, musste krankheitsbedingt pausieren.

Susanne Göhner, seit 1997 beim Burghof-Team, sprang ein, verließ Lörrach aber zum Ende der Saison. Stimmenvater Bürgel organisierte 2012 letztmals ein Festival, ehe er das Zepter an Markus Muffler übergab. In einem Interview mit der Basler Tageswoche meinte Bürgel: „Ich habe das Gefühl, dass ich als Festivalmacher alles gesagt habe, was ich sagen kann“.

Die Autorin
Veronika Zettler ist freie Journalistin und berichtet für unsere Zeitung seit vielen Jahren über das Stimmenfestival. Für die Jubiläumsserie hat sie alte Zeitungsbände gewälzt, um die Höhepunkte der jeweiligen Jahrgänge herauszufiltern.
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