Lörrach Das Leben in der Krise

Lörrach - China, Italien, Österreich und nun auch Frankreich: Um die Ausbreitung des Coronavirus zumindest zu verlangsamen, werden in immer mehr Ländern Geschäfte, Cafés und Spielplätze geschlossen. Auch bei uns könnte das bald passieren. Die Grenzen im Dreiländereck werden bereits ab Montag nur noch für Grenzgänger und Warenverkehr geöffnet sein. Doch wie lebt es sich in so einer Ausnahmesituation? Erfahrungen aus Lörrach und Da Nang, wo Auswanderer Manuel Wendle seit Wochen mit den Auswirkungen konfrontiert ist.

„Eine Kugel Schokolade und einmal Banane bitte.“ Am Samstagnachmittag erinnert am Alten Marktplatz in der Innenstadt wenig an „eine Stadt im Krisenmodus“, wie wir in unserer Samstagsausgabe getitelt hatten. Eis- und Straßencafés sind gut besetzt, die Menschen genießen die warme Frühlingssonne. Auch im Rosenfelspark tummeln sich am Vormittag Kinder, Eltern und sogar einige Großeltern auf dem Spielplatz.

Scheinbar normaler Frühlingstag in der Fußgängerzone

Das gleiche Bild herrscht auch noch am Sonntagnachmittag – ein scheinbar normaler Frühlingstag in der Fußgängerzone. Auf dem Tüllinger Lindenplatz stehen die Autos derweil dicht gedrängt – darunter viele aus der Nordwestschweiz und dem Elsass.

Nur in den Supermärkten herrschte am Samstagmorgen Ausnahmezustand: „Das ist schlimmer als an Weihnachten“, befand eine Kundin, die mit ihren überfüllten Einkaufswagen laut eines Facebook-Eintrags in der Kassenschlange im Kaufland stand, die zeitweise bis zur Fleischtheke – mehr als 50 Meter – reichte. „Die machen uns fertig“, beklagte eine Hieber-Mitarbeiterin, die gar nicht mehr schnell genug die Regale wieder füllen konnte, im Vorbeigehen.

Die Menschen bleiben von sich aus Zuhause

So etwas wäre am anderen Ende der Welt, in Vietnam, derzeit unvorstellbar: „Die Menschen haben Angst und bleiben von sich aus möglichst Zuhause“, schildert Manuel Wendle via Skype. Er stammt ursprünglich aus Ötlingen, hat in Basel eine Banklehre absolviert und danach bei der Kantonalbank und UBS in Basel die Finanzkrise erlebt. Zwischen 2012 und 2019 pendelte er jahresweise und projektbezogen zwischen Vietnam und dem Dreiländereck. Seit gut einem Jahr lebt er nun dauerhaft mit seiner Frau Thao und zwei Kindern in Da Nang. Dort war der Virus schon im Januar ein großes Thema: „Um den 20. Januar kam die erste Meldung aus China, da war gleich Alarmstimmung. Die Menschen wollten sofort die Grenzen schließen“, schildert er via Webcam.

Wendle hat sich in der Hafenstadt mit mehr als einer Million Einwohner selbstständig gemacht und die Firma „Culture Bridge“ gegründet. Sie berät Firmen und Regierungsorganisationen, um internationale Kooperationsprojekte zwischen Vietnam und anderen Ländern voranzubringen. Entsprechend interessiert verfolgt er die Entscheidungen: „Die Regierung hier hat präventiv und mit breiter Unterstützung der Bevölkerung starke Maßnahmen durchgesetzt und das öffentliche Leben eingeschränkt. Zusätzlich gehen die Vietnamesen sehr vorsichtig mit der Situation um. Das hat hier den großen Stillstand gebracht.“

„Hier bin ich bald einer der letzten Europäer“

Zudem sei es aktuell fast unmöglich ins Land einzureisen und Ausländer ohne Aufenthaltstitel müssten in ihre Heimatländer zurückkehren. Für die Touristen- und Hotelbranche hat das laut Wendle dramatische Folgen: „Viele haben bereits ihren Job verloren. Sie schlagen sich so durch, aber die Situation wird von Woche zu Woche schwieriger.“ Denn die Stadt lebe vom Tourismus, nun sei die Innenstadt weitgehend leer: „Hier bin ich bald einer der letzten Europäer“, erklärt Wendle.

Gleichwohl könne man sich – wenn man möchte – „frei bewegen und alles unternehmen, wenn man nicht in einem Quarantäne-Gebiet ist“. Für die Menschen im Land gebe es keine Einschränkungen – bis auf die Direktive, im öffentlichen Raum Mundschutz zu tragen. Dennoch seien die Straßen weitgehend leer. „Hin und wieder fahren Lastwagen vorbei, die Güter transportieren, aber die Menschen machen nur das Nötigste.“

Gemüsegarten und Online-Unterricht

Auch seine Familie geht seltener Einkaufen. Stattdessen haben sie ihren Garten in einem eher ländlich geprägten Außenbezirk von Da Nang umgestaltet und bauen nun mehr Gemüse an. „Jetzt gibt es täglich Frisches aus dem eigenen Garten. Damit könnten wir uns und die Nachbarn im Notfall zwei Wochen gesund ernähren.“

Die Schulen wurden bereits direkt nach dem Mond-Neujahr im Januar geschlossen. In vielen Familien werden die Schüler laut Wendle seither von den Großeltern betreut. Seine Kinder, die eine internationale Schule besuchen, erhalten jede Woche sogenannte „Activity-Boxes“ mit Aufgaben via Internet. „Sie reichen die Aufgaben dann über eine App ein und erhalten eine Rückmeldung von den Lehrern.“ Der Klassenlehrer biete außerdem einmal am Tag eine Online-Unterrichtsstunde an, damit etwas Lernroutine erhalten werden könne.

Bekämpfung statt Eindämmung

Grundsätzlich verfolgen Vietnam und auch andere Länder in Asien seit Beginn der Corona-Krise eine ganz andere Strategie als die europäischen Staaten: Bekämpfung statt Eindämmung. „Sie wollen das Virus ausrotten“, betont Wendle. Wer positiv getestet werde, komme sofort ins Krankenhaus, alle Kontaktpersonen in spezielle Lager statt häuslicher Quarantäne. „Eine heftige Entscheidung, aber damit hat man das Virus bisher unter Kontrolle gehalten und wird das auch rigoros durchziehen, bis ein Impfstoff da ist“, sagt Wendle. Das Resultat: sehr tiefe Fallzahlen – Stand Samstag rund 50 Fälle.

Manuel Wendle sieht in den unterschiedlichen Strategien indes „eine Gefahr für das Verständnis zwischen den Kulturen“ und die Wirtschaft werde auf lange Sicht bedroht, da sich viele globale Unternehmen in eine starke Abhängigkeit von Asien begeben hätten. Denn Wendle ist überzeugt: „Die Asiaten werden ihre Länder für die Europäer und Amerikaner erst wieder aufmachen, wenn diese das Virus im Griff haben oder flächendeckend geimpft wurde.“

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